Meinung

"Nie wieder Krieg!" – Warum der 1. September als "Weltfriedenstag" wichtig bleibt

Einige Gedanken zum 1. September, dem einstigen "Weltfriedenstag", der heute "Antikriegstag" heißt und an den angesichts der gegenwärtigen Kriege zu wenig erinnert wird. Der Umgang gerade mit diesem Datum sagt viel aus – über die Politik wie die Gesellschaft in Deutschland.
"Nie wieder Krieg!" – Warum der 1. September als "Weltfriedenstag" wichtig bleibtQuelle: RT © Tilo Gräser

von Tilo Gräser

Es ist der 1. September. Als Kind lernte ich in der DDR, das sei der "Weltfriedenstag". Damit sollte nämlich an den Beginn des 2. Weltkrieges durch den heimtückischen deutschen Überfall auf Polen erinnert werden. Das Land, in dem der Tag der "Weltfriedenstag" war, ist ohne Krieg verschwunden. In der seit fast 31 Jahren umso größeren Bundesrepublik wird der 1. September "Antikriegstag" genannt.

In diesem Jahr erinnern Friedensgruppen und Gewerkschaften an diesen Tag, haben Aufrufe dazu veröffentlicht und lokale Aktionen angekündigt. "Für uns Gewerkschaften ist der Antikriegstag ein besonderer Tag der Mahnung: Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!", so der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB). Eine Reihe von etablierten Medien erinnert ebenfalls mit einzelnen Beiträgen an den Anlass.

Es ist tatsächlich nicht friedlicher auf der Welt geworden, seitdem im Kalender der "Weltfriedenstag" nicht mehr zu finden ist. Seitdem die Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten abgeschafft wurde, wurden in Europa und anderswo neue Grenzen errichtet. Neue Mauern wurden und werden hochgezogen, seit die Mauer in Berlin fiel.

Krieg für die Interessen weniger

Verantwortung dafür tragen jene, die einst eifrig daran arbeiteten, den "Eisernen Vorhang" abzuschaffen – offenbar nicht wegen der Menschenrechte oder der Demokratie, wie sie damals noch behaupteten. Sie wollten schlicht auch auf jenem Sechstel der Erdoberfläche ihre Interessen durchsetzen, in welchem der Versuch unternommen wurde, eine sozialistische Gesellschaft aufzubauen.

Um ihre Interessen heute leichter durchsetzen zu können, unterstützen sie jene, die sich abschotten von denen, mit denen sie in einem großen Land zusammenlebten. Statt das Miteinander zu bewahren und zu schützen, wird das Gegeneinander angefeuert. Die verkündeten Gründe dafür sind austauschbar. Mal muss die Religion dafür herhalten, mal die Hautfarbe, mal irgendwelche Vorurteile und Mythen über die Anderen. Manchmal sind es auch einfach handfeste wirtschaftliche Interessen, weil die einen angeblich nur arbeiten und die anderen nur schmarotzen.

So geteilt lässt sich die Welt besser beherrschen, lassen sich die Interessen einiger weniger besser gegenüber den vielen anderen durchsetzen. Dafür wird auch wieder Krieg geführt. Wer den führenden westlichen Staaten nicht freiwillig gibt, was diese beanspruchen, der wird dazu gezwungen. Manchmal geschieht das mit Hilfe eigener Soldaten und Waffen.

Helmut Schmidt als Zeuge

Das bestätigte bereits 2008 jemand, von dem das nicht unbedingt zu erwarten war. Altkanzler Helmut Schmidt erklärte am 20. Mai 2008 in der ARD-Sendung "Maischberger" der Moderatorin:

"Was wir erlebt haben als sogenannte humanitäre Interventionen im Lauf der letzten 20, nein, der letzten 18 Jahre seit 1990, hat ein Ausmaß angenommen wie niemals vorher in der Welt. Es ist gerade noch ein Jahrhundert her, dass alle europäischen Staaten sich überall in der Welt eingemischt haben, aber nicht aus humanitären Gründen, sondern aus imperialistischen und kolonialistischen Gründen.
Und heutzutage muß man leider erkennen, dass manche der angeblichen humanitären Einmischungen in Wirklichkeit durchaus auch imperiale Motive versteckt enthalten."

Oft geschieht das mit Hilfe von Söldnern verschiedenster Herkunft, denen Waffen geliefert werden. Menschen, die im Frieden keine Perspektive haben und hoffen, mit Morden und Brandschatzen eine solche zu bekommen, gibt es viele. Oft werden vor den verdeckten und offenen Kriegen die "Wirtschaftskiller" losgeschickt, die "Economic Hit Men", von denen John Perkins berichtete – der einst einer von ihnen war.

Ungezählte Opfer

Wer erinnert an die Opfer der Kriege des Westens im Namen von Freiheit und Menschenrechte und gegen den Terrorismus? Sie tauchen nicht einmal in den offiziellen Statistiken zu den Kriegen gegen Jugoslawien, in Afghanistan, gegen den Irak, gegen Libyen und jetzt gegen Syrien auf. Sie werden nicht gezählt, weil sie eben nichts zählen, wenn die herrschenden Kreise der führenden westlichen Staaten Kriege für ihre Interessen führen lassen. Wir erleben es gerade wieder im Fall Afghanistan.

Dabei ist es egal, wer den Landsknecht abgibt, ob der Bürger des eigenen Landes in Uniform, ein Heimatloser als Söldner, ein bezahlter Warlord aus dem Land, das unter Kontrolle gebracht wird, oder ein religiös Verblendeter, der auf der Erde nichts, dafür im Paradies angeblich viel zu gewinnen hat, wenn er als vermeintlicher Märtyrer dort ankommt. Gibt es eine Aufzählung all der Toten infolge der Kriege, für welche die USA und die anderen führenden westlichen Staaten seit 1945 verantwortlich sind? Damit meine ich auch solche Kriege, die sie führen lassen oder anfeuern, weil es um Rohstoffe geht. Mir ist eine solche Aufstellung nicht bekannt.

Ich weiß, dass jeder Krieg oder bewaffnete Konflikt komplexere konkrete Ursachen hat. Das darf aber den Blick auf die Zusammenhänge und Interessen im Hintergrund nicht verstellen. Diese Zusammenhänge sind weder neu noch überraschend. Dass sie immer noch wirken, dafür zahlen immer noch viel zu viele Menschen mit ihrem Leben, ob in Uniform oder als zivile Opfer.

Bis heute gültige Forderungen

Solange das so ist und bleibt, bleibt die Forderung von Bertha von Suttner aus dem Jahr 1914, kurz vor Ausbruch des mörderischen Ersten Weltkrieges, gültig: Die Waffen nieder! Käthe Kollwitz forderte zehn Jahre später mit einem Plakat: Nie wieder Krieg! Dem folgte der noch mörderischere Zweite Weltkrieg, verbunden mit deutscher Verantwortung für Abermillionen Tote. Die einzig richtige Schlussfolgerung daraus war: Nie wieder Krieg von deutschem Boden aus! Aber selbst diese Lehre scheint inzwischen in Geschichtsbüchern zu vergilben und zu verstauben.

Die österreichische Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner ist übrigens in Gotha beigesetzt, der thüringischen Stadt, in der ich groß geworden bin. Sie wollte das so, und so steht ihre Urne in der Urnenhalle, dem Kolumbarium, des Hauptfriedhofs der Stadt.

Als Mitglied des Stadtrates von Gotha wollte ich 1999 das Erbe der Friedensnobelpreisträgerin hochhalten. Das sollte durch ein Friedensfest im Orangerie-Garten der Stadt am 1. September geschehen, dem Tag des Überfalls des faschistischen Deutschlands auf Polen und des Beginns des Zweiten Weltkrieges. Doch eine Mehrheit von CDU und SPD im Stadtrat lehnte diesen Vorschlag ab.

Fehlendes Interesse

Ob das geschah, weil es ein solches Friedensfest zu DDR-Zeiten in Gotha gab? Ich fand das Erlebnis schon damals bezeichnend dafür, wie viel in Deutschland der Frieden wert ist. Im aktuellen Veranstaltungskalender der thüringischen Stadt, die viel Wert auf ihre adelige Geschichte legt, ist auch in diesem Jahr kein "Friedensfest" in der Orangerie zu finden.

Von der deutschen Bundesregierung ist zum Weltfriedenstag – oder wenigstens Antikriegstag – auch in diesem Jahr gar nichts zu vernehmen. Das kann nicht nur daran liegen, dass diese Regierung mit den aktuellen Problemen im Zusammenhang mit den Ereignissen in Afghanistan so sehr beschäftigt ist. Schon der 80. Jahrestag des faschistischen deutschen Überfalls auf die Sowjetunion am 22. Juni war ihr keines offiziellen Gedenkaktes wert. Für diesen Vernichtungskrieg, der etwa 27 Millionen sowjetische Menschen das Leben kostete, war der 1. September 1939 bekanntlich "nur" das Vorspiel.

So ist das mit Deutschland und seinem Verhältnis zu Krieg und Frieden, in Gotha und anderswo, früher und heute.

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