Meinung

15 Jahre kritischer Journalismus – Happy Birthday, RT International!

Am 10. Dezember 2005 startete RT International in Moskau sein Programm. Mittlerweile berichtet RT auf Arabisch, Englisch, Deutsch, Französisch, Russisch und Spanisch aus der ganzen Welt. Wir erklären, was das mit Don Quijote, Karl Popper und Rocky Balboa zu tun hat.
15 Jahre kritischer Journalismus – Happy Birthday, RT International!Quelle: Gettyimages.ru

von RT DE Redaktion

"Eine der Wirkungen der Furcht ist es, die Sinne zu verwirren und zu machen, daß uns die Dinge anders erscheinen, als sie sind", schreibt Miguel de Cervantes in seinem berühmten Roman "Don Quijote". Und wenn es ein Leitmotiv gibt, dass RT seit seiner Gründung vor 15 Jahren bis zum heutigen Tag begleitet hat, dann ist es die Furcht.

Das hat weniger mit dem furchtlosen und preisgekrönten Journalismus zu tun, den RT seit seiner Gründung praktiziert, sondern vielmehr mit der scheinbar ewigen Fantasmagorie Russlands "als Reich des Bösen". Ganz gleich, wo sich RT niederließ, ob in Großbritannien, den USA, Frankreich oder auch Deutschland – der Widerstand gegen den "Feindsender" aus Teilen der etablierten Medien und Politik war immer allgegenwärtig.

Eine komplette Aufzählung der "Nettigkeiten", mit denen RT seit seiner Gründung bedacht wurde, würde den Rahmen jedes Artikels sprengen. Darüber kann man mittlerweile Bücher schreiben. Sie wären ähnlich unterhaltsam wie Geschichte über den "Ritter von der traurigen Gestalt". Hier der Kürze zuliebe nur wenige Beispiele. Im Oktober 2016 veröffentlichte RTUK in Großbritannien ein Schreiben der Bank NatWest an "Russia Today TV UK Ltd.", in dem RT UK darüber informiert worden war, dass die Bank beabsichtige, die Konten des Senders aufzulösen – und das, obwohl es eine langjährige Zusammenarbeit mit der Bank gegeben hatte. Es wurde keine Begründung für diesen Schritt angegeben. Erst nachdem sich bekannte britische Persönlichkeiten und das Publikum von RT UK gegen diese Entscheidung aufgelehnt hatten, wurde die angekündigte Auflösung der Konten Ende Januar 2017 wieder zurückgenommen.

RT – das hat uns gerade noch gefehlt

Auch in den USA wurde RT nicht herzlich willkommen geheißen, stattdessen gab es Artikel wie diesen hier von der New York Times, die einfach mal fragte: "Russlands RT-Netzwerk: Ist es eher BBC oder KGB?" Seit dem 1. April 2018 ist RT America in Washington nicht mehr per Kabelfernsehen zu empfangen. Eine Entscheidung, die mit der Zwangsregistrierung von RT America als "ausländischer Agent" in den USA zusammenhängt. Die Besessenheit des US-Establishments von RT America reicht jedoch bis in den März 2011 zurück, als die damalige Außenministerin Hillary Clinton sich darüber beklagte, dass die USA "den Informationskrieg verlieren". Das berüchtigte Intelligence Community Assessment (ICA) über "eine russische Einmischung" in den US-Wahlkampf 2016 widmete mehr als ein Viertel seines gesamten Umfangs RT, sieben von 25 Seiten, um genau zu sein. Der Bericht lieferte keine belastbaren Beweise für eine "russische Einmischung".

In Frankreich verwehrte Emmanuel Macron RT France 2017 den Zugang zum Hauptquartier seiner Bewegung "En Marche", weil er dem Sender eine falsche Berichterstattung vorwarf, obwohl auch andere französische Medien dieselbe Story aufgenommen hatten. Dabei ging es um das Gerücht, dass Macron homosexuell sei, was  weder von RT noch von Sputnik, dem anderen russischen Sender, der in Mitleidenschaft gezogen wurde, je behauptet worden war. Macron wiederholte auch später mehrfach, dass es sich bei RT um einen "Propagandasender" handele, ohne jedoch je Belege für diesen Vorwurf zu liefern.

Und in Deutschland? "Das hat uns gerade noch gefehlt – Der staatliche, russische Propaganda-Kanal RT ist seit Kurzem mit einem deutschen Angebot auf dem Markt" schrieb die Die Zeit im November 2014, als RT DE gerade loslegte. Die Kollegen von der FAZ wollten dem in nichts nachstehen und ergänzten ebenfalls im November 2014: "Für 'Kreml-TV' sind sie bei 'RT Deutsch' zuständig". So ging es los, und so ging es auch weiter.

Fälschlicherweise behauptete zum Beispiel die Bild vor Kurzem, dass RT DE vom Verfassungsschutz "wegen seiner Corona-Berichterstattung" beobachtet werde. Der Tagesspiegel erklärte einen "Krieg der Bilder" und sah den "Westen plötzlich in der Defensive". Oder der mittlerweile als "Klassiker" einzuschätzende "Fall Lisa", als unter anderem mit der Behauptung, RT DE habe im Januar 2016 angeblich Fake News über die Vergewaltigung eines 13-jährigen russischstämmigen Mädchens aus Berlin-Marzahn in die Welt gesetzt oder zumindest weiter geschürt, hausieren gegangen wurde. Mit dabei war auch der Vorsitzende des Deutschen Journalisten Verbands (DJV), Frank Überall. Er musste später im "Fall Lisa" jedoch wieder zurückrudern und entschuldigte sich.

Die scheinbar omnipotente und allumfassende "russische Desinformation" ist auch in Zeiten der Corona-Krise sehr "en vogue". Die Veröffentlichung eines EU-Berichts, der Moskau beschuldigt, den Westen mit Falschmeldungen über das Coronavirus zu destabilisieren – und behauptet, dass RT selbstverständlich ein wesentlicher Teil der Kampagne sei –, sorgte schnell für unzählige Schlagzeilen in ganz Europa. Doch in gewohnter Manier versäumte es der Mainstream auch hier, ein einziges Beispiel für "Fake News" zu liefern. Oder die vermeintliche "Desinformation" zu belegen. Die Parallelen zu Cervantes und Don Quijote sind offensichtlich. In einer sich rasant veränderten Welt kämpfen Teile des medialen Mainstreams verzweifelt um die Aufrechterhaltung ihrer Vorherrschaft – so wie die Aristokratie seinerzeit in Spanien. Da werden aus einfachen Windmühlen schon mal schnell "Propagandasender" und "Agenten".

2015 gründete die EU sogar eine eigene "Taskforce" unter dem Namen "East StratCom", um "Russlands laufenden Desinformationskampagnen entgegenzuwirken". Wie plump und auch manipulativ dabei vorgegangen wird, zeigt eine vermeintliche Analyse eines Kommentars auf RT DE durch die "Taskforce". Womit wir den Übergang von Miguel Cervantes zu Karl Popper geschafft hätten, der in seinem bekannten Werk "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde", vermutlich die Blaupause schlechthin für eine "liberale Weltordnung", das sogenannte "Toleranz-Paradoxon" beschreibt. Grob zusammengefasst umschreibt das "Toleranz-Paradoxon" den Widerspruch, wenn eine offene, tolerante Gesellschaft plötzlich intolerant wird, weil sie glaubt, nur so den Angriff von intoleranten Kräften abwehren zu können.

Genau in diesem Gedanken steckt die Krux, was die Behandlung von RT betrifft. Denn die Rollen in diesem "Krieg der Bilder" sind nur scheinbar klar verteilt – hier die guten westlichen Medien, die die freiheitlich-liberale Weltordnung verteidigen, dort die finsteren russischen Staatsmedien, die den Untergang oder zumindest die Destabilisierung dieser Ordnung anstreben. Doch gibt die Wirklichkeit das wirklich her?

Rocky gibt die Richtung vor

Als "Intolerante" charakterisiert Popper diejenigen, die "den rationalen Diskurs verweigern". Diese gelte es auch mit intoleranten Mitteln zu bekämpfen. Doch selten erfolgt die Ablehnung von RT aus inhaltlichen, auf Fakten basierenden, also rationalen Gründen. Vielmehr erfolgt sie pauschal aus einem irrationalen Zirkelschluss heraus: Russland ist böse, also kann ein russischer Staatssender auch nur Böses im Schilde führen. Das hat mehr mit Ideologie zu tun denn mit einem rationalen Diskurs. Womit wir bei Rock Balboa und Ivan Drago angelangt wären.

In Rocky IV, der in Deutschland noch passenderweise den Zusatz "Kampf des Jahrhunderts" verpasst bekam, kommt es am Schluss des Films zum Kampf zwischen Rocky Balboa, gespielt von Sylvester Stallone, und Ivan Drago, gespielt von Dolph Lundgren. Zuvor im Film hatte der sowjetische Boxer (der Film stammt aus dem Jahr 1985) Drago den Freund und Boxerkollegen von Rocky, Apollo Creed, gespielt von Carl Weathers, während eines Boxkampfes brutal getötet. Nun nimmt Rocky Rache für seinen toten Freund.

Der finale Kampf findet in Moskau statt. Auf der Zuschauertribüne sitzt auch Michail Gorbatschow. Natürlich gewinnt Rocky gegen Drago – doch dann passiert Seltsames. Plötzlich applaudiert das russische Publikum Rocky. Auch der fiktive Gorbatschow im Film reiht sich in den Applaus ein. Völkerverständigung? Happy End? Nicht ganz. Denn die Moral von der Geschicht' ist hier folgende: Du musst den Russen erst verprügeln und niederschlagen, damit er kapiert. Denn eine andere Sprache versteht er nicht. Das meinte Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer vermutlich auch, als sie von einer "Position der Stärke" gegenüber Russland fabulierte. Denken Sie daran, wenn es auch demnächst wieder heißt: RT ist ein "Feindsender".

Trotz all dieser Widerstände erreicht RT mithilfe von 22 Satelliten und über 230 Betreibern etwa 700 Millionen Menschen in mehr als 100 Ländern. Auf Facebook haben über 7,5 Millionen Menschen RT abonniert. Auf Twitter folgen drei Millionen. Auf YouTube zählt RT über vier Millionen Abonnenten. Wir gratulieren unseren Kollegen und Kolleginnen bei RT International herzlich zum runden Geburtstag – und freuen uns auf die nächsten 15 Jahre.

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