Deutschland

"Dritte Corona-Welle" mit unterbelegten Kliniken und fragwürdigen COVID-19-Diagnosen

Laut einer Datenanalyse behandelten Krankenhäuser auch im ersten Quartal 2021 weniger Patienten als im gleichen Zeitraum der Vorjahre. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass die Anzahl der COVID-19-Patienten möglicherweise aufgebauscht wurde. Finanzielle Anreize könnten dabei eine Rolle spielen.
"Dritte Corona-Welle" mit unterbelegten Kliniken und fragwürdigen COVID-19-DiagnosenQuelle: www.globallookpress.com © Christophe Gateau / dpa

von Susan Bonath

Seit dem Ausrufen des pandemischen Ausnahmezustandes warnen die Bundesregierung und das Robert Koch-Institut (RKI) vor einer Überlastung der Krankenhäuser durch COVID-19-Patienten. Es könne dazu kommen, dass Ärzte auswählen müssten, wen sie noch behandeln könnten. Die Angst vor einer solchen Triage, die derzeit allenfalls in Kinder- und Jugendpsychiatrien stattfindet, dient der Politik bis heute als eines der Argumente, um den Lockdown immer wieder zu verlängern.

Inzwischen belegen Datenanalysen, unter anderem vom RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung und vom Institut für das Entgeltsystem im Krankenhaus (InEK), für das vergangene Jahr längst das Gegenteil. Mehr noch: Auch für das erste Quartal 2021, als die Pandemie nach offizieller Darstellung besonders heftig in einer angeblichen "dritten Welle" wütete, zeichnet sich eine geringere Auslastung ab als im gleichen Zeitraum der beiden Vorjahre. Zu diesem Ergebnis kommt eine Teilauswertung der Initiative Qualitätsmedizin (IQM).

Weniger Patienten, weniger Atemwegserkrankungen

Der Verband IQM hatte Daten von 310 Kliniken in Deutschland, etwas mehr als einem Sechstel, zusammengetragen. Diese verzeichneten von Januar bis März dieses Jahres demnach 939.795 Behandlungsfälle, wie aus Tabelle 1 hervorgeht. Das sind knapp 23 Prozent weniger als im ersten Quartal 2019 und 18 Prozent weniger als in diesem Zeitraum des vergangenen Jahres. Dieselben Häuser verzeichneten von Januar bis März 2019 insgesamt 1.217.440 Fälle, 2020 waren es 1.146.567 Fälle. Bereits im vorigen Jahr waren die Fälle damit um 5,8 Prozent gegenüber 2019 zurückgegangen.

Geradezu drastisch ging laut Tabelle 4 die Anzahl der Patienten mit schweren akuten respiratorischen Infektionen (SARI) – also Infekten der Atemwege, zu denen COVID-19 gehört – zurück. Während die 310 Kliniken im ersten Quartal 2019 noch 96.201 solcher Fälle verzeichneten, behandelten sie letztes Jahr 87.524 (minus neun Prozent) und in diesem Jahr nur noch 57.379 (minus 40,4 Prozent) Patienten mit solchen Krankheiten. Außerdem litten vor zwei Jahren noch 7,9 Prozent aller Patienten dieser Häuser an Atemwegserkrankungen, vor einem Jahr waren es 7,7 und in diesem 6,4 Prozent.

Weniger Intensivpatienten, weniger Beatmungsfälle

Eine ebensolche Lage zeigte sich von Januar bis März 2021 auf den Intensivstationen der 310 Krankenhäuser. Vor zwei Jahren landeten dort in diesem Zeitraum fast 62.000 Patienten mit Lungenentzündungen oder -versagen, was dem klinischen Bild von COVID-19 entspricht. Im ersten Quartal des vergangenen Jahres behandelten die Kliniken 57.114 solcher Patienten (minus 7,8 Prozent) und in diesem ersten Jahresviertel 51.882 (minus 16,3 Prozent).

Nun werden laut der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) mehr als die Hälfte der intensivpflichtigen COVID-19-Patienten beatmet, aktuell sind es sogar fast zwei Drittel. Mit der Sorge um ausreichend Beatmungsplätze und entsprechend qualifiziertes Personal trieb die deutsche Politik ebenfalls den Lockdown voran. Dennoch verwundert es, dass sogar die Anzahl der beatmeten Patienten im ersten Quartal 2021 gegenüber dem in 2019 um 11,6 Prozent sank. So beatmeten die erfassten Krankenhäuser vor zwei Jahren in diesem Zeitraum 30.649 Patienten, voriges Jahr 28.863 und im aktuellen Jahr 27.095 Menschen.

Viele COVID-19-Patienten ohne COVID-19

Was dennoch auffällt: Obwohl die Krankenhäuser insgesamt viel weniger Patienten mit Atemwegserkrankungen behandelten, starben in diesem ersten Jahresviertel 21,6 Prozent mehr Menschen daran als 2019. Erlag vor zwei Jahren gut jeder Zehnte, im vergangenen Jahr jeder neunte Patient einer Lungenentzündung, starb in diesem Jahr mehr als jeder Fünfte mit einer solchen Diagnose. Die Sterberate bei den Patienten, die mit Lungenentzündungen auf Intensivstationen behandelt wurden, stieg gegenüber 2019 von 19,3 auf 23,3 Prozent und bei den Beatmungsfällen von 31,7 auf 35,7 Prozent.

Eine weitere Auffälligkeit geht aus Tabelle 2 hervor: Nur gut zwei Drittel der 84.392 in diesen Häusern als COVID-19-Fälle behandelten Patienten wiesen überhaupt eine Atemwegserkrankung auf. Dazu passen Recherchen der Wochenzeitung Die Zeit. Bereits im Februar fand diese heraus, dass 20 bis 30 Prozent der als COVID-19 deklarierten Klinikpatienten zufällig positiv auf das Coronavirus getestet und wegen anderer Erkrankungen behandelt wurden. 

Weiterhin führten die 310 Kliniken neben Patienten mit einem positiven PCR-Test, die völlig unabhängig von klinischen Symptomen als COVID-19-Kranke erfasst werden, 74.628 weitere Fälle als "COVID-19-Verdachtsfälle". Seltsamerweise wiesen von diesen noch viel weniger, nämlich gerade einmal 16.591 Menschen, eine Atemwegserkrankung auf. Das könnte daran liegen, dass jeder Patient mit einem negativen Test ebenfalls unabhängig von Symptomen als COVID-19-Verdachtsfall gelten darf, wenn ihm ein bloßer Kontakt mit einem positiv Getesteten bescheinigt wird. Dann gilt er nach den Kriterien des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte als "epidemiologisch bestätigt".  

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) führt zu COVID-19-Verdachtsfällen mit Stand vom 1. April 2021 wörtlich aus:

"U07.2 ! COVID-19, Virus nicht nachgewiesen: Der Kode ist für COVID-19-Fälle vorgesehen, bei denen SARS-CoV-2 nicht durch einen Labortest nachgewiesen werden konnte, die Erkrankung jedoch anhand eines klinischen Kriteriums (z.B. mit COVID-19 zu vereinbarendes Symptom) und eines epidemiologischen Kriteriums (z.B. Kontakt zu einem laborbestätigten COVID-19-Fall) vorliegt."

Finanzielle Anreize für möglichst viele COVID-19-Diagnosen

Das Verwirrspiel mit den COVID-19-"Diagnosen" ist inzwischen ein alter Pandemie-Hut. Das RKI höchstselbst hält trotz aller Kritik stoisch daran fest, alle positiv Getesteten unabhängig von klinischen Symptomen als COVID-19-Fall auszuweisen, obgleich es der Autorin selbst mitteilte: COVID-19 heiße die schwere Erkrankung, die das Coronavirus verursache, und Menschen ohne Symptome seien nicht krank. Trotzdem bezeichne man sie so, weil dies "internationale Praxis" sei.

Und für Kliniken lohnt es sich auch finanziell, möglichst viele "COVID-19-Fälle" zu behandeln. So lobte die Bundesregierung 450 Millionen Euro aus, um jenen Krankenhäusern Prämien zu zahlen, die, gemessen an ihrer Größe, besonders viele solche Patienten behandelt haben. Mehr noch: Die Prämie steigt mit der Anzahl der Verweildauer der Kranken und den Beatmungsstunden, die für sie aufgewendet wurden.

Laut einem Bericht des Bayrischen Rundfunks (BR) vom 28. Mai kassierten der private Klinikkonzern Vivantes mit 6,8 Millionen und die Berliner Charité mit 6,1 Millionen Euro die höchsten Prämien, gefolgt vom Klinikum Nürnberg mit 3,2 Millionen. Letzteres schrieb in einer Mitteilung, der dritte Platz bei der Verteilung der Prämie zeige in beeindruckender Weise, wie intensiv das Klinikum in die Versorgung der COVID-Patientinnen und -Patienten eingebunden war und ist. Die Frage, wer von diesen Patienten wirklich COVID-19 hatte, wird derzeit nicht beantwortet werden können.

Mehr Intensivpatienten und Todesfälle in Deutschland als in Spanien

Auch eine Analyse der Helios-Kliniken deutet darauf hin, dass der finanzielle Anreiz für deutsche Kliniken hoch war und ist, die Zahl der COVID-19-Patienten aufzubauschen, mehr noch: möglichst viele auf Intensivstationen zu behandeln. Demnach wurden in Deutschland 25 Prozent aller Kranken mit dieser Diagnose auf eine Intensivstation gelegt, doppelt so viele wie in Spanien, wo der Konzern ebenfalls Krankenhäuser betreibt. Darüber berichtete unter anderem Die Welt am 1. Juni.

Zugleich sei die Sterblichkeit bei den COVID-19-Patienten in der Bundesrepublik mit 18 Prozent höher als in Spanien gewesen, wo sie bei 15 Prozent gelegen habe. Laut Bericht führten Experten dies darauf zurück, dass "allein die Diagnose über die Verlegung entscheidet". In anderen Ländern würden Patienten "genauer angeschaut". Seit dem Ausrufen der weltweiten Pandemie klagen Fachärzte zudem darüber, dass Patienten in Deutschland zu früh beatmet würden, was die Sterblichkeit merklich erhöhe.

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