Meinung

Freigegebene Akten enthüllen Amerikas Doppelspiel in den Beziehungen zu revolutionärem Iran

Eine neue wissenschaftliche Arbeit dokumentiert die Geschichte der Beziehungen zwischen Washington und Teheran von 1978 bis 2018. Sie erzählt eine außergewöhnliche Geschichte über Staatsstreiche, geheime Abmachungen, Sabotage und Kooperation, die sich über vier Jahrzehnte erstreckt.
Freigegebene Akten enthüllen Amerikas Doppelspiel in den Beziehungen zu revolutionärem IranQuelle: AFP © Chris Wilkins

von Kit Klarenberg

Anlässlich der Veröffentlichung dieser wissenschaftlichen Arbeit, hat das amerikanische Archiv der Nationalen Sicherheit eine Reihe höchst aufschlussreicher Akten zu diesem Thema freigegeben, von denen einige noch nie zuvor eingesehen wurden.

Der Aktenberg beginnt am 3. Januar 1979, als der Volksaufstand in Iran bereits seit über einem Jahr im Gange war und sich intensiviert hatte. Da der vom Westen installierte und unterstützte Schah sich immer noch verzweifelt an seine Macht klammerte – was ihm nur noch mit Mühe gelang –, wurde eine informelle Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates einberufen.

Anwesend waren der damalige Präsident Jimmy Carter, Vizepräsident Walter Mondale, der Nationale Sicherheitsberater Zbigniew Brzeziński, Außenminister Cyrus Vance und der CIA-Direktor Stansfield Turner.

Revolution oder Militärputsch

Der Aufstand in Iran stand ganz oben auf der Tagesordnung. Carter fragte die Versammelten, ob der Schah aufgefordert werden sollte, "beiseite zu treten". Er argumentierte, dass ein Iran, der sich nicht auf die Seite eines Militärbündnisses stellt – damals NATO und Warschauer Pakt – nicht als Rückschlag für die USA angesehen werden muss.

Für ihn sei die zentrale Frage gewesen, ob eine vorzeitige Abdankung des Schahs für die USA günstig sei. Der Vorschlag wurde von Turner und Vance unterstützt, wobei ersterer mit Nachdruck verfocht, dass der Schah "gehen muss", und letzterer meinte, ein solcher Schritt würde dem eben neu ernannten Premierminister Schapur Bachtiar "mehr Erfolgschancen" geben.

Im Gegensatz dazu machte Brzeziński, ein berüchtigter Falke des Kalten Krieges, seinen Widerstand gegen die Absetzung des Schahs aufs Schärfste deutlich. Er warnte vor den "wahrscheinlichen Folgen" eines Abgangs des Schahs für "unsere Freunde in Iran", da ein Rückzug der USA "das Land in Anarchie stürzen oder sogar zum Bürgerkrieg führen könnte."

Brzeziński argumentierte zudem, dass Washington, sollte der Schah tatsächlich zum Abdanken aufgefordert werden, dies mit einer klaren Zusage von US-Unterstützung bei einer Machtergreifung des Militärs "entschädigen" sollte, "falls es zum Schlimmsten kommt und Gewalt ausbricht."

Mit anderen Worten, Brzeziński plädierte für einen Militärputsch, falls die aufkommende Revolution zu radikal werden sollte. Am Ende wurde ein Kompromiss geschlossen, bei dem die USA dem Schah im Gegenzug für seine Abdankung Zuflucht boten.

Ein hochrangiger General wurde nach Teheran entsandt, um den dortigen Militärchefs zu versichern, dass Washington "sie umfassend unterstützen wird, egal welche vorübergehenden politischen Umstände auftreten mögen" und "sensible" Ausrüstung und Personal wurden aus Teheran abgezogen.

13 Tage später floh der Schah ins Exil. Danach tingelte er monatelang von Land zu Land und wurde erst im Oktober 1979 von den USA aufgenommen – wenn auch widerwillig, denn mittlerweile war er von seinen ehemaligen westlichen Unterstützern fallengelassen worden. Präsident Carter gab dennoch der Bitte des damaligen Vorstandsvorsitzenden der Chase Manhattan Bank, David Rockefeller, nach, den Schah von amerikanischen Ärzten wegen seiner Krebserkrankung behandeln zu lassen. Und das trotz der Warnungen aus dem Außenministerium, die US-Botschaft in Teheran könnte gekapert werden, sollte man dem Schah die Einreise gewähren.

Diese düsteren Vorhersagen erwiesen sich als richtig. Iranische Studenten stürmten das Gebäude im Folgemonat und nahmen das Botschaftspersonal als Geiseln. Rockefeller hatte Iran 1978 einen dubiosen 500-Millionen-Dollar-Kredit zur Verfügung gestellt, aus dem die neue Islamische Republik im folgenden Jahr "erhebliche Beträge“ von ihrem Konto bei der Chase Manhattan Bank abhob.

Es wird spekuliert, dass Rockefeller wusste, dass die Aufnahme des Schahs in die USA Konsequenzen haben würde. Was wiederum die Beschlagnahme iranischer Finanzanlagen in den USA beschleunigte – und Iran daran hinderte, weiterhin auf das Darlehen zuzugreifen.

Iran-Irak-Krieg: "Es ist schade, dass nicht beide verlieren können."

Schneller Vorlauf ins Jahr 1986, mit dem Iran-Irak-Krieg, der sich bereits im sechsten Jahr befand, und der von Bagdad auf Anregung und mit Unterstützung der Carter-Regierung begonnen wurde. Zu diesem Zeitpunkt bewaffneten die USA beide Konfliktparteien. Henry Kissinger bemerkte damals: "Es ist schade, dass nicht beide verlieren können."

Die offizielle Begründung für die Waffenlieferungen an Teheran war die Freilassung von sieben amerikanischen Staatsbürgern, die im Libanon von der Hisbollah – einer eng mit den iranischen Revolutionsgarden verbundene Gruppierung – als Geiseln gehalten wurden und die in einem geheimen Abkommen freikamen. Dies war jedoch nur eine vorgeschobene Begründung.

Die Gewinne aus den Waffenlieferungen an den Iran waren der Hauptbeweggrund, um damit den schmutzigen und verdeckten Krieg der Reagan-Regierung in Nicaragua illegal zu finanzieren.  Wobei Washington die faschistischen Contras in ihrem Aufstand gegen die regierenden Sandinisten unterstützte, was wiederum gegen ein Verbot des Kongresses verstieß, diese Gruppierung zu unterstützen.

Oliver North und die "Iran-Contra-Affäre"

Im Oktober 1986 arrangierte ein hochrangiger Mitarbeiter des Nationalen Sicherheitsrates, Oliver North – eine zentrale Figur in der späteren Kontroverse in der "Iran-Contra-Affäre" – ein streng geheimes Treffen mit Vertretern der Revolutionsgarden in Westdeutschland, um über "Waffen gegen Geiseln" zu verhandeln. Dieses Treffen wurde heimlich aufgezeichnet, und eine Niederschrift der Gespräche macht unmissverständlich deutlich, dass Washington in einer schier unlösbaren Zwickmühle steckte.

Einerseits führte die offizielle Hoffnung, die Geiseln befreien zu können, zu einer Bereitschaft, alle von Teheran angeforderten Waffen zu liefern – einschließlich Boden-Luft-Raketen und Radarsysteme, die wahrscheinlich für den Konflikt entscheidend sein würden.

Auf der anderen Seite war allgemein bekannt, dass die Bereitstellung dieser Waffen die Rolle der USA bei deren Lieferung – entgegen internationaler Waffenembargos – unbestreitbar machen und Washington zudem untrennbar mit der Freilassung der Geiseln in Verbindung bringen würde, etwas, was das Weiße Haus unbedingt vermeiden wollte.

"Wir haben die Autorisation des Präsidenten für eine Lieferung dieser Rüstungsgüter erhalten. Der Präsident der USA hat eine geheime Operation genehmigt, um diese Rüstungsgüter unverzüglich zu liefern. Aber wir gehen von mindestens vier Schiffsladungen aus", sagte North.

"Das werden mindestens Tausende von Menschen in den USA mitbekommen. Wenn wir also so etwas machen, dann muss ganz klar sein, dass wir dies tun, weil wir für ein militärisches Gleichgewicht in der Region sorgen wollen und an einer politischen Lösung arbeiten."

North versicherte der iranischen Delegation, dass Reagan die Liste der angeforderten Waffen, die North im Oval Office präsentiert hatte, abgelehnt habe, weil sie nicht umfangreich genug war und er bereit sei, noch viel mehr zu liefern.

Reagan kritisierte seinen Berater wegen seines "Kleindenkens" und erklärte, während er entrüstet seine Faust auf seinen Schreibtisch schlug, dass er "diesen Krieg zu Bedingungen beenden wolle, die für Iran akzeptabel sind. Doch jedes Mal, wenn wir an einen Punkt kommen, an dem wir in dieser Hinsicht handeln können, finden wir dieses Hindernis im Weg."

Enthüllungen: Präsident Reagan kannte die "Fakten und Beweise"

Dieses Hindernis war, dass der Deal mit Iran in der Öffentlichkeit bekannt geworden war. Denn ein Vertreter der Revolutionsgarden hatte schlechte Nachrichten zu überbringen: In Teheran wurden inzwischen längst Gerüchte über diese Nacht-und-Nebel-Vereinbarung in Umlauf gebracht, von Gegnern einer Kooperation mit den USA jeglicher Art.

Diese Enthüllungen verbreiteten sich in den westlichen Medien und zwangen Reagan, nur wenige Wochen nach dem Treffen von North mit den Revolutionsgarden, eine Fernsehansprache zu halten, in der er die Enthüllungen und die "Geschichten über Waffen im Tausch für Geiseln und der angeblichen Zahlung von Lösegeld" als "wild spekulativ und falsch" zurückwies.

Nur fünf Monate später sprach Reagan erneut über das Fernsehen zum amerikanischen Volk. Er erinnerte sie an seine frühere Leugnung und begründete dies damit, dass "mein Herz und meine besten Absichten mir immer noch sagen, dass dies die Wahrheit ist, die Fakten und Beweise mir jedoch enttäuschenderweise sagen, dass dies nicht der Fall ist".

Die neu freigegebenen Akten deuten darauf hin, dass Präsident Reagan die "Fakten und Beweise" die ganze Zeit über gut gekannt hatte und die geheime und kriminelle Finte sogar noch weitaus extremer ausweiten wollte, als es Teheran jemals getan hätte.

Diese Vorgänge ereigneten sich nur wenige Jahre, nachdem Kreise innerhalb von Washington einen Militärputsch "bei Nacht und Nebel" befürwortet hatten, um die Bildung der Islamischen Republik Iran zu verhindern.

Angesichts dieser Tatsache kann man sich nur an die berühmten Worte von Henry Kissinger halten, dass "Amerika keine Freunde oder Feinde hat – lediglich Interessen."

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Übersetzt aus dem Englischen.

Kit Klarenberg ist ein investigativer Journalist, der die Rolle von Geheimdiensten bei der Beeinflussung von Politik und öffentlicher Wahrnehmung untersucht. Folgen Sie ihm auf Twitter @KitKlarenberg.

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