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John Pilger: Das große Spiel, Länder zu zerschlagen

Der Westen schuf "ein paar aufgewühlte Moslems", um eine linke Regierung zu stürzen und die Sowjetunion zu schwächen, und brachte Afghanistan damit 40 Jahre Krieg. Jetzt zieht er sich geschlagen zurück. Es ist Zeit, die ganze Geschichte zu betrachten.
John Pilger: Das große Spiel, Länder zu zerschlagenQuelle: AFP © S. SOBOLEV / TASS / AFP

von John Pilger

Während ein Tsunami von Krokodilstränen die westlichen Politiker überrollt, wird die Geschichte unterdrückt. Vor über einer Generation erlangte Afghanistan seine Freiheit, die die Vereinigten Staaten, Großbritannien und ihre "Alliierten" zerstörten.

1978 stürzte eine von der Demokratischen Volkspartei Afghanistans (DVPA) geführte Befreiungsbewegung die Diktatur von Mohammad Daud, dem Vetter des Königs Sahir Shar. Es war eine ungeheuer populäre Revolution, die die Briten und die Amerikaner überraschte.

Die New York Times berichtete, dass ausländische Journalisten in Kabul überrascht waren, dass "fast jeder Afghane, den sie interviewten, sagte, er sei glücklich über den Putsch". Das Wall Street Journal berichtete, dass "150.000 Menschen (…) demonstrierten, um die neue Flagge zu ehren. (…) Die Teilnehmer schienen ehrlich begeistert."

Die Washington Post berichtete, dass "die Loyalität der Afghanen zur Regierung schwerlich in Frage gestellt werden kann". Die säkulare, moderne und, bis zu einem gewissen Grad, sozialistische Regierung verkündete ein Programm visionärer Reformen, das gleiche Rechte für Frauen und Minderheiten einschloss. Politische Gefangene wurden befreit und die Polizeiakten öffentlich verbrannt.

Unter der Monarchie hatte die Lebenserwartung bei 35 Jahren gelegen; eines von drei Kindern war gestorben. Etwa 90 Prozent der Bevölkerung waren Analphabeten. Die neue Regierung führte eine kostenlose Gesundheitsversorgung ein. Eine Alphabetisierungskampagne wurde eingeleitet.

Für Frauen waren die Verbesserungen ohnegleichen, Ende der 1980er war die Hälfte der Studenten an den Universitäten Frauen, und Frauen stellten 40 Prozent der afghanischen Ärzte, 70 Prozent der Lehrer und 30 Prozent der öffentlichen Angestellten.

Die Veränderungen waren so radikal, dass sie in den Erinnerungen jener, die davon profitierten, bis heute lebendig sind. Saira Noorani, eine Chirurgin, die 2001 aus Afghanistan floh, erinnert sich:

"Jedes Mädchen konnte zur Schule und auf die Universität gehen. Wir konnten gehen, wohin wir wollten, und tragen, was uns gefiel. (…) Wir gingen in Cafés und ins Kino, um freitags die neuesten indischen Filme zu sehen. (…) All das begann sich zu ändern, als die Mudschahedin auf dem Siegeszug waren. (…) das waren die Leute, die der Westen unterstützte."

Das Problem, das die USA mit der Regierung der DVPA hatten, war, dass die Sowjetunion sie unterstützte. Trotzdem war es nie die "Marionettenregierung", als die sie der Westen karrikierte, noch war der Putsch gegen die Monarchie "sowjetisch unterstützt", wie damals die US- und britische Presse behaupteten.

Der Staatssekretär des US-Präsidenten Jimmy Carter, Cyrus Vance, schrieb später in seinen Memoiren: "Wir hatten keinen Beleg für eine sowjetische Komplizenschaft beim Putsch."

Teil derselben Regierung war Zbigniew Brzeziński, Carters Nationaler Sicherheitsberater, ein polnischer Auswanderer, fanatischer Antikommunist und moralischer Extremist, dessen anhaltender Einfluss auf US-Präsidenten erst mit seinem Tod im Jahr 2017 endete.

Am 3.Juli 1979 genehmigte Carter, ohne Wissen der US-Öffentlichkeit und des Kongresses, 500 Millionen Dollar für einen "verdeckten Einsatz", um Afghanistans erste säkulare, progressive Regierung zu stürzen. Die CIA gab dem Ganzen den Codenamen "Operation Zyklon".

Mit 500 Millionen Dollar kaufte, bestach und bewaffnete sie eine Gruppe religiöser Stammeseiferer, die als Mudschahedin bekannt war. In seiner halboffiziellen Geschichte schreibt der Reporter der Washington Post Bob Woodward, dass die CIA allein 70 Millionen Dollar als Bestechungsgelder ausgegeben hat. Er beschreibt ein Treffen zwischen einem CIA-Agenten namens "Gary" und einem Warlord, der Amniat-Melli genannt wurde:

"Gary legte ein Bündel Banknoten auf den Tisch: 500.000 Dollar in 30 Zentimeter hohen Stapeln von 100-Dollar-Noten. Er glaubte, das sei beeindruckender als die üblichen 200.000 Dollar, die beste Art, zu sagen, wir sind hier, es ist uns ernst, hier ist Geld, wir wissen, ihr braucht es. (…) Gary sollte schon bald in der CIA Zentrale um zehn Millionen Dollar in Bar bitten und sie erhalten."

Die US-Geheimarmee, die in der ganzen muslimischen Welt rekrutiert worden war, wurde in Lagern in Pakistan ausgebildet, die vom pakistanischen Geheimdienst, der CIA und dem britischen MI6 betrieben wurden. Andere wurden am islamischen College in Brooklyn, New York rekrutiert – in Sichtweite der zum Untergang verdammten Zwillingstürme. Einer der Rekruten war ein saudischer Ingenieur namens Osama bin Laden.

Das Ziel war, in Zentralasien islamischen Fundamentalismus zu verbreiten und die Sowjetunion zu destabilisieren und eventuell zu zerstören.

Im August 1979 berichtete die US-Botschaft in Kabul, dass "den weiter gefassten Interessen der USA (…) am besten mit einem Ende der DVPA-Regierung gedient wäre, gleich, welche Rückschläge das für zukünftige soziale und wirtschaftliche Reformen in Afghanistan bedeutet".

Lest noch einmal die Worte, die ich hervorgehoben habe. Derart zynische Absichten werden selten so deutlich ausgesprochen. Die USA sagten, dass eine wirklich fortschrittliche afghanische Regierung und die Rechte der afghanischen Frauen zur Hölle fahren könnten.

Sechs Monate später begannen die Sowjets ihre fatale Intervention in Afghanistan, als Antwort auf die von den US-Amerikanern geschaffene dschihadistische Bedrohung an ihrer Türschwelle. Mit von der CIA gelieferten Stinger-Raketen bewaffnet und von Margaret Thatcher als "Freiheitskämpfer" gefeiert, vertrieben die Mudschahedin letztlich die Rote Armee aus Afghanistan.

Die Mudschahedin, die sich selbst "Nordallianz" nannten, wurden von Kriegsherren dominiert, die den Heroinhandel kontrollierten und die Frauen auf dem Land terrorisierten. Die Taliban waren eine ultrapuritanische Fraktion, deren Mullahs Schwarz trugen und Raub, Vergewaltigung und Mord ahndeten, aber Frauen aus dem öffentlichen Leben verbannten.

In den 1980ern stellte ich den Kontakt mit der RAWA her, der Revolutionary Association of the Women of Afghanistan (Revolutionäre Vereinigung der afghanischen Frauen), die versucht hatte, die Welt auf das Leid der afghanischen Frauen aufmerksam zu machen. In der Zeit der Taliban verbargen sie Kameras unter ihren Burkas, um Belege für die Gräueltaten zu filmen, und sie legten auf die gleiche Weise die Brutalität der vom Westen unterstützten Mudschahedin offen. "Marina" von der RAWA sagte mir: "Wir haben die Bänder zu allen großen Medien gebracht, aber sie wollten es nicht wissen …"

1996 wurde die aufgeklärte DVPA-Regierung überrannt. Präsident Mohammed Nadschibullah war zu den Vereinten Nationen geflogen, um um Hilfe zu bitten. Bei seiner Rückkehr wurde er an einer Straßenlaterne erhängt.

"Ich gestehe, dass die [Länder] Figuren auf einem Schachbrett sind", sagte Lord Curzon 1898, "auf dem ein großes Spiel um die Beherrschung der Welt gespielt wird."

Der indische Vizekönig bezog sich insbesondere auf Afghanistan. Ein Jahrhundert später gebrauchte der britische Premier Tony Blair ein wenig andere Worte.

"Diesen Augenblick muss man nutzen", sagte er nach 9/11. "Das Kaleidoskop wurde geschüttelt. Die Teile sind in Bewegung. Bald werden sie sich wieder absetzen. Ehe sie das tun, sollten wir die Welt um uns herum neu ordnen."

Und das fügte er zu Afghanistan hinzu: "Wir werden nicht fortgehen, aber irgendeinen Weg aus der Armut [finden], die euer elendes Leben ist".

Blair war gleichsam das Echo seines Mentors, US-Präsident George W. Bush, der im Oval Office zu den Opfern seiner Bomben sagte: "Das unterdrückte Volk von Afghanistan wird die Großzügigkeit Amerikas kennenlernen. Wenn wir militärische Ziele angreifen, werfen wir auch Nahrung, Medizin und Versorgungsgüter für die Hungernden und Notleidenden ab …"

So gut wie jedes Wort war falsch. Die von ihnen erklärte Besorgnis war eine grausame Illusion vor einer imperialen Wildheit, die "wir" im Westen selten als solche erkennen.

2001 war Afghanistan angeschlagen und abhängig von Hilfslieferungen aus Pakistan. Der Journalist Jonathan Steele berichtete, dass die Invasion indirekt den Tod von etwa 20.000 Menschen verursacht hatte, als die Lieferungen an die Opfer der Dürre ausgeblieben und die Menschen aus ihren Häusern geflohen waren.

Etwa 18 Monate später fand ich im Schutt von Kabul nicht explodierte US-Streubomben, die oft für gelbe Hilfspakete gehalten wurden, die aus der Luft abgeworfen wurden. Sie rissen hungrigen, nach Nahrung suchenden Kindern die Gliedmaßen ab.

In dem Dorf Bibi Maru sah ich, wie eine Frau namens Orifa an den Gräbern ihres Mannes, eines Teppichwebers, und sieben anderer Familienmitglieder kniete, darunter sechs Kinder, und zwei Kinder, die im Nachbarhaus getötet wurden.

Aus klarem blauem Himmel war eine US-F-16 gekommen und hatte eine 250 Kilo schwere Mk82-Bombe auf Orifas Haus aus Lehm und Stroh geworfen. Zu der Zeit war Orifa fort. Als sie zurückkam, sammelte sie die Körperteile auf.

Monate später kam eine Gruppe US-Amerikaner aus Kabul und gab ihr einen Umschlag mit fünfzehn Geldscheinen: insgesamt 15 US-Dollar.

"Zwei Dollar für jedes meiner getöteten Familienmitglieder", sagte sie.

Die Invasion von Afghanistan war ein Betrug. Infolge von 9/11 versuchten die Taliban, sich von Osama bin Laden zu distanzieren. Sie waren in vielerlei Hinsicht US-Geschöpfe, mit denen die Regierung von Bill Clinton eine Reihe geheimer Abkommen geschlossen hatte, um den Bau einer Erdgaspipeline für drei Milliarden Dollar durch eine Gruppe US-amerikanischer Ölfirmen zu erlauben.

Unter höchster Geheimhaltung waren Taliban-Führer in die USA eingeladen und vom Vorstandschef von Unocal in dessen Villa in Texas und von der CIA in ihrem Hauptquartier in Virginia empfangen worden. Einer von denen, die dieses Abkommen schlossen, war Dick Cheney, später Vizepräsident unter George W. Bush.

2010 war ich in Washington und vereinbarte ein Interview mit Brzeziński, dem Vordenker der modernen Leidenszeit Afghanistans. Ich zitierte aus seiner Autobiografie, in der er zugab, dass sein großer Plan, die Sowjets nach Afghanistan zu locken, "ein paar aufgewühlte Moslems" geschaffen habe.

"Bereuen Sie nichts?" fragte ich.

"Reue! Reue! Welche Reue?"

Wenn wir jetzt die Szenen der Panik am Flughafen Kabul sehen und den Journalisten und Generälen in fernen Fernsehstudios lauschen, die es beklagen, dass wir "unseren Schutz" zurückgezogen hätten, ist es da nicht an der Zeit, die Wahrheit über die Vergangenheit ernst zu nehmen, damit all dieses Leid nie wieder geschieht?

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John Pilger ist Journalist, Filmemacher und Autor; einer von zwei Preisträgern, die den höchsten britischen Journalistenpreis zweimal gewonnen haben. Für seine Dokumentarfilme wurde er mit einem Emmy und einem britischen Academy Award, einem BAFTA, ausgezeichnet. Neben anderen Preisen hat er den für die beste Dokumentation der Royal Television Society gewonnen. Sein berühmter Film aus dem Jahr 1979, "Cambodia Year Zero", wird vom britischen Filminstitut als eine der zehn wichtigsten Dokumentationen des 20. Jahrhunderts geführt.
Sein Film von 2003, "Breaking the Silence", kann hier gesehen werden.

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