Meinung

Klimakeule gegen Flutopfer: Hochwasserkrise offenbart apokalyptische Wahrheiten über Deutschland (I)

Die Gründe für die tragische Flutkatastrophe in Westdeutschland sind vielschichtig. Doch jetzt wird vielerorts monokausal der "Klimawandel" für das Unglück verantwortlich gemacht, um von politischem Versagen abzulenken. Teil I eines mehrteiligen Kommentars von Prof. Dr. Kai-Alexander Schlevogt.
Klimakeule gegen Flutopfer: Hochwasserkrise offenbart apokalyptische Wahrheiten über Deutschland (I)Quelle: www.globallookpress.com © Christopher Tamcke / www.imago-images.de

von Prof. Dr. Kai-Alexander Schlevogt

"Apokalyptische" Krisen bringen, wie der eigentliche Wortsinn des Adjektivs (enthüllend) nahelegt, häufig verdeckte Wahrheiten ans Licht; diese können mitunter paradigmatisch für die Lage eines Gemeinwesens sein und – als höchst unwillkommene Vorboten – schemenhaft größeres Unglück für die Zukunft andeuten.

In dem Grad, in dem das Wasser nach der Flutkatastrophe in Westdeutschland zurückgeht, wird nicht nur das Ausmaß der Verwüstung immer deutlicher, sondern auch die bedenkliche Lage Deutschlands in mehreren strategisch bedeutsamen Bereichen. Fünf, zum Teil miteinander verbundene paradigmatische Problemfelder, die sich in ein Dekadenzschema einordnen lassen, stechen besonders hervor:

I. Wahrheit Nr. 1: Ideologisierung zerstört Zivilisation

Ein kurzer Blick in die Geschichtsbücher zeigt, dass bisher jedes zivilisatorische Projekt gescheitert ist, in dem eine simplifizierende Ideologie mit allen Mitteln der sophistischen Propaganda die komplexe materielle Realität leugnete und übertrumpfen wollte.

Beispielsweise behaupteten Rotgardisten während der chinesischen Kulturrevolution, bürokratische Vorschriften und Spezialisierung seien lediglich Ausdruck "versteckter Machtstrukturen". Konsequenterweise schafften sie daher unter anderem Sterilisationsvorschriften in Krankenhäusern ab und erlaubten selbst den Krankenschwestern, Operationen durchzuführen (siehe Fußnote). Das Ergebnis war buchstäblich blutig!

In Deutschland scheint es schwieriger zu sein, der mit dem (nicht mehr neuartigen) "Ökovirus" infizierten Elite die Klimakeule zu entwenden, als Herkules seiner wirkmächtigen clāva (Keule) zu berauben. Die sommerliche Flutkatastrophe in Westdeutschland wird folgerichtig in der veröffentlichten Meinung in der Regel monokausal auf das herrschende ideologische Konstrukt "Klimawandel" zurückgeführt. Der logische Denkfehler, ein punktuelles Wetterereignis mit einem langfristigen Klimatrend zu begründen, fällt dabei kaum jemandem auf. Dass der Leser beim Rezipieren meiner Zeilen sofort an die unsubstantiierte Behauptung, der Klimawandel mache extreme Wetterszenarien wahrscheinlicher, denken wird, illustriert empirisch – auf geradezu "viszerale" Weise – die erfolgreich vollzogene Konditionierung.

Der folgende, spätestens von der Partei "Die Grünen" perfektionierte betroffenheitspolitische Propaganda-Dreischritt wird schon bei der Analyse einer einzigen typischen Tagesschau-Sendung deutlich:

(a) Hervorrufen großer Bestürzung durch möglichst einprägsame Bilder und dazu passende Interviews und Texte, die persönliches Leid hervorheben,

(b) narrativ-begründende Attribution der Ereignisse in Verbindung mit einem ideologischen, latenten Konstrukt, und

(c) Ankündigung folglich scheinbar gerechtfertigter radikaler Gegenmaßnahmen (in der Regel verbunden mit der Angabe eines Spendenkontos!).

Lassen wir uns die Anwendung dieses Musters im Falle der Hochwasserkatastrophe betrachten.

Zu a) Betroffenheit erzeugen: Berge setzen sich in Bewegung

Durch die IT-Revolution können Quantensprünge in der Wirksamkeit der psychologischen Massenbeeinflussung erzielt werden. Beispielsweise gibt es im Zuge eines Großereignisses im Vergleich zu früher eine viel größere Menge an Videoaufnahmen und Fotos (auch wenn schon in der Apokalypse des heiligen Johannes plastische Bilder auftauchen). Diese werden häufig von Privatpersonen in vormals für Kameramänner und Fotografen unzugänglichen Bereichen aufgenommen. Das Bildmaterial rührt oft durch die zeitliche Unmittelbarkeit, räumliche Nähe und plastische Anschaulichkeit emotional stark auf und verbreitet sich aufgrund des Sensationscharakters und der Schockwirkung blitzschnell über die sozialen Netzwerke und andere Kanäle, häufig ohne dass es vorher verifiziert wird.

Die Medien liefern dann die passenden, emotionsgeladenen Texte zu den Bildern. So wurden die Aufnahmen der Hochwasserkatastrophe als "surreal" und "gespenstisch" bezeichnet. Die Regenfälle wurden mit dem schreckenerregenden Epitheton "sintflutartig" versehen. Um im biblischen Jargon zu bleiben, berichtete die 20-Uhr-Tagesschau am 18. Juli 2021, Berge setzten sich gar in Bewegung – eine höchst kreative, poetische Ausdrucksweise für einen prosaischen Erdrutsch!

In hyperbolischer Ausdrucksweise wurde behauptet, die Hochwasserschäden seien zum Teil schlimmer als die Verwüstungen, die im Zweiten Weltkrieg angerichtet wurden! In diesem Zusammenhang muss betont werden, dass es nicht meine Absicht ist, das Ausmaß der Flutkatastrophe und das unsägliche Leid herunterzuspielen, sondern lediglich darauf hinzuweisen, dass Vergleiche mit einem Weltkrieg oder andere Übertreibungen völlig unangemessen sind.

Persönliche, herzzerreißende Geschichten sind in diesem Kontext enorm wirksam. Beispielsweise präsentierte die Tagesschau wiederum am 18. Juli 2021 ein Interview mit einer 97-jährigen kriegserfahrenen Dame, die bekundete, sie wisse nicht, was sie erwarte, wenn sie zurück nach Hause komme. Soll ein Ereignis dagegen heruntergespielt werden, wie im Falle der hohen Zahl von Toten in zeitlichem Zusammenhang mit der Corona-Impfung in den USA, dann werden im besten Fall höchstens trockene Statistiken präsentiert.

Zu b) Ideologische Attribution: Klimawandel entfesselt Urkräfte der Natur

Ein Ziel des betroffenheitspolitischen Dreischrittes ist es häufig, von eigenen Fehlern abzulenken und tragische Ereignisse für politische Zwecke auszunutzen. Dies geschieht dadurch, dass die Meinungsführer sofort ein Ideologem zur monokausalen Begründung aufrufen. Im Falle der Flutkatastrophe war der Schuldige schnell ausgemacht: der "Klimawandel".

Bundeskanzlerin Angela Merkel, die sich, wie schon in anderen Krisen, routinemäßig äußerst betroffen zeigte, erklärte: "Wir sehen, mit welcher Gewalt die Natur agieren kann." Um sich dieser Naturgewalt "entgegenzustemmen", müsse eine Politik verfolgt werden, "die die Natur und das Klima mehr in Betracht zieht, als wir das in den letzten Jahren gemacht haben". Andere Politiker riefen dazu auf, "grundsätzlich umzudenken".

Dies sind erstaunliche Aussagen angesichts eines punktuellen Ereignisses, wenn man bedenkt, welche Aufmerksamkeit das Thema "Klimawandel" in den letzten Jahrzehnten in Deutschland erhalten hat und welche radikalen Maßnahmen bereits umgesetzt worden sind, die deutsche Kernindustriezweige zerstören, die Energiesicherheit massiv untergraben und schon jetzt zu vermeidbaren astronomischen Zusatzkosten für das deutsche Volk geführt haben.

Das narrative Ideologem überlagert alle anderen Themen und blendet sie somit effektiv aus: Selbst Corona-Schutzmaßnahmen, wie z. B. das Tragen von Gesichtsmasken, waren bei den Aufräumarbeiten in Westdeutschland kaum mehr zu erkennen. Ein närrischer Rheinländer witzelte in diesem Zusammenhang sarkastisch, dass vielleicht auch das Coronavirus "betroffen" sei und sich aus humanitären Gründen zu einer Gefechtspause entschlossen habe.

Kaum jemand stellt statt vorschneller Schlüsse erst einmal grundlegende strategische Fragen. Gleichzeitig haben viele Menschen, die dem zentralen Narrativ sklavenartig folgen, meistens schon eine Antwort parat, ohne überlegt zu haben und überhaupt gefragt worden zu sein. Eine differenzierte, nuancierte, tiefschürfende, systemische und dynamische Ursachenforschung bleibt in der Regel aus.

Beispielsweise wird kaum thematisiert, wie ein Hochwasser in einem hochentwickelten Industriestaat wie Deutschland eine dreistellige Zahl von Toten zur Folge haben kann. Ein Blick auf die Todesstatistiken im Zusammenhang mit Flutkatastrophen zeigt, dass bei einem derartigen Ereignis in der Regel nur in Entwicklungsländern so viele Menschen sterben. Darüber hinaus müssten alle weiteren Ursachen analysiert werden, wie zum Beispiel der Rückgang von Überschwemmungsflächen durch extensive Bebauung, die marode Infrastruktur und das Fehlen effektiver Frühwarnsysteme.

Der Gebrauch des gesunden Menschenverstandes ist bei der Ursachenforschung enorm wichtig. So zeigte sich ein einfacher Bauer aus der von den Fluten betroffenen Region in einem im Internet viral verbreiteten Video berechtigterweise konsterniert. Er fragte sein virtuelles Publikum, was mangelnde Schutzmaßnahmen und ausbleibende Hilfe in aller Welt mit "Klimaschutz" zu tun hätten.

Zu c) Radikale Gegenmaßnahmen: Klimawandel "stoppen"

Nachdem die Propagandarezipienten emotional und narrativ vorbereitet worden sind, kann die politische und mediale Elite sofort transformative Veränderungen ankündigen und durchsetzen. So bekundete beispielsweise Bundesfinanzmister Olaf Scholz als selbst ernannter Umweltschützer, er werde "alles tun, um den menschengemachten Klimawandel zu stoppen". Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder betonte, man müsse jetzt der Natur helfen.

Typisch für solche Reaktionen ist die grundsätzliche Weigerung, Grenzen für den Umfang der Maßnahmen und Ausgaben zu setzen, und eine schon fast frevelhafte Hybris. Es ist ja bemerkenswert, dass ein deutscher Minister den Klimawandel zum Stillstand bringen möchte. Dies erinnert an den in der Antike weit verbreiteten Topos des unbeherrschten und übermütigen Alleinherrschers, wie zum Beispiel den persischen Großkönig Xerxes, der aus Wut das in seinen Augen aufständische Meer auspeitschen lassen wollte.

Der scheinbar mit allen Flutwassern gewaschene Finanzminister will also den Klimawandel gänzlich stoppen, den es schon seit Urzeiten gegeben hat, was allein schon zeigt, dass es sich grundsätzlich nicht um ein menschengemachtes Phänomen handelt. Grönland heißt "grün", weil es einmal grün war, ohne dass bekannt wäre, dass die Ureinwohner dort Großindustrielle mit enormen Fabriken gewesen wären, die Unmengen von Kohlenstoffdioxid ausgestoßen hätten. Ein einziger Vulkanausbruch erklärt in Bezug auf Klimaveränderungen häufig erheblich mehr als die Produktion eines ganzen Industrieimperiums. Das Wort "Klimawandel" ist aus empirischer Sicht schlichtweg ein plattitüdenhaftes, pleonastisches Nominalkompositum ohne sinnvollen Gegenbegriff, denn ein langfristig stabiles Klima gibt es auf Erden nicht.

Genauso manipulativ ist der Ruf nach mehr "Klimaschutz". Sprachlich gesehen wird durch diese eingängige und wirkmächtige Metapher, ohne dass dies den meisten Menschen klar wird, das Abstraktum "Klima" personifiziert und unter Schutz gestellt, um im Rezipienten Assoziationen mit anderen fürsorglichen Maßnahmen zu erwecken, wie zum Beispiel dem Tier- oder Artenschutz. Der Begriff "Klimaschutz" legt somit auch pagane, pantheistische und pseudospirituelle Vorstellungen einer belebten Natur nahe, die es – auf Kosten des Menschen, der nur als Störfaktor gesehen wird – zu bewahren gilt.

Der Lackmustest im Zusammenhang mit dieser letzten Stufe des oben beschriebenen propagandistischen Dreischrittes ist hier jeweils, welche fundamentale Gesetzesänderungen (die unter anderen Umständen häufig sehr lange dauern würden) und welch exorbitante Hilfsfonds innerhalb kürzester Zeit nach einem Ereignis bewilligt werden. Dann wird erkennbar, was die wahren Prioritäten der Machthaber sind. Zudem wird auch als Antwort auf die Frage "cui bono" deutlich, wer politischen und wirtschaftlichen Gewinn aus einer Krise ziehen will und kann – an den Früchten wirst du sie erkennen!

Viele betroffene und geprellte Opfer der Flutkatastrophe empfinden es als schamlos und zynisch, dass zahlreiche Politiker und die Systemmedien persönliche Lebenstragödien dazu ausnutzen, buchstäblich Wasser auf die Mühlen ihrer radikalen Klimapolitik zu gießen, anstatt die leidenden Menschen in das Zentrum zu stellen und die gesamte Aufmerksamkeit und alle Ressourcen auf die tatkräftige Unterstützung vor Ort zu lenken. Kurz gesagt, der oben genannte kluge Bauer hätte sich für seine Aufräumarbeiten eher eine Abbruchbirne als die Klimakeule erhofft.

(Ende von Teil I. Fortsetzung folgt.)

RT DE bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

Prof. Dr. Kai-Alexander Schlevogt (Ph.D. Oxford; Univ.-Prof. SPbU a. D.) ist Experte für strategische Führung und Krisenmanagement. Er war u.a. Professor an der St. Petersburg State University, National University of Singapore und Peking University. Er arbeitete auch als Unternehmensberater für McKinsey & Co. in China und fungierte als Berater des malaysischen Ministerpräsidenten hinsichtlich des Aufbaus einer "elektronischen Regierung" (electronic government). Prof. Schlevogt ist Autor von sechs Büchern, darunter "The Art of Chinese Management" (Oxford University Press), "The Innovation Honeymoon" (Pearson Prentice Hall) und "Brave New Saw Wave World" (Pearson/FT Press).

Fußnote: Schlevogt, Kai-Alexander Schlevogt. 2002. The Art of Chinese Management. Oxford University Press. Seite 10.

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