Meinung

Polnischer Wurfspeertanz oder Übung in US-höriger Russophobie: Signal an Ukraine und Weißrussland

Die jüngst bekanntgewordene Stationierung von Panzerabwehrsystemen vom Typ Javelin aus US-Herstellung im Osten Polens ist eine plakative Geste, mit der ein Anspruch auf den Status der Vorhut im Kampf gegen Russland angemeldet wird. Manche lernen nicht aus der Geschichte.
Polnischer Wurfspeertanz oder Übung in US-höriger Russophobie: Signal an Ukraine und WeißrusslandQuelle: Reuters © Kacper Pempel

 

Ein Kommentar von Andrei Rudaljow

Es ist nicht so lange her, da kaufte Polen von den USA Panzerabwehr-Lenkraketensysteme des Typs FGM-148 Javelin im Wert von 100 Millionen US-Dollar. Die Lieferung wurde erst im vergangenen Jahr vom US-Außenministerium abgesegnet. Die Stationierung der tragbaren Raketensysteme im Osten Polens gab Mariusz Blaszczak, der polnische Minister für Nationale Verteidigung, bekannt. Ihm zufolge liegt dieser Dislokation die Idee "eines ganzen Abschreckungssystems gegen einen möglichen Aggressor" zugrunde.

So, und wer ist hier bei uns der Aggressor? Richtig: Moskau. Diese zwei Begriffe hat der westliche Agitprop schon längst zum Reimen gebracht (wenn auch nur für sich selbst). Russland greift zwar niemanden an, ist aber der standardmäßige Aggressor vom Dienst. Schließlich ist Russland so groß. Und wer weiß, welche Gedanken über seine Weiten so umhergaloppieren. Die polnische Regierung hält ihre Bevölkerung aktiv und regelmäßig mit der Schreckensbotschaft auf Trab, dass Russland Invasionspläne entwickelt habe. Warum Russland Invasionspläne entwickelt? Na, als der Aggressor. Was ist denn hier noch unverständlich?

Es ergibt keinen Sinn, zu erklären, dass Russland Polen in keiner Form gebrauchen kann – außer im Format einer guten Nachbarschaft. Denn in Polen herrscht eine ganz eigene Raison und es geht höchstwahrscheinlich gar nicht um russische Ambitionen, sondern um polnische. Und in diesem Kontext klingt die Botschaft von einer Konfrontation oder von einer "Eindämmung des Aggressors" auch ganz anders. Denn zu beidem gehört ja auch der Angriff. Und in einem solchen Kontext sind Pläne und Begehrlichkeiten recht einfach zu berechnen.

Die vom Aas träumt

Der Zusammenbruch der UdSSR eröffnete seinerzeit eine Ära der Träumer. Deren Schicksal und Berufung lagen naturgemäß in nichts weniger als in einer Neuaufteilung der Welt. Politische Kreise in Polen kamen zu dem Bewusstsein, dass die Zeit ihrer Großmacht gekommen sei. Die Hauptsache dabei war, den Glücksvogel jetzt nicht aus der Hand entfleuchen zu lassen. Dann wäre nicht nur die "historische" territoriale Integrität des Landes "wiederhergestellt" und alle sorgfältig dokumentierten Vergehen geahndet, sondern dann könnte man auch den Status eines regionalen Gendarmen für sich erwerben. Es ist schwer zu beurteilen, wie weit die Träume des polnischen politischen Establishments wirklich reichen. Möglich, dass sie insgeheim denken, ihr Wille werde von den USA umgesetzt und nicht umgekehrt, dass also der Weltpolizist nach ihrer Pfeife tanzt, deren kaum hörbare Melodien die Noten zur Verwirklichung einer weltgeschichtlichen Mission vorgeben. Zbigniew Brzezinski würde doch nicht lügen, oder?

Eigentlich wäre es für Kiew nach solchen Botschaften, zumal vom polnischen Verteidigungsminister geäußert, an der Zeit schwer nachzugrübeln. Sofern man dort überhaupt noch einigermaßen adäquat denkt. Seine Überlegungen zur "Abschreckung des Aggressors" gab Mariusz Błaszczak auf dem Trainingsgelände mit dem bedeutungsschwangeren Namen Kijewo (Kijewo Królewskie nahe Torun) zum Besten, wo ein Vorführmanöver abgehalten wurde. Was ist das, wenn nicht ein Hinweis auf die Stoßrichtung der Politik ebenso wie der geplanten Kraftansetzung?

Ein Modell des Verhaltens im Rahmen einer solchen "Abschreckung" ist recht einfach zu erstellen. Zur ersten Phase einer polnischen Konfrontation mit dem vermeintlichen Aggressor können Pläne gehören, eine "Rückgabe" der Westukraine und Westweißrusslands zu erwirken. In Polen werden regelmäßig Äußerungen über die Möglichkeit laut, sich das ukrainische Galizien "zu holen". Dazu bedarf es nicht einmal irgendwelcher Feindseligkeiten und Konflikte. Ein permanentes Chaos in der Ukraine reicht bereits völlig aus. Auch wäre es beispielsweise möglich, die ukrainische Regierung zu aktiven Schritten im Donbass zu provozieren, um so eine Antwort aus Moskau herbeizuführen. Dann würde sich Polen durchaus die Chance bieten, diesen appetitlichen Teil der "unabhängigen" Ukraine "in Schutz zu nehmen".

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Ähnliche Rezepte des Stiftens von Chaos und Aufruhr sind auch auf Weißrussland anwendbar. Es ist kein Zufall, dass Polen im vergangenen Jahr als "geistiger Führer" der Unruhen im Land auftrat.

Für den zweiten Gang des Menüs "Abschreckung der Aggression" an Sauce à-la Polonaise könnte es Pläne geben, sich die vom Chaos weichgekochte Ukraine und Weißrussland vollständig einzuverleiben oder zu Vasallen zu machen. Warum soll so viel Gut denn auch brachliegen?

Historische Verbindung von Instinkt und Trauma 

Und weiter? Den Blick auf Russland, das Skalpell fest in der Hand. Wenn wir schon eindämmen, dann dämmen wir ein – das Porto inbegriffen. Die Möglichkeit für einen neuen Falschen Dmitri steht ja bald ins Haus, warum nicht? Nichts ist unmöglich. Der Zusammenbruch der Sowjetunion und die turbulenten 1990er-Jahre in Russland haben das schließlich gezeigt.

Polen als ehemaliger Teil des Russischen Reiches könnte durchaus im Wunsch entbrennen, sich zu einem Nachfolger des historischen Russlands zu erklären. Nur ein geschichtliches Kuriosum? Sicher, aber nicht in den hellen Köpfen der politischen Träumer und der Großmachtwunschdenker, die alle mit dem mythischen Popanz eines von Invasionsplänen eingenommenen Aggressors zu erschrecken suchen und für sich selbst die Rolle der Retter, Befreier und Vollstrecker der Gerechtigkeit beanspruchen.

Alles in allem doch eine irgendwie sehr alte Geschichte, die sich ständig wiederholt. Und es ist schon seltsam, dass sie niemanden etwas lehrt. So war es doch schon im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert: Polen verdingte sich bei gemeinsamen Feldzügen gen Osten, verlor dann seine Staatlichkeit, und alle Ambitionen verkehrten sich in das Einnehmen der Opferpose und in Schwüre der Vergeltung.

So ist denn auch jetzt die Hauptinspiration der polnischen antirussischen Leidenschaft die Weltkonjunktur. Die USA setzen Russland unter Druck, speien Sanktionen wie Blitze – und prompt wird die Kombination des alten historischen Instinkts mit ebensolchem Trauma aktiviert, die dem Flug einer Motte in eine Kerzenflamme gleicht. Polen bietet seine Dienste an und versucht, sich den Hauptplatz in der vordersten Kolonne des Feldzuges gegen Russland zu sichern. Nicht nur um die Zuneigung des Schutzpatrons zu gewinnen, sondern auch um eigene Vorteile zu erlangen.

Wenn die polnischen Politiker doch nur hinter den Kulissen ihre alternativen Geschichtsverläufe nachspielen und sich Träumereien hingeben würden, wenn sie doch nur nicht vorhätten, das alles in die Realität umzusetzen. Aber nein: Jetzt bestrahlen sie auch Weißrussland beständig mit ihren Stimmen der "Demokratie", singen wie Sirenen auf das Land ein, rufen, fordern und locken.

Wie einst die geflügelten Husaren: Mit Wurfspeeren gegen die Panzerhorde aus dem Osten

Doch zu allem Überfluss fuchtelt die polnische Regierung nun auch mit den US-amerikanischen Panzerabwehrsystemen herum, zwecks besserer Überzeugungskraft – wie bei einem Tanz mit Wurfspeeren um ein Lagerfeuer.

In all dem steckt auch ein Element der Manipulation mit stereotypen Bildern. Noch im Kalten Krieg entstand das heute noch vorhandene Propagandabild einer sowjetrussischen Bedrohung in Form einer Panzerarmada, die mit ihren Ketten die zarten Sprossen von Zivilisation, Demokratie und Freiheit zermalmt. Gerade das Javelin-Panzerabwehrsystem wird in diesem Zusammenhang zu einer Art Impfstoff gegen die "gepanzerte russische Bedrohung", zu einer gleichsam gelobten Pille aus Amerika, die den Aggressor wie im Märchen exorziert, zu einem Objekt, dem wundersame Eigenschaften innewohnen.

Jetzt sind diese US-amerikanischen "Wurfspeere" dem offiziellen Warschau ein neuer Fetisch oder ein heiliges glücksbringendes Amulett für "gute Unternehmungen". Auch in der Sowjetunion wohnten Kaugummi und Jeans seinerzeit eine ähnliche, fast mystische Kraft inne. Man glaubte, dass man durch die Kommunion mit diesen deuteronomischen Josias-Bundesurkunden der westlichen Welt Fähigkeiten eines Superhelden erlangen würde und sich alles um einen selbst augenblicklich verändern würde. Am Ende standen der Zusammenbruch des Landes und der Zusammenbruch der Träume.

Zudem leiden Polens Regierung und seine Elite offensichtlich auch an Komplexen lauter kleiner Napoleone. Wohl nicht umsonst schlossen sich ihre Vorgänger in der alten Zeit noch dem Tross des eisengekrönten Kaisers an. Auch jetzt geben sie sich der Nostalgie hin und träumen von einem neuen Messias, der den Feldzug zur Eroberung des gelobten Traums anführt. Und wenn es nicht klappt, dann bleibt das Übliche: Man spielt das Opfer.

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Übersetzt aus dem Russischen

Andrei Rudaljow ist ein russischer Schriftsteller, Journalist, bedeutender Literaturkritiker (vor allem des "neuen Realismus" in Russland) und Publizist. Chefredakteur der russischen Nachrichtenagentur IA Belomorkanal. Führt eine Kolumne bei der russischen Ausgabe von RT.

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