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"Abschussliste": Namen zu evakuierender US-Amerikaner und Afghanen direkt an die Taliban übermittelt

US-Beamte in Kabul sollen den Taliban Namen von US-Bürgern sowie von afghanischen Ortskräften übermittelt haben, damit diese schneller durch Kontrollpunkte und zum Flughafen von Kabul kommen. Quellen in US-Behörden sprechen empört von einer Abschussliste.
"Abschussliste": Namen zu evakuierender US-Amerikaner und Afghanen direkt an die Taliban übermitteltQuelle: AP © Sgt. Samuel Ruiz/U.S. Marine Corps

Vertreter der US-Regierung in Kabul haben den Taliban eine Liste mit den Namen von US-Staatsbürgern, Inhabern von Green Cards und afghanischen Ortskräften übergeben. Ziel der Maßnahme sei gewesen, den Betroffenen eine Anreise zum Außenbereich des Flughafens an den Kontrollpunkten der Taliban vorbei zu erleichtern. Diese Entscheidung, schreibt die US-Zeitung Politico mit Verweis auf anonyme Quellen in den Behörden und dem Parlament der USA, habe hinter den Kulissen für Entrüstung gesorgt.

Zu der Maßnahme kam es nach der kampflosen Aufgabe der afghanischen Hauptstadt Kabul in den ersten Tagen der Evakuierung. Das gemeinsame militärische und diplomatische Koordinierungsteam der USA am Flughafen der Stadt übergab den Taliban eine Liste von Personen, die die USA evakuieren wollten. Darunter befanden sich US-Bürger, Menschen mit doppelter Staatsbürgerschaft und Personen mit ständigem Wohnsitz in den USA, aber auch Afghanen, die während des 20-jährigen Krieges an der Seite der USA gedient und spezielle Einwanderungsvisa für die USA beantragt hatten.

Eigentlich stand hinter diesem Schritt, den drei US-Beamte und Kongressmitglieder gegenüber Politico detailliert dargelegt haben sollen, der Gedanke einer beschleunigten Evakuierung von Zehntausenden von Menschen aus Afghanistan. Diese wurde notwendig, als in der vergangenen Woche nach der Machtübernahme durch die Taliban die afghanische Hauptstadt im Chaos versank.

Außerdem sei der Schritt notwendig geworden, da sich die Regierung unter US-Präsident Joe Biden bezüglich der Sicherheit außerhalb des Flughafens auf die Taliban verlassen hatte, so die Quellen von Politico.

Fluch oder Segen?

Das Weiße Haus behauptet, dass der, wie es heißt, sehr begrenzte Informationsaustausch mit den Taliban Leben retten würde. Demgegenüber argumentieren Kritiker, dass er afghanische Verbündete einer Gefahr aussetzen würde.

Seit dem kampflosen Fall Kabuls an die Taliban Mitte August wurden über den Flughafen der Stadt fast 100.000 Menschen evakuiert. Auf dem Weg dorthin mussten sie zahlreiche Kontrollpunkte der Taliban durchlaufen. Nicht verwunderlich also, dass die Entscheidung, den Taliban konkrete Namen zu nennen, Parlamentarier und Militärs in den USA entrüstet. Schließlich hatten Mitglieder der radikalislamischen Miliz in der Vergangenheit Afghanen auf brutalste Weise ermordet, die während des Konflikts mit den USA und anderen Koalitionstruppen kollaborierten. Ein Beamter im US-Verteidigungsministerium, der, wie andere auch wegen des heiklen Themas unter der Bedingung der Anonymität sprach, verurteilte den Schritt aufs Schärfste:

"Im Grunde haben sie all diese Afghanen einfach auf eine Todesliste gesetzt.

Das ist einfach entsetzlich und schockierend und gibt einem das Gefühl, sich besudelt zu haben."

Am Donnerstag bei einer Pressekonferenz auf die Berichterstattung von Politico angesprochen, gab US-Präsident Joe Biden an, er sei sich nicht sicher, ob es solche Listen gebe. Meist, so Biden, habe man sich deutlich allgemeiner gehalten, wenn man die Taliban von einer anstehenden Durchfahrt unterrichten wollte: "Zum Beispiel, da fährt dieser Bus durch, mit der und der Menschengruppe", sagte Biden. Allerdings dementierte er nicht, dass die USA manchmal Namen an die Taliban weitergaben:

"Mir ist kein solcher Umstand bekannt. Das heißt nicht, dass es das nicht gibt: 'Hier sind die Namen von 12 Leuten, sie kommen, lasst sie durch'. Das könnte sehr wohl geschehen sein."

Emily Horne, die Sprecherin des Nationalen Sicherheitsrates der USA, äußerte zudem Bedauern darüber, dass die Journalisten sich vor ihrer Berichterstattung nicht gleich an das Weiße Haus gewandt hatten. Dort hätten sie Bidens obige Antwort noch vor der Pressekonferenz anstandslos bekommen können. Immerhin habe die von Biden angedeutete Vorgehensweise die Evakuierungen aus Kabul erleichtert:

"In begrenzten Fällen haben wir Informationen mit den Taliban geteilt, die einer erfolgreichen Evakuierung aus Kabul dienlich waren."

Ein Sprecher des Zentralkommandos der US-Streitkräfte lehnte eine Stellungnahme ab.

Konfliktvermeidung am Flughafen?

Die Sache mit den Evakuierungslisten wurde im Laufe einer geheimen Unterrichtung auf dem Capitol Hill in dieser Woche zum Streitgegenstand, schreibt Politico. Dabei hätten hochrangige Beamte der Biden-Regierung ihre allem Anschein nach recht enge Zusammenarbeit mit den Taliban verteidigt. Biden selbst behauptete, so könne man die Sicherheit der US-Amerikaner und der Ortskräfte in Afghanistan am besten gewährleisten und einen "Schießkrieg" zwischen den Tausenden am Flughafen stationierten US-Soldaten und den Taliban-Kämpfern verhindern. Im Gespräch mit Politico erklärte ein Beamter aus dem US-Verteidigungsministerium:

"Das musste so getan werden, weil das Weiße Haus eine Sicherheitslage geschaffen hatte, in der es den Taliban erlaubte, alles außerhalb des Flughafens zu kontrollieren"

Als jedoch Tausende von Visumantragstellern am Flughafen eintrafen, waren die Kapazitäten der USA zur Bearbeitung dieser Anträge ausgeschöpft. Daraufhin änderte das US-Außenministerium seinen Kurs und forderte die Antragsteller auf, nicht mehr zum Flughafen anzureisen. Stattdessen sollten sie warten, bis ihnen Eingang gewährt wird. Von da an enthielt die Liste, die den Taliban übermittelt wurde, keine afghanischen Namen mehr. Ab dem 25. August wurden nur noch Inhaber von US-Pässen und Green Cards zur Evakuierung in die USA akzeptiert, so der Vertreter des US-Verteidigungsministeriums.

Laut dem britischen Nachrichtenmagazin Times ist den Mitarbeitern der Botschaft Ihrer Majestät in Kabul ein ähnlich gravierendes Versäumnis unterlaufen. Diese hätten bei der Evakuierung des diplomatischen Sitzes Kontaktdaten der afghanischen Angestellten der Botschaft nicht oder nur unvollständig vernichtet.

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