Meinung

Stromausfall in Texas – ganz ohne russische Hacker

Bislang war ein beliebtes Scharfmacher-Narrativ der US-Medien, Russland könnte das Versorgungsnetz der USA mithilfe von Hackern lahmlegen. Als passende Momente wurden vor allem Kälteeinbrüche genannt. Welche Konsequenzen sind aus dem eigenen Versagen der USA zu ziehen?
Stromausfall in Texas – ganz ohne russische HackerQuelle: Reuters © Adrees Latif/File Photo

Ein Kommentar von Robert Bridge

Eine der irren Anschuldigungen, die US-Mainstream-Medien bislang gegen Russland erhoben, lautet, dass der Kreml während eines brutalen Kälteeinbruchs in den USA "den Strom abwürgen" könnte. Sollte Russland nun auf eine Entschuldigung warten, nachdem das Energienetz im US-Bundesstaat Texas zusammengebrochen ist?

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"Niemals einen guten ..." Nein, diesmal nicht Shitstorm, sondern "Niemals einen guten Schneesturm vergeuden", scheint das Mantra des Augenblicks zu sein, alldieweil sich der US-Bundesstaat Texas in einem Ausnahmezustand befindet. Inmitten von Wetterkapriolen, die die Temperaturen im ganzen Land abstürzen ließen und in etwa drei Millionen texanischen Haushalten für Stromausfälle sorgten, halten die Demokraten dem von den Republikanern regierten US-Bundesstaat eine Standpauke. Man habe die "veralteten", mit fossilen Brennstoffen betriebenen Kraftwerke nicht ausreichend geschützt. Die Republikaner reagieren darauf, indem sie "eingefrorene Windmühlen" für die Krise verantwortlich machen, eine der heiligen Kühe der Linksliberalen, die ihnen für eine Welt ohne Umweltverschmutzung voll endloser, kostenloser Energie stehen. Hierauf wird ihnen dann wiederum in etwa so geantwortet:

"Die Vereinigten Staaten von Amerika haben im Jahr 2010 Windräder in der Antarktis installiert, aber Texas friert, weil die dortigen privatisierten öffentlichen Energieversorger zu geizig waren, ihre Windmühlen winterfest zu machen."

"Hier ist ein Foto von drei Windrädern, die in der Kälte arbeiten. Es gibt kein Problem mit Windrädern, es gibt ein Problem mit Texas. Woher ich weiß, dass sie Kälte wie in Texas abkönnen sollten? Dieses Foto ist aus der Antarktis."

Na, fällt Ihnen hier eine Ungereimtheit auf?

Seltsamerweise fehlt in dieser jüngsten Abwärtsspirale in den Abgrund des Wahnsinns Made in USA der globale Erzbösewicht Russland. Diese Auslassung ist ziemlich überraschend, wo doch die US-Amerikaner auf den Glauben konditioniert wurden, dass, falls sie mitten im Winter ohne Heizung dastehen, die wahrscheinlichste Ursache nicht etwa ein alterndes und marodes Energienetz oder gar eine unbezahlte Heizungsrechnung ist, sondern vielmehr eine skrupellose Bande russischer Hacker, die "highly likely" im Dienste von Wladimir Putin im Einsatz sind.

Ein Beispiel: Damals, im Jahr 2016, also zur gleichen Zeit, als Barack Obama gerade 35 russische Diplomaten wegen der "Untergrabung unserer Wahlprozesse und Institutionen" ausgewiesen hatte, veröffentlichte die Washington Post eine sensationelle Story mit dem Titel "Versorgungsanlage in Vermont im Laufe russischer Operation gehackt – zuständige Beamte sprechen von offengelegtem Risiko für die Sicherheit des US-Stromnetzes".

Keine geringere Regierungsautorität als der Demokratische Gouverneur des US-Bundesstaats Vermont Peter Shumlin wurde in diesem Artikel mit folgender Aussage zitiert:

"Vermonter und alle US-Amerikaner sollten aufgrund der Tatsache gleichermaßen alarmiert wie empört sein, dass einer der führenden Schurken der Welt, Wladimir Putin, versucht hat, unser Stromnetz zu hacken, auf das wir uns für die Gewährleistung unserer Lebensqualität, Wirtschaft, Gesundheit und Sicherheit verlassen."

Es gab mit dieser hochbrisanten Anschuldigung gegen das ferne Russland aber ein Problem: Sie fußte vollständig auf Fake News und Desinformation. Und obwohl der Artikel in der Washington Post noch immer frei, ohne Zahlschranke oder andere Zugangsbeschränkungen online verfügbar ist, kommt er mit einer Anmerkung des Herausgebers daher, die lautet:

"In einer früheren Version dieses Artikels wurde fälschlicherweise behauptet, dass russische Hacker in das US-Stromnetz eingedrungen seien. Laut zuständiger Behörden gibt es hierfür bisher keine Anzeichen. Der Computer bei Burlington Electric, der gehackt wurde, war nicht an das Stromnetz angeschlossen."

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Man muss sich wohl fragen, was geschehen würde, falls die US-Medien durch die Veröffentlichung eines ähnlich unbegründeten Ausgusses einer geistigen Umnachtung plötzlich dafür verantwortlich wären, die Welt an den Abgrund des Dritten Weltkriegs gebracht zu haben, nur weil bei ein paar Leuten in Spokane die Heizung nicht mehr läuft. Würde sich irgendjemand die Mühe machen, die in einem Artikel vergrabene Anmerkung des Herausgebers zu lesen, in der die Sache endlich richtiggestellt wird, bevor die Raketen starten? Nun, ich schweife ab.

Schnellvorlauf ins Jahr 2019. Die US-Medien hatten angesichts der bevorstehenden US-Präsidentschaftswahlen ihren manischen Anti-Russland-Modus voll hochgefahren. Im Februar, inmitten einer von mehreren Kältewellen, die über das Land fegten, ließ MSNBC-Moderatorin Rachel Maddow keine Gelegenheit aus, ihrem Millionenpublikum mit Russophobie einzuheizen. So fragte sie:

"Was würde passieren, wenn Russland heute den Strom in Fargo abstellen würde? Was würden Sie tun, wenn infolge eines Akts einer fremden Macht bei Ihnen die Heizung auf unbestimmte Zeit ausfiele, an einem Tag, an dem die Temperatur in Ihrem Hinterhof der Temperatur in der Antarktis entspricht?"

Nun, Rachel, ich weiß nicht, was sollte ich denn da tun, abgesehen von erfrieren? Mich hinsetzen und einen Brief an meinen Kongressabgeordneten schreiben?

"Im Programm des heutigen Abends bei der TV-Moderatorin mit den meisten Zuschauern in den USA, Rachel Maddow von MSNBC (Anhängerin der Demokratischen Partei): Russland wird Sie und Ihre Familie erfrieren lassen."

Wäre Rachel Maddow ein durchschnittlicher Medienschreiberling von mittelmäßigen Fertigkeiten und bei irgendeinem unbekannten Hinterwäldlerblättchen beschäftigt, könnte man eine solche rhetorische Frage, bei der einem das Mark in den Knochen gefriert, vielleicht als grobe Unprofessionalität und journalistische Unreife entschuldigen; als Ergebnis der Arbeit einer Amateurin frisch von der Journalistenschule. Immerhin hat Moskau noch nie, nicht einmal auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, kaltblütig die Entscheidung gefällt, die Energieversorgung Europas oder der USA abzuschalten. Weder im Sommer noch im tiefsten Winter. Ja, es gab Streit um Zahlungen für diese Energie, insbesondere mit der Ukraine, doch das ist mitnichten dasselbe wie Menschen in ihren Häusern absichtlich erfrieren zu lassen. Falls Rachel Maddow mit dieser Information nicht vertraut war, macht sie das zu einer lausigen Journalistin. Falls sie sehr wohl damit vertraut war, aber nicht das Bedürfnis verspürte, diese Tatsache zu erwähnen, macht sie das zu einer unverantwortlichen Schreibmaschinentäterin, die politisch etwas Gewaltiges im Schilde führt.

Als Gastgeberin der gleichnamigen The Rachel Maddow Show ist die liberale Fernsehkommentatorin eine der prominentesten Medienfiguren in den Vereinigten Staaten. Millionen Zuschauer schalten jeden Abend ihre Sendung ein. Maddow muss sich ihres tief greifenden Einflusses bewusst sein, der keine geringen Auswirkungen auf den Stand der Beziehungen zwischen den beiden wichtigsten Atommächten der Welt hat. Somit würde man erwarten, dass sie einen Hauch von Objektivität und ein Mindestmaß an journalistischer Integrität walten lässt, bevor sie ihre Platte voller Russophobie kalt serviert. Leider, vielleicht sogar tragischerweise, ist von solch einer dringend benötigten Ausgewogenheit nichts zu spüren. Wenn es um die Berichterstattung über Russland geht, arbeiten alle westlichen Journalisten in dem Selbstverständnis, sich alles erlauben zu können.

Irgendwie ist in der Welt des US-Journalismus und der globalen Geopolitik diese abscheuliche Behandlung eines ganzen Landes zur akzeptierten Norm geworden. Bis zu dem Punkt, an dem eine regelrechte Hasskampagne, nennen wir das Ganze ruhig Rassismus, gegen Russland förmlich aus dem Nichts heraufbeschworen wurde. In der Tat ist es fast eine Überlegung wert, ob Juden historisch gesehen in der Presse insgesamt nachteiliger wegkommen als Russen. Insbesondere, wenn man unsere modernen Zeiten berücksichtigt. Ich vermute, dass der Unterschied in diesem Punkt nicht besonders groß ist.

Wie dem auch sei, da in den USA bereits eine hitzige Debatte darüber geführt wird, wer oder was die Verantwortung an den Stromausfällen trägt, wäre dies vielleicht ein guter Zeitpunkt, um über die diesbezügliche ungerechte Behandlung des russischen Volkes nachzudenken. Immerhin haben die Russen einige Erfahrung mit unbeständigen Wetterbedingungen und wissen, wie wichtig es ist, im Winter warm zu bleiben. Ein Szenario, in dem Russland auf magische Weise das US-Stromnetz abschaltet, wäre weder durch Präzedenzfälle noch durch historische Erfahrungen legitimiert, ja, nicht einmal auf Plausibilität gestützt. Szenarien dieser Art wären einzig auf Propaganda und billige Lügen zurückzuführen, die ausschließlich dazu dienen, das Misstrauen zwischen den USA und Russland zu schüren – und zwar von Journalisten, die es eigentlich besser wissen müssten. Bevor die globale Erwärmung sich auch in der Geopolitik weiter verstärkt, ist es am besten, die Russen an denselben journalistischen Maßstäben zu messen und sie mit der gleichen Integrität zu behandeln wie alle anderen Menschen dies auch verdienen. 

RT DE bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

Übersetzt aus dem Englischen

Robert Bridge ist ein US-amerikanischer Schriftsteller und Journalist. Er ist der Autor des Buches "Midnight in the American Empire – Wie Konzerne und ihre politischen Diener den amerikanischen Traum zerstören". Auf Twitter findet man ihn unter @Robert_Bridge