Asien

Ex-US-General Petraeus: "Katastrophe in Afghanistan war vermeidbar"

Deutliche Kritik an der US-Strategie unter Präsident Joseph Biden in Afghanistan übt der ehemalige CIA-Chef und US-General David Petraeus in einem Interview. Er hat selbst als Kommandeur US-Truppen am Hindukusch befehligt.
Ex-US-General Petraeus: "Katastrophe in Afghanistan war vermeidbar"Quelle: www.globallookpress.com © UPPA

Die afghanische Luftwaffe sei nicht groß genug gewesen, um die zahlreichen gleichzeitigen Taliban-Angriffe abzuwehren. Das sieht der ehemalige CIA-Chef und US-General David Petraeus als "unmittelbare Ursache" für den schnellen Vormarsch der islamistischen Taliban auf Kabul sowie die folgende Machtübernahme durch sie. In einem Interview mit der Schweizer Weltwoche (Ausgabe vom 19. August 2012) sagt der Ex-Militär:

"Diese Situation wurde durch den Abzug der 3.500 US- und 8.500 Koalitionstruppen und der rund 18.000 zivilen technischen Hilfskräfte verschärft, die für die Wartung der hochentwickelten, von den USA bereitgestellten Hubschrauber und Flugzeuge, die den Grossteil der afghanischen Flotte ausmachen, entscheidend waren."

In einem Interview mit der ARD vor wenigen Tagen erklärte der Ex-CIA-Chef, er habe als Alternative vorgeschlagen, "weiterhin moderate Streitkräfte, die vor allem viele Drohnen und Luftwaffe vorhalten", in Afghanistan zu belassen. Petraeus war unter anderem US-Truppenkommandeur in Afghanistan.

Aus seiner Sicht hat die afghanische Armee in den Gefechten mit den vorrückenden Taliban ihre Waffen gestreckt, weil ihre Bodentruppen oftmals ohne Luftunterstützung blieben. "Wenn Truppen wissen, dass niemand kommt, um ihnen zu helfen, nachdem sie zwei bis drei Tage lang gekämpft haben, kapitulieren sie unweigerlich und vorhersehbar. Sie ziehen sich zurück oder desertieren."

Taliban-Herrschaft nützlich für Al-Qaida?

Der ehemalige CIA-Chef bezeichnet gegenüber der Weltwoche den Sieg der Taliban als "Katastrophe für Afghanistan und seine Bevölkerung – vor allem für die Afghaninnen und diejenigen, die der Regierung angehörten, die USA unterstützten oder entschieden säkular waren. Aber auch für die Nachbarländer, in die Millionen von Afghanen flüchten werden, und sehr wahrscheinlich auch für die Länder in Europa, in die die Flüchtlinge ebenfalls zu gelangen versuchen werden."

Aus Sicht von Petraeus war die westlich gestützte Führung von Afghanistan "sicherlich nicht frei von Mängeln, die auch sehr frustrierend waren". Aber in den letzten 20 Jahre habe es in dem Land Fortschritte in Sachen Demokratie und Menschenrechten, Pressefreiheit sowie bei der wirtschaftlichen Dynamik gegeben. Das sei "bei Weitem besser als das, was folgen wird, wenn die Taliban wieder herrschen".

Für den Ex-General ist der im April von US-Präsident Joseph Biden verkündete Abzug der US-Einheiten schlecht geplant. Er warnt, dass nach der erneuten Machtübernahme der Taliban das Terrornetzwerk Al-Qaida sich wieder Zufluchtsorte in dem Land am Hindukusch sucht und findet.

"Außerdem befürchte ich, dass die im afghanisch-pakistanischen Raum angesiedelte Tochtergesellschaft des Islamischen Staates versuchen wird, sich auch in Afghanistan einen Zufluchtsort zu schaffen."

Dennoch meint Petraeus, dass beide Terrorgruppen keine "kurzfristige Bedrohung für die USA oder unsere NATO-Verbündeten darstellen" werden. Ob sie langfristig eine Gefahr darstellen, hänge davon ab, "ob wir in der Lage sind, solche Zufluchtsorte ausfindig zu machen und zu zerstören – eine Aufgabe, die ohne Stützpunkte in Afghanistan oder in den Nachbarländern wesentlich schwieriger sein wird".

Den USA gehen die "wichtigsten Stützpunkte in Zentralasien für die Durchführung der regionalen Antiterrorismus-Kampagne sowie ein verlässlicher Verbündeter verloren", bedauert der Ex-General. Das sei mit einem "erschwinglichen und nachhaltigen Engagement der USA vermeidbar" gewesen, erklärt er gegenüber der Weltwoche. Die Folge sei nicht nur eine Gefahr für die nationale Sicherheit der USA, sondern auch für die Region in Vorderasien und die dortigen Partner des Westens.

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