Meinung

Globale Gaskriege: Der Spaß fängt erst an!

Das mit der Gasversorgung klappt schon, sollen wir glauben, auch ohne Nord Stream 2. Dabei wird allerdings übersehen, dass es weltweit noch ein paar andere Interessenten gibt, die womöglich bereit sind, weit mehr zu zahlen.
Globale Gaskriege: Der Spaß fängt erst an!Quelle: www.globallookpress.com © Matthias Bein

von Dmitri Orlov

Im September durchbrach der Spotpreis für Erdgas in Europa die psychologisch wichtige Schwelle von 1.000 US-Dollar für tausend Kubikmeter, oder ein Dollar pro Kubikmeter. Das hatte quer durch Europa bereits einige deutliche Folgen. In Großbritannien können die Düngemittelfabriken bei diesen Preisen nicht mehr arbeiten und wurden stillgelegt. Das wird im weiteren natürlichen Verlauf zu einer Inflation der Nahrungsmittelpreise führen, aber die unmittelbare Wirkung ist, dass die Konsumenten abgepacktes Fleisch und Bier vermissen, infolge eines Mangels an Trockeneis, das ein Nebenprodukt der Düngerproduktion ist.

Währenddessen sind, auf der ganz anderen Seite dessen, was als Europäische Union übrig ist, in den baltischen Zwergstaaten die Strompreise jetzt zehn Mal so hoch wie jenseits der Grenze in Russland. Natürlich sind sie willkommen, in Russland billigen und in Fülle vorhandenen Strom zu kaufen, aber der müsste über Weißrussland und Litauen kommen, und die Litauer haben ihre Beziehungen zu Weißrussland strategisch ruiniert, indem sie die flüchtige Swetlana Tichanowskaja aufnahmen, die eine Art weißrussischer Juan Guaidó ist.

Auf der anderen Seite von Weißrussland liegt die Ukraine, wo die Dinge noch spaßiger sind. Im Frühjahr 2019 lehnte die Ukraine Russlands großzügiges Angebot ab, ihr Gas für 240 bis 260 Dollar für tausend Kubikmeter zu verkaufen (ein Viertel des Spotpreises im September) und entschied stattdessen, es auf dem Spotmarkt zu kaufen. Das Ergebnis dessen ist, dass die Ukraine 13 Milliarden Kubikmeter Gas in den Speichern braucht, um durch die Heizperiode zu kommen, aber weniger als 5 hat. Aber sie kann doch immer das, was sie braucht, auf dem Spotmarkt kaufen, oder? Falsch! Die Ukraine ist pleite und hat null Budget für diese Zwecke. Glücklicherweise kann sie immer noch billigen Strom in Russland kaufen – zumindest, bis ukrainische Nationalisten beschließen, die Leitungen nach Russland zu sprengen, wie sie es vor einiger Zeit mit jenen auf die russische Krim taten, was dort zu Energiemangel führte und die Russen zwang, eine Energiebrücke vom Festland her zu errichten, ein Prozess, der fast ein Jahr in Anspruch nahm.

Aber anders als die Ukraine, die pleite ist, müssen Länder in der EU nicht frieren, weil sie einfach das Gas, das sie brauchen, auf dem Spotmarkt kaufen können, in Gestalt von LNG, oder? Falsch! Der LNG-Markt ist global, und die ostasiatischen Mitbewerber Europas – China, Südkorea und Japan – können sie beim verfügbaren Angebot immer überbieten. Diese drei Länder haben über Jahrzehnte strukturelle Defizite mit den Vereinigten Staaten aufgebaut und haben eine ungesunde Menge an US-Staatsschulden aufgehäuft. Jetzt, da sich die USA einem Staatsbankrott nähern und/oder eine Dollar-Hyperinflation auslösen, indem sie es ihren Staatsschulden erlauben, die Schwelle von 30 Billionen zu durchbrechen, sind sie begierig darauf, so viel von diesem Hort wie möglich loszuwerden, indem sie sie gegen benötigte Rohstoffe tauschen, wie Erdgas. Es ist ihnen nicht wichtig, wie viel das Gas kostet, denn der eventuelle Wert der US-Schulden ist Null, und etwas ist immer besser als nichts. Daher stehen die Chancen gut, dass die EU diesen Winter solidarisch mit der Ukraine im Dunkeln zittert.

Aber in den Vereinigten Staaten ist alles viel besser, die schließlich stolze Exporteure von Erdgas sind, dank dessen, was von ihrer Fracking-Industrie übrig ist. Wieder falsch! Die Industrial Energy Consumers of America (IECA), eine Lobbygruppe der chemischen und Nahrungsmittelindustrie, hat gerade gefordert, dass das US-Energieministerium den Export von LNG begrenzt. Andernfalls, so sagen sie, würden durch sehr hohe Erdgaspreise zahlreiche US-Unternehmen nicht mehr wettbewerbsfähig und gezwungen sein zu schließen. Die Preise sind im Vergleich zum Vorjahr bereits um über 41 Prozent gestiegen. Aber das ist nicht genug, um die Produktion anzukurbeln: Die Erdgasproduktion in den USA fällt gemeinsam mit der Zahl der Bohrungen und die Menge Erdgas in den Speichern liegt schon 7,4 Prozent unter dem Durchschnitt der Vorjahre. Versuche, die Exporte an LNG zu begrenzen, werden lautes Geschrei bei den Lobbyisten der Energieindustrie auslösen, die ziemlichen Einfluss auf das Capitol haben, und zu langwierigen politischen Gefechten in einem bereits tief gespaltenen und übellaunigen US-Kongress führen.

Währenddessen könnte, zurück in der EU, tatsächlich etwas getan werden, das diese Krise unmittelbar abwenden könnte: Nord Stream 2 anschalten, das fertig gebaut ist, indem man das bürokratische, verschleppende europäische Protokoll beiseiteschiebt, das den Prozess der Zertifizierung in die Länge zieht, und indem man die wirklich idiotische Beschränkung aufhebt, dass es nur mit der halben Kapazität genutzt werden darf. Russlands Gazprom wäre absolut bereit, einen langfristigen Liefervertrag zu einem vernünftigen Preis zu unterzeichnen, wie es das mit Ungarn getan hat. Aber momentan scheint ein solcher Sinneswandel unwahrscheinlich. Auf der einen Seite sind die Fundamentalisten des freien Marktes immer noch vom blinden Glauben erfüllt, dass der freie Markt ihre Bevölkerungen schon vor dem Erfrieren bewahren wird; und auf der anderen Seite scheinen Umweltschützer zu glauben, dass das Erfrieren ein tugendhafter Akt sei, der hilft, den Planeten vor Überhitzung zu retten. Die Schneeschmelze des kommenden Frühlings enthüllt vielleicht eine politische Landschaft, die mit den gefrorenen Leibern von Umweltschützern und Freimarktfanatikern übersät ist. Wir alle sollten ihnen natürlich das Beste wünschen, ob sie es verdient haben oder nicht.

RT DE bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

Dmitry Orlov ist Computeringenieur, Autor mehrerer Bücher (auf Deutsch erhältlich: Die Lehre vom Kollaps) und Blogger.

Übersetzung aus dem Englischen.

Mehr zum Thema - Auf Weißrussland zielen, das eigene Knie treffen: Über Sinn und Unsinn von Sanktionen

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