Meinung

"Die Pflicht, sich impfen zu lassen" – Angela Merkel und der neupreußische Untertan

Gehorsam, Pflicht und Untertanengeist, das verlangte einst das Deutschland Wilhelms II. seinen Einwohnern ab, die nicht zu Bürgern werden durften. Man wollte einen Platz an der Sonne, und am deutschen Wesen sollte die Welt genesen. Inzwischen sind wir ganz woke, und doch wilhelminisch.
"Die Pflicht, sich impfen zu lassen" – Angela Merkel und der neupreußische UntertanQuelle: www.globallookpress.com © Scherl

von Dagmar Henn

Es passt, ungerufen. Während ich darüber nachdenke, warum Angela Merkels Aussage, man habe als Mitglied der Gesellschaft die Pflicht, sich impfen zu lassen, bei mir spontane Übelkeit auslöst und mir den Spruch, es sei süß und ehrenvoll fürs Vaterland zu sterben, durchs Gedächtnis jagt, wird ein Artikel über die neuesten Vorschläge des Grauens aus der Leopoldina vom Werbealgorithmus mit einer Anzeige der Bundeswehr in Flecktarn dekoriert: "66 Jahre für die Freiheit."

Da ist dann schon fast die ganze Verlogenheit beisammen, nur der Stahlhelmtonfall des Tagesschau-Kommentars zu Polen/Weißrussland fehlt noch: "Was, wenn manche Staaten die Nerven verlieren und dafür plädieren, Sanktionen gegen Minsk und Moskau zurückzunehmen? Die EU würde sich von Lukaschenko und Putin in die Knie zwingen lassen, für immer erpressbar machen."

Es dürfte eigentlich nicht sein, dass die Summe aus Wokeness, Klimaschutz, Corona und NATO auf Pickelhaube und Stahlhelm hinausläuft, und doch ist es so. Neupreußen liebt den Untertan wie eh und je, und wer sich nicht daran erinnert, was das bedeutet, kann es jederzeit bei Heinrich Mann nachlesen. Neupreußen will Gehorsam und Unterwerfung, von seinen Insassen wie vom Rest der Welt. Gesellschaftsvertrag, das ist welsche Ketzerei. Der neupreußische Einwohner hat zu geben, nicht zu nehmen.

Und ja, die abtretende Kanzlerin hat gesagt, "bis zu einem gewissen Grad hat man als Mitglied der Gesellschaft auch die Pflicht, sich impfen zu lassen," aber "bis zu einem gewissen Grad" ist schwer zu realisieren in Bezug auf eine Handlung, die es nur in ganzen, positiven Zahlen gibt. Keinmal geimpft, einmal geimpft, zweimal geimpft… die Einschränkung ist also nicht als solche gemeint, sondern soll nur so tun als ob. Als ob wir demokratisch wären.

Wobei es durchaus interessant ist, dass die deutsche Maggie Thatcher, die die letzten sozialen Reste aus der westlichen wie der östlichen Republik in der Spree ersäufte wie einen Wurf junger Katzen, plötzlich das Wort "Gesellschaft" in den Mund nimmt, von dem ihr großes britisches Vorbild einmal sagte, so etwas wie Gesellschaft gäbe es nicht. There is no such thing as society.

Aber sie meint nicht Gesellschaft. Da ist sie ganz wilhelminisch, es gibt die von Gott zum Herrschen bestimmten und dann die anderen, deren Pflicht es ist, zu gehorchen. Der calvinistische Protestantismus, der uns auch all die hübschen US-Geschäftskirchen beschert hat, sah das immer so; so voller Gottesgnadentum wie der finsterste Inquisitor, nur wesentlich offener fürs Geschäft. Die Pfarrerstochter meint auch, die besitzlosen Klassen hätten diesem Staat etwas zu danken, und wenn er zehnmal Wohnungslosigkeit und Armut und alle anderen Ebenen des Verfalls ignoriert, weil er sich ums Wohlergehen der Milliardäre sorgt.

Jede einzelne der Einflüstertruppen, die dafür sorgen, dass die Predigt so schön glatt und geschlossen bleibt, die medial verabreicht wird, ist ein zu diesem Zweck geschaffenes Kunstprodukt ohne jegliche demokratische Legitimation. Ob Leopoldina, Ethikrat, RKI oder die als "Nichtregierungsorganisationen" getarnten Wurmfortsätze der Oligarchen, sei es das Kinderhüpfen oder die "Faktenchecker" – sie alle wirken mit an einer erstickenden Decke der Obrigkeitshörigkeit, wie sie die wilhelminische Staatskirche nicht dichter hätte weben können. Und unter dem dekorativen Gesäusel einer scheinbaren Toleranz ist der alte Gleichschritt zu hören, samt "süß und ehrenvoll ist es," links zwo drei, wo der Feind wohnt, wissen wir ja schon.

Die ganze Republik verwandelt sich in ein Boot-Camp. Jeder Wirtshausbesuch wird mit einem "Jawoll, Herr Wachtmeister" verknüpft. Der Kopf, das lehren die unzähligen logischen Brüche in jeder der verbreiteten Erzählungen von Corona bis Weißrussland, ist nicht zum Denken da, sondern nur dafür, dass der Helm nicht herunterfällt. Das müssen wir noch ein kleines bisschen üben.

Der Mensch ist in Neupreußen keiner, sofern ihm das nicht amtlich bescheinigt ist. Damit ihm das bescheinigt wird, muss er sich beugen lassen. Rumpfbeugen, Kniebeugen, Denkbeugen, das Gebeugte ist die natürliche Haltung all jener, die nicht qua reichem Erbe zur Herrschaft bestimmt sind. Und wer sich beugen lässt, bekommt bescheinigt, seine Pflicht erfüllt zu haben, und darf sich daran aufrichten.

Für den braven Untertan ist die Welt voller Feinde. Innerer Feinde, die an Verschwörungstheorien glauben, die Impfstoffe anzweifeln oder die Aufrüstung; äußerer Feinde, die man sanktionieren muss, solange man sie nicht beschießen kann. Neupreußen existiert nur im permanenten Belagerungszustand. Denn sein Seinszweck ist nicht, Bürger heranwachsen zu lassen; er besteht in der Zucht von Kommissköpfen.

2014 gab es einen Moment, der mir vorkam wie ein Déjà-vu. Der damalige Chefredakteur der Bild, Kai Dieckmann, reiste nach Kiew, um Poroschenko zu interviewen. Seine Wartezeit vor den Türen verbreitete er als Video im Internet. Als sich die Tür öffnete, stand er auf, verbeugte sich und knallte dabei die Hacken zusammen. Damals fragte ich mich, in welcher Parallelgesellschaft sich diese reaktionäre Sitte gehalten haben mochte. So etwas wie schlagende Burschenschaften, nahm ich an. Ich ahnte nicht, dass das kein Rückblick war, sondern eine Art Trailer für das Kommende.

"Diesem System keinen Mann und keinen Pfennig," mit dem Satz erwiderte einst August Bebel auf die Rüstungswünsche des Kaiserreichs. Unterwerfung war nicht das Ideal der Arbeiterbewegung. Disziplin, ja, aber das ist etwas anderes. Mit gebeugtem Rücken kann man nicht für seine Rechte eintreten, weder ökonomisch noch politisch. Neupreußen aber wünscht die dauerhafte Krümmung, den permanent signalisierten Gehorsam.

Denn weder die ständig neuen Regeln, denen wir unterworfen werden, noch die dauernden Anwürfe gegen jede Art der Abweichung machen Sinn, für die Gesundheit oder für das, was man Gesellschaft nennt. Sie verwandeln den Alltag in einen Krieg, der vorerst ohne Geschütze geführt wird. Würde man offen darauf hintreiben, den einzig Sinn ergebenden Zweck des Manövers benennen, soviel Friedensliebe wäre noch übrig, dass dem widerstanden würde. Gäbe es kein Corona, man müsste es erfinden. Es ist das Tarnnetz auf der Pickelhaube.

Willkommen in Neupreußen.

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