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Aufgabe der Iran-Pipeline-Pläne: Pakistan könnte viel mehr verlieren als nur Gas

Die Kapitulation Pakistans vor dem US-Sanktionsdruck und die daraus resultierende Entscheidung, sich aus den Pipeline-Plänen mit Iran zurückzuziehen, werden seine Energiesicherheit noch stärker von seinem katarischen Partner abhängig machen.
Aufgabe der Iran-Pipeline-Pläne: Pakistan könnte viel mehr verlieren als nur GasQuelle: AFP © ATTA KENARE / AFP

Von Andrew Korybko

Die pakistanische Zeitung Dawn berichtete Anfang vergangener Woche, dass Erdölminister Musadik Malik der Nationalversammlung mitgeteilt habe, dass Pakistan beabsichtige, die Verpflichtung zur Abnahme von iranischem Gas auszusetzen, aus Angst vor US-Sanktionen, und dass ein internationales Schiedsverfahren wahrscheinlich über die zu zahlende Konventionalstrafe entscheiden werde. Nachdem diese Nachricht bekannt wurde, versuchte er, die Umstände zu erklären, indem er darauf bestand, dass sein Ministerium aktiv nach "kreativen Lösungen" suche, um die Verschrottung der Pipeline zwischen Iran und Pakistan zu vermeiden, aber der Schaden war bereits angerichtet.

Kein ernsthafter Beobachter glaubte, dass Pakistan nach dem faktischen Putsch im April 2022 den politischen Willen haben wird, sich in dieser Frage den USA zu widersetzen. Der ehemalige Premierminister Imran Khan wurde durch "demokratische" Ränkespiele gestürzt, was von den USA begrüßt wurde, als Strafe für seine multipolare Politik und Neutralität im Ukraine-Konflikt. Insbesondere der US-Spitzendiplomat in der Region, Donald Lu, äußerte im Monat zuvor, gegenüber dem ehemaligen pakistanischen Botschafter, seine Besorgnis über die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Pakistan und Russland. Dies wurde durch eine diplomatische Depesche bestätigt, die der Botschafter nach Islamabad schickte, wie erst kürzlich im investigativen Magazin The Intercept veröffentlicht.

Der Angriff auf Pakistans Energiesicherheit nach dem Putsch

Die Relevanz dieser Depesche besteht darin, dass dieses Dokument jeden Zweifel beseitigt hat, dass die USA sich gegen die Energiesicherheit Pakistans stellen. Der pakistanische Botschafter berichtete, Lu habe sich über die Reise von Imran Khan nach Moskau beschwert, gerade weil diese "aus bilateralen wirtschaftlichen Gründen" erfolgte, getrieben von Khans Absicht, ein strategisches Energieabkommen mit Präsident Putin abzuschließen.

Pakistans Streben nach Energiesicherheit, das es über das Energieabkommen mit Russland erlangen wollte, war einer der Gründe dafür, weshalb die USA dem Putsch gegen Kahn Priorität einräumten. Daraus folgt, dass Washington sich gegen Pakistans Streben nach Energiesicherheit mithilfe Russlands stellt und dasselbe auch im Fall von Iran gilt. Es stimmt zwar, dass Pakistan kürzlich zum ersten Mal russisches Öl importiert hat, dies geschah jedoch mit Zustimmung der USA, aus der Verzweiflung heraus, die zusammenbrechende Wirtschaft Pakistans auf diese Weise zu stützen.

Die Einfuhr von russischem Öl durch das Regime

Es gibt mehrere Gründe, warum es unwahrscheinlich ist, dass das geplante Energieabkommen mit Russland zustande kommt. Um weiterhin russische Energieressourcen zu beziehen, benötigt Pakistan erstens die Zustimmung der USA, die nicht unbedingt zu erwarten ist. Zweitens berichteten zuverlässige pakistanische Medien kürzlich über technische Hindernisse bei diesen Plänen. Drittens könnte die jüngste Freigabe von Geldern des IWF an die inoffizielle Bedingung geknüpft worden sein, dass Pakistan seine Energie anderswo einkauft. Und viertens könnte der ursprüngliche Einkauf von russischem Öl innenpolitisch motiviert gewesen sein.

Um dies näher zu erläutern: Kahns politische Nachfolger verbreiteten kurz nach Erhalt des allerersten russischen Ölimports die Behauptung, dass damit alle Spekulationen über eine Machtübernahme mit US-Unterstützung, zur Sabotage der Beziehungen zu Moskau, zunichtegemacht wurden. Ihre anschließende Verzögerung bei der Einrichtung einer "Zweckgesellschaft", um ihre Pläne mit Moskau auf die nächste Stufe zu bringen, bestärkt den Verdacht, dass dieser Ölimport hauptsächlich innenpolitischen Zwecken diente, was somit ein weiterer Grund sein könnte, weshalb die USA ihn genehmigten.

Pakistans Pipeline-Abkommen mit dem Iran

Politische Überlegungen könnten ebenfalls eine Rolle gespielt haben, als Pakistan 2013 dem Bau einer Gaspipeline gemeinsam mit Iran zustimmte, was zu einer Zeit erfolgte, in der sich die Beziehungen zu den USA durch den Überfall auf Osama bin Laden in Abbottabad im Jahr 2012 und den grenzüberschreitenden Angriff der NATO aus Afghanistan im Jahr zuvor verschlechtert hatten. In diesem Fall wäre die Absicht gewesen, aus Islamabad gegenüber den USA Unmut zu signalisieren.

Der Punkt ist jedoch, dass die jüngsten Probleme beim Abschluss eines Ölabkommens mit Russland augenöffnend genug sind, um Pakistans Kalkulationen zu überdenken, als es vor einem Jahrzehnt dem Gaspipeline-Abkommen mit Iran zustimmte, nachdem dieses nun ebenfalls in der Krise steckt. Das Scheitern der Abkommen mit Russland und Iran, wird die Energiesicherheit Pakistans gefährden, indem ihm die Möglichkeit genommen wird, zuverlässig kostengünstiges Öl bzw. Gas zu beziehen.

Katars Rolle in der Strategie der USA gegenüber Pakistan

Vergleichsweise teurere Ressourcen aus dem Golf wären dann die einzig realistische Alternative, um den Energiebedarf Pakistans zu decken. Dies scheint genau das Ergebnis zu sein, das die USA anstreben, weil Washington es vorzieht, wenn Pakistan seine Energie aus anderen Ländern bezieht als aus Russland und Iran. Das beste Szenario aus Sicht der USA besteht darin, dass Pakistan von Flüssiggas aus Katar abhängig wird, nachdem Washington diesen Golfstaat, im Neuen Kalten Krieg, als geostrategisch zuverlässiger betrachtet als Saudi-Arabien oder die Vereinigten Arabischen Emirate.

Trotz heftigen Differenzen während der Administration von Donald Trump, konnten die Unstimmigkeiten während der Administration von Joe Biden dermaßen gut bereinigt werden, dass der US-Botschafter in Katar Anfang des Monats prahlte: "Unsere diplomatischen Beziehungen sind stärker als je zuvor." Dies folgte auf den Besuch des katarischen Premierministers in Kiew Ende Juli, der kurz nach dem ersten Besuch des ukrainischen Außenministers in Islamabad nur eine Woche zuvor stattfand, bei dem der Verdacht besteht, dass dort ein weiterer geheimer Waffenhandel abgeschlossen wurde.

Die indische Economic Times berichtete zudem vergangene Woche, dass Pakistan die Golfstaaten um Hilfe für den Transport von Waffen in die Ukraine bittet. Obwohl kein Land namentlich genannt wurde, deutet die oben genannte Abfolge der Ereignisse stark auf die Bildung eines von den USA geführten quadrilateralen Pakts hin, an dem Katar, Pakistan und die Ukraine beteiligt sind. Vor diesem Hintergrund gibt es Grund zu der Annahme, dass Katar in diesem indischen Medienbericht der namentlich nicht genannte Golfstaat sein könnte.

Oman hat sich im Laufe der Jahrzehnte einen Ruf der Neutralität erworben, die nun auch von Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten im Fall des Ukraine-Konflikts praktiziert wird, indem sich diese Länder weigern, Kiew zu bewaffnen oder Russland zu sanktionieren. Bahrain und Kuwait hingegen waren schon immer vergleichsweise kleinere Akteure in internationalen Angelegenheiten. Im Gegensatz dazu ist Katar für seine führende Rolle im "Arabischen Frühling" berüchtigt und der damit einhergehende Ruf, lässt Katar in diesem Zusammenhang verdächtig erscheinen.

Der Angriff auf Pakistans Souveränität

All dies hängt mit der Tatsache zusammen, dass Pakistan gezwungen wäre, noch stärker von Flüssiggas aus Katar abhängig zu werden, wenn es den Gaspipeline-Vertrag mit Iran offiziell aufkündigt, was auf lange Sicht zu höheren finanziellen Kosten und zu einer geringeren Souveränität Pakistans führen würde. Die erste Konsequenz steht für sich allein, geht aber auch in die zweite über. Diese könnte sein, dass Pakistan endlose Rettungspakete des IWF benötigen wird, mit allen Folgen, die dies für seine staatliche Souveränität mit sich bringt, ganz zu schweigen von der sehr hohen Wahrscheinlichkeit, dass Katar seine Rolle als Energielieferant gegenüber Islamabad für andere Zwecke ausnutzen wird.

Um das Ganze zusammenzufassen: Der "demokratische" Putsch, den die USA im April 2022 gegen Imran Kahn unterstützten, sollte der Souveränität Pakistans den Todesstoß versetzen – und Washington war wohl erfolgreich damit. Die Energiesicherheit dieses Landes kann nun nicht mehr durch eine Diversifizierung des Portfolios mit kostengünstigen russischen bzw. iranischen Öl- und Gasimporten gewährleistet werden. Dadurch wird Islamabad gezwungen, seinen Energiebedarf zu höheren Kosten bei anderen Anbietern zu beziehen, was es in einem fortwährenden Kreislauf der finanziellen Abhängigkeit vom IWF gefangen hält, mit allen damit verbundenen politischen Fesseln.

Angesichts des Trends, dass viele Länder Öl durch Gas ersetzen, wird die Kapitulation Pakistans vor dem Druck der US-Sanktionen und die daraus resultierende Entscheidung, sich aus dem Pipeline-Vertrag mit Iran zurückzuziehen, seine Energiesicherheit noch stärker von seinem katarischen Partner abhängig machen. Das entstehende Dreieck zwischen diesen beiden Ländern und den USA könnte daher dazu führen, dass Pakistan gegenüber seinen traditionellen Partnern den Status eines Doppelvasallen erlangt, was es sehr schwierig machen würde, die verlorene Souveränität jemals wiederzuerlangen.

Übersetzt aus dem Englischen.

Andrew Korybko ist ein in Moskau ansässiger amerikanischer Politologe, der sich auf die US-Strategie in Afrika und Eurasien sowie auf Chinas Belt & Road-Initiative, Russlands geopolitischen Balanceakt und hybride Kriegsführung spezialisiert hat.

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