Meinung

Trotz Corona: 307 IQM-Kliniken in "dritter Welle" so leer wie nie

Im Frühjahr meldete das Intensiv-Register teils mehr als 5.000 schwerkranke COVID-19-Patienten. Nun drohe der Kollaps wirklich, hieß es. Mehrfach verlängerte die Regierung den Lockdown. Doch eine Teilanalyse legt jetzt nahe: Insgesamt behandelten die Krankenhäuser weniger Patienten als in den Jahren zuvor.
Trotz Corona: 307 IQM-Kliniken in "dritter Welle" so leer wie nieQuelle: Gettyimages.ru © Flying Colours Ltd / DigitalVision

von Susan Bonath

Erste, zweite, dritte Welle: Mediale Warnrufe von Medizinern und ihren Gesellschaften befeuern seit fast eineinhalb Jahren die Fortsetzung der epidemischen Lockdown-Politik. Nun sei die vierte Welle im Anmarsch, heißt es, und wird begründet mit steigenden Testpositiven-Zahlen.

Und der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), Gernot Marx, warnt erneut: "Wir sind noch nicht über den Berg". Doch es wird immer deutlicher: Die Kliniken mögen zwar überlastet sein. An übermäßig vielen Patienten lag das wohl eher nicht. Eine Teilanalyse der Initiative Qualitätsmedizin legt vielmehr das Gegenteil nahe.

Hohe COVID-19-Zahlen auf den Intensivstationen

Die medial nicht weiter beachtete Veröffentlichung ist schon ein paar Wochen alt, hat es aber in sich. Sie beinhaltet die Daten von 307 Kliniken Deutschlands (etwa ein Sechstel) bis zum 31. Mai dieses Jahres, und damit auch von der sogenannten dritten Corona-Welle. Die teilnehmenden Einrichtungen, darunter 13 Universitätskliniken, berichteten darin über deutlich weniger Patienten insgesamt im ersten Halbjahr 2021, als jeweils im gleichen Zeitraum der beiden Jahren zuvor. Die Analyse bildet allerdings nur einen Ausschnitt und besagt nicht, dass es anderen Krankenhäusern keine erhöhten Fallzahlen gegeben haben kann.

Das DIVI-Intensivregister meldete in diesem zweiten "Corona-Frühling" noch einmal einen drastischen Anstieg von COVID-19-Fällen auf den Intensivstationen (ITS). Demnach befanden sich am 1. März 2.869 Patienten mit dieser Diagnose auf einer ITS. 57 Prozent davon wurden beatmet. Am 1. April lag ihre Zahl laut Register bereits bei 3.729 und stieg bis zum 1. Mai 2021 sogar auf 5.009 COVID-19-Patienten an.

Am Neujahrstag, am Ende der sogenannten zweiten Welle, verzeichnete die DIVI ebenfalls fast 5.600 COVID-19-Patienten auf einer Intensivstation in Deutschland. Politische Anweisungen, planbare Operationen mit ITS-Aufenthalt zu verschieben, gab es diesmal nicht – anders als im Frühjahr 2020. Die medialen Warnrufe der Lockdown-Befürworter dazu im Gedächtnis, müsste man annehmen, die Tausenden hinzugekommenen Corona-Fälle hätten für eine heillose Überfüllung der Häuser gesorgt. In den 307 IQM-Kliniken war allerdings genau das Gegenteil der Fall.

Trotzdem weniger Patienten und Atemwegserkrankungen

Die IQM vergleicht zunächst diverse Fallzahlen der beteiligten 307 Kliniken jeweils in den ersten fünf Monaten der Jahre 2019, 2020 und 2021 miteinander. Aus Tabelle 1 geht hervor, dass die Kliniken sowohl 2020 als auch 2021 insgesamt weniger Patienten behandelten als im Jahr zuvor. Mussten von Januar bis Mai 2019 noch gut zwei Millionen Menschen dort stationär behandelt werden, waren es 2020 knapp 1,69 Millionen und in diesem Jahr 1,59 Millionen. Das bedeutet: 2020 sank die Patientenzahl um ein Sechstel, in diesem Jahr sogar um gut ein Fünftel (20,6 Prozent) gegenüber 2019.

Tabelle 4 zeigt nun auf, dass auch die klinisch behandelten sogenannten SARI-Fälle (Schwere Akute Respiratorische Infektion) stark abnahmen. Verzeichneten die 307 Krankenhäuser 2019 noch fast 140.000 Patienten mit Lungenentzündungen und anderen Atemwegserkrankungen, waren es ein Jahr später gut 120.600 und in diesem Jahr genau 97.516 solcher Fälle. Das heißt: Im ersten Corona-Jahr sanken diese Zahlen um 13,6 Prozent, in diesem Jahr sogar um über 30 Prozent gegenüber 2019. Dazu sei angemerkt: SARS-CoV-2 ist auch nach heutigem Stand ein Erreger, der sich über die Atemwege überträgt. Für eine schwere Infektion auch anderer Organe muss er demnach zunächst die Lunge passieren.

Bemerkenswerterweise sank auch die Zahl der Intensivpatienten, darunter auch die der beatmeten. So wurden von Januar bis Mai 2019 in den Häusern insgesamt 101.608 Menschen auf einer ITS behandelt, im Jahr darauf waren es im gleichen Zeitraum 91.870 und in diesem Jahr 88.493 Patienten. Das ist ein Minus von 9,6 beziehungsweise 12,9 Prozent. Die Zahl der Beatmeten betrug im Jahr 2019 laut IQM-Report 50.113, im ersten Corona-Jahr waren es 46.011 Betroffene und in diesem Jahr 46.854 – ein Minus von 8,2 bzw. 6,5 Prozent gegenüber 2019.

Auch die Zahl der in den Kliniken Verstorbenen lag in Corona-Zeiten nicht deutlich über dem Mittel. 2019 verließen während der ersten fünf Monate demnach 48.241 Menschen das Krankenhaus nicht lebend, 2020 starben dort 45.776 und in diesem Jahr 49.222 Menschen. Lediglich der Anteil unter den Verstorbenen, die eine Atemwegsinfektion (SARI) hatten, nahm in diesem Jahr deutlich zu. So erlagen einer solchen Infektion zufolge der IQM-Daten in diesem Jahr 19.057 Patienten einer solchen Erkrankung. Das waren 7,5 Prozent mehr als 2020 und zwei Prozent mehr als 2019.

Auffällig ist außerdem, dass zwar weniger SARI-Patienten behandelt wurden, aber in diesem Jahr deutlich mehr davon dieser Infektion erlagen als in den beiden Vorjahren. 2019 waren dies demnach elf Prozent aller Behandlungsfälle (15.376), im Jahr darauf 12,8 Prozent (15.399) und in den ersten fünf Monaten dieses Jahres 19,5 Prozent (19.057).

Einen leichten Anstieg verzeichnete die IQM zugleich beim Anteil der Todesfälle auf den ITS. Dieser stieg von insgesamt 19.142 Verstorbenen im Jahr 2019 (18,8 Prozent) und 17.932 im Corona-Jahr Nummer eins (19,5 Prozent) auf 20.215 Tote in den ersten fünf Monaten 2021 (22,8 Prozent). Von einer Beatmungsmaschine kamen 2021 insgesamt fast 35 Prozent der Betroffenen nicht lebend los. In den beiden Vorjahren waren dies rund 31 Prozent.

Hat das Coronavirus andere Erreger verdrängt?

Dass die Anzahl der Patienten in den Kliniken während der "ersten Welle" im Frühjahr 2020 nach unten ging, erklären sich die IQM-Analysten mit der politischen Anordnung, Eingriffe wie Operationen zu verschieben, sofern möglich. Eine plausible Begründung für die Abnahme der Patientenzahlen in der "zweiten" und "dritten Welle" liefern sie aber nicht.

Fazit: Gegen die Darstellung von einer sich rasant ausbreitenden schweren Atemwegserkrankung spricht die Abnahme der entsprechenden Fallzahlen gegenüber 2019. Diese Fälle kämen schließlich zusätzlich zu den anderen respiratorischen Krankheiten wie schwere Lungenentzündungen hinzu. Zugleich zeigen die Daten, dass der Anteil der Verstorbenen unter diesen Patienten gewachsen ist, was offenbar auf jene mit einer COVID-19-Diagnose zurückzuführen ist.

Verdrängt also das Coronavirus namens SARS-CoV-2 auf mysteriöse Weise andere Atemwegserreger, wie etwa Influenza-Viren, oder verschiedene Bakterien, wie etwa Pneumokokken? Oder waren dafür, wie es vielfach hieß, die von der Regierung verhängten Schutzmaßnahmen wie Maskenpflicht und Kontaktverbote verantwortlich? So zeigen die Wochenberichte der Arbeitsgemeinschaft Influenza beim Robert Koch-Institut (RKI) beispielsweise, dass seit Ausrufung der Corona-Pandemie kaum noch Grippeviren festgestellt wurden – ein Novum seit Beginn dieser Aufzeichnungen. Dies müsste eigentlich einmal näher untersucht werden. Bisher passierte hier aber nichts.

"Historisch niedrige Bettenauslastung" schon im ersten Pandemie-Jahr

Die Teilanalyse der IQM passt zu einer vollständigen Auswertung für das vergangene Jahr vom Institut für das Entgeltsystem im Krankenhaus (InEK), die alle Krankenhäuser berücksichtigte. Aus dieser geht sogar hervor: Im ersten Pandemie-Jahr sei die Auslastung der Kliniken in Deutschland "historisch niedrig" gewesen (RT DE berichtete).

Das Institut ging davon aus, dass die politische Anweisung im Frühjahr 2020, verschiebbare Operationen zugunsten von COVID-19-Patienten zurückzustellen, einen Großteil dazu beigetragen hatte. Allerdings gab es diese Anweisung nicht. Das heißt: Die Krankenhäuser konnten selbst entscheiden, ob sie Eingriffe wegen einer drohenden Überlastung verschieben. Allerdings ist das insbesondere im Winter und bei stärkeren Grippewellen keine Seltenheit. Auch überlastet waren viele Kliniken schon vor Corona. Der Personalmangel in Krankenhäusern seit langem bekannt.

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