Europa

Monster und Ungeziefer, Alte und Kranke – Wie und warum ein US-Staatssender Russen entmenschlicht

Seit Jahren veröffentlicht der US-Staatssender Radio Liberty Bilder des ukrainischen Karikaturisten Alexei Kustowski. Sein Hauptthema sind Putin und die "russische Welt". In der Regel bezeichnet er seine Protagonisten als Ungeziefer und sonstige Ekelwesen.
Monster und Ungeziefer, Alte und Kranke – Wie und warum ein US-Staatssender Russen entmenschlichtQuelle: AFP © Michail Zizek

von Wladislaw Sankin

"Radio Free Europe will die Werte der Demokratie und der Zivilgesellschaft verbreiten, indem es ein Publikum in Ländern erreicht, in denen die Pressefreiheit entweder verboten, von den Behörden eingeschränkt oder noch nicht zu einer Norm des öffentlichen Lebens geworden ist. Die Journalisten von Radio Liberty/Radio Free Europe (RFE/RL) versorgen die Öffentlichkeit mit dem, was sie von den lokalen Medien nicht erfahren kann. Das sind Nachrichten ohne Zensur, vernünftiger und verantwortungsvoller Meinungsaustausch."

Mit diesen Slogans wirbt der US-Staatssender Radio Liberty auf seinen YouTube-Kanälen in Russland, der Ukraine und anderen Staaten der ehemaligen Sowjetunion um Publikum. Nicht ohne Erfolg, zumindest wenn man die Abonnentenzahlen anschaut. Der russischsprachige Kanal hat über eine Million Abonnenten, der ukrainischsprachige knapp 500.000.

Seit den Anfängen der modernen westlichen Presse gehört auch die politische Karikatur zur öffentlichen Kommunikation. In der Ukraine bleibt RFE/RL in der Tradition der angelsächsischen Zeitungen und lässt preisgekrönte Karikaturisten wie Alexei Kustowski für seine Webseiten satirische Bilder zeichnen. In einem Twitter-Thread zeigt der russische Journalist Leonid Ragosin, wie weit der US-Sender dabei von den selbst proklamierten Zielen eines "verantwortungsbewussten" Meinungsaustauschs entfernt ist.

"Ich weiß nicht, was für ein kranker Geist die Karikaturen von Kustowski auf der von den USA finanzierten RFE/RL-Website zulässt, aber dieses Ausmaß an entmenschlichender Fremdenfeindlichkeit ist einfach erstaunlich (und einen eigenen Thread wert). Hier rennen russischsprachige Kakerlaken davon, während die Ukraine ein Buch in ukrainischer Sprache liest", kommentiert er eines der aktuellen Bilder.

Auf den anderen von ihm geposteten Bildern ist zu sehen, dass diejenigen, die die ukrainische Sprache mögen, schick, jung und modern sind, während diejenigen, die an der russischen Sprache festhalten, alt, krank und aggressiv dargestellt werden.

Auf dem anderen Bild ist der ukrainische Präsident Wladimir Selenskij zu sehen, der für seine Russischkenntnisse verhöhnt wird. "Präsident Selenskij ist ein kleines Arschloch, das der Größe der Ukraine nicht würdig ist. Weil er angeblich russischsprachig ist", kommentiert Ragosin.

"Natürlich ist die Zwangsassimilation von Minderheiten der schnellste und direkteste Weg in die EU", kritisiert er ein Bild von einem Hochgeschwindigkeitszug, der das repressive Sprachgesetz verkörpert.

Eine weitere Karikatur auf den inzwischen verstorbenen Oberbürgermeister von Charkow Gennadi Kernes sieht er in der antisemitischen Tradition der Nazi-Propaganda. Die "Prorussen" und "Sowjet-Nostalgiker" tragen dabei durch die Bank Hammer und Sichel.

Dieser Journalist ist allerdings niemand, der gewillt wäre, Wasser auf die Mühlen der sogenannten "russischen Propaganda" zu gießen, die angeblich darum berühmt sei – so der alte Vorwurf –, der Ukraine ein "Faschismus-Problem" anzuhängen (natürlich grundlos!). Ragosin arbeitete für Newsweek, die BBC und Al Jazeera. Derzeit befindet er sich in der freiwilligen Emigration in der lettischen Hauptstadt Riga, weil er der Meinung ist, dass Russland von einem national-patriotischen Geist erfasst sei und von "gemeinen" Menschen regiert werde.

"Patriotismus ist für mich ein Schimpfwort; das Gerede vom Aufbau einer Nation ist für mich ein Zeichen von Idiotie", schreibt Ragosin auf seinem Facebook-Account.

Seine Twitter-Kritik gilt nun sowohl den Auswüchsen des ukrainischen Nationalismus, zu denen auch die Entmenschlichung der Russen und Russischsprachigen gehört, als auch dem vom US-Kongress finanzierten Sender, der das offenbar toleriert.

Oder sogar fördert? Unsere Recherchen zeigen, dass Kustowski schon seit vielen Jahren im Auftrag des RFE/RL arbeitet und diese Art der Russendarstellung kein Zufall ist. In der Vergangenheit hat er bei dem US-Sender schon Hunderte Bilder in der langjährigen Tradition der Russen- und Sowjetfeindlichkeit veröffentlicht.

Putin, Russen und seine angeblichen Agenten in der Ukraine werden von ihm stets als äußerst ekelhafte, monströse und blutrünstige Wesen dargestellt, wobei Putin auf allen Bildern ein Sowjet-Symbol wie den Roten Stern oder Hammer und Sichel trägt. Auch über die Schließung der drei Fernsehsender 112 Ukraine, NewsOne und ZIK per Erlass des Sicherheits- und Verteidigungsrates wird "gelacht", nur unter einem anderen Vorzeichen – deren Betreiber haben nach Meinung des Karikaturisten eine gerechte Strafe dafür erhalten, dass sie angeblich direkt aus dem Kreml gesteuert werden.

Merkwürdig für einen Sender, der in diesem Teil Europas missionarisch unterwegs ist, um den Menschen die schönen Werte der Pressefreiheit beizubringen! Dabei kommt diese Lesart direkt aus Washington. Es ist kein Zufall, dass die US-Botschaft wenige Wochen zuvor die Sanktionen gegen die drei Fernsehsender ausdrücklich begrüßt hatte:

"Die USA unterstützen die Bemühungen der Ukraine, dem bösartigen Einfluss Russlands entgegenzuwirken. (...) Wir müssen alle zusammenarbeiten, um zu verhindern, dass Desinformation als Waffe in einem Informationskrieg gegen souveräne Staaten eingesetzt wird", twitterte die US-Botschaft am 3. Februar. 

Die Flut der Hass-Bilder könnte also genauso ein Produkt einer in Washington durchdachten Strategie sein, wobei das nach außen getragene schöne Selbstbild des Senders reine Propaganda-Fassade ist, die mit der Realität nichts zu tun hat. Das ist die bittere Erkenntnis der russischen Journalisten, die mehrere Jahre im Hauptbüro des US-Senders in Prag gearbeitet haben – in der Hoffnung, ehrlichen Journalismus zu machen.

REF/RL ähnelt viel eher einer Anstalt, in der die Mitarbeiter Anweisungen von oben erhalten und via Denunziantentum untereinander strengstens kontrolliert werden, als einer freien journalistischen Vereinigung. Vor der Einstellung müsse man unzählige Unterlagen ausfüllen, man werde einem Verhör am Lügendetektor unterzogen und auf ideologische Loyalität geprüft, erzählte Alexander Orlow RT, der in den Jahren 2015 bis 2017 die zentralasiatische TV-Redaktion geleitet hatte. Selbst Notizen und Arbeitsentwürfe der Redakteure würden kontrolliert. 

Sollte sich jemand schließlich durch abweichende Meinungen als "Dissident" erweisen, wird er umgehend entlassen und vor den Augen der Kollegen im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Firmengebäude geworfen. Die Arbeitsmittel werden dabei durch ein spezielles erniedrigendes Ritual demonstrativ vernichtet.

Der gegen Russland gerichtete ukrainische Nationalismus wird nicht nur toleriert, sondern auch bewusst gesteuert. So wurde sein Bericht über ein Trainingslager für Kinder des rechtsextremen Bataillons Asow bei Kiew verhindert, erzählt Orlow. Ein US-Amerikaner namens Michael, der Vizepräsident des Senders, soll ihm dabei gesagt haben:

"Die Ukraine braucht doch ein bisschen von diesem nationalen Sozialismus, sonst kann sie nicht gewinnen. Von unserer Seite aus geht es vor allem darum, sie unter Kontrolle zu halten und nicht zuzulassen, dass unsere Feinde sie als Faschisten bezeichnen. Sie sind Patrioten, sogar Ultrapatrioten, aber keineswegs Nazis, wie Sie sie hier genannt haben."

Eine ähnliche Geschichte erzählt ein anderer Ex-Journalist des US-Senders, Andrei Babizki. Im Jahre 2014, in der Hochphase des Donbass-Krieges, sendete er Bilder von Opfern einer Erschießung durch ukrainische Paramilitärs an die moldawische Redaktion. Sie wurden "versehentlich" veröffentlicht, und es gab einen großen Skandal, der mit seiner Entlassung endete.  

"Sobald die Mitarbeiter die schrecklichen Bilder sahen, wurde die ukrainische Nachrichtenredaktion einfach rasend vor Wut. Im Radio spielte sie die Rolle des kollektiven Goebbels und sorgte dafür, dass niemand auch nur einen Millimeter von der ukrainischen (offiziellen) Version der Ereignisse abweicht. Diese Redaktion löste eine solche Welle der Wut, des Zorns und der blinden Raserei aus, dass der von den Amerikanern eingesetzte Präsident des Senders entsetzt war", erinnerte sich der Journalist im RT-Artikel "Hört auf, euch Radio Liberty zu nennen".

Beide geschilderten Geschichten ereigneten sich relativ kurz nach dem Maidan, in den Jahren 2014 und 2015. Aber seitdem hat sich sowohl an der thematischen Ausrichtung als auch an der Wortwahl kaum etwas geändert. RFE/RL steht in einer festen jahrzehntelangen Propaganda-Tradition. Das zeigen auch die aktuellsten, vom russischen Journalist kritisierten "Karikaturen", die der Sender gerne als politische Satire bezeichnet.

Die "Experten" des Senders bedienen sich nach wie vor einer ähnlichen Rhetorik wie die antirussischen Falken aus Regierung und Militär in Kiew, wenn sie die Ukraine als Vorposten der "zivilisierten Welt" bezeichnen. In diesem Koordinatensystem ist Russland ein zivilisationsferner "nördlicher Nachbar", "Moskowia", das ewige Reich der Unterdrückung und Sklaverei. 

Mehr zum Thema - Umfrage: 41 Prozent der Ukrainer bejahen die historische Einheit von Ukrainern und Russen

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