International

Medien und der Nahost-Konflikt: AP-Journalistin wegen ihrer Ansichten als Studentin gefeuert

Eine junge Journalistin der Associated Press (AP) in den USA muss ihren Hut nehmen – weil sie sich als Studentin zum israelisch-palästinensischen Konflikt positioniert hatte. Kurz zuvor war das Büro von AP im Gazastreifen von der israelischen Armee zerstört worden.
Medien und der Nahost-Konflikt: AP-Journalistin wegen ihrer Ansichten als Studentin gefeuertQuelle: AFP © MAHMUD HAMS / AFP

Emily Wilder verlor ihren Job bei der Associated Press (AP) rund zwei Wochen, nachdem sie eingestellt worden war. Sie stand unter enormem Druck, seitdem "Stanford College Republicans" und später auch konservative Medien und Politiker der Republikanischen Partei darauf bestanden, sie könne nicht länger als Journalistin tätig sein, weil sie offenbar in ihrer Vergangenheit eine nicht genehme Haltung zu dem israelisch-palästinensischen Konflikt eingenommen hatte.

Wilder wurde gefeuert, weil sie angeblich gegen die Social-Media-Regeln des Unternehmens verstoßen hatte, die von den Mitarbeitern verlangen, zu "umstrittenen öffentlichen Themen" zu schweigen und sich nicht an organisierten Aktionen zur Unterstützung spezifischer Anliegen zu beteiligen. Wilder ist Jüdin und war Mitglied der "Jüdischen Stimme für Frieden" und der "Studenten für Gerechtigkeit in Palästina" in Stanford, wo sie im Jahr 2020 ihren Abschluss machte.

Zu Beginn dieser Woche behauptete eine republikanische Studentenorganisation an der Universität, dass die Organisationen, in denen Wilder Mitglied gewesen war, "Pro-Hamas" seien. Dieses Totschlagargument griffen auch konservative Medien auf, darunter der Washington Free Beacon und Fox News. Eine Reihe prominenter konservativer Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens prangerte Wilder seither ebenfalls an, darunter der republikanische Senator Tom Cotton.

Wilders hatte lange vor ihrer Tätigkeit bei AP den republikanische Mega-Geldgeber Sheldon Adelson als einen "weit rechts stehenden, Trump unterstützenden, wie ein Nacktmull aussehenden Milliardär" beschrieben. Wilder betrachtete die Aktivitäten von Adelson, der Jude war und im Januar verstarb, als "nichts anderes als ethnisch-nationalistische Propaganda".

Laut Wilders war AP über ihren früheren Aktivismus informiert gewesen, als sie eingestellt wurde. Als ihre alten Beiträge wieder auftauchten, versicherte ihr Redakteur, dass sie "keinen Ärger bekommen" werde, weil "jeder im College eine Meinung hatte", sagte sie dem Nachrichtenportal SFGate in San Francisco. Wilder hatte in ihrer kurzen Zeit bei der Agentur nicht über den Nahen Osten berichtet und sich auf lokale Nachrichten aus Arizona konzentriert.

Doch kurz nachdem diese alten Posts ausgegraben worden waren, wurde die Journalistin über die sofortige Kündigung ihres Vertrages informiert. Wilder betont aber, dass AP nicht in der Lage war, spezifische Nachrichten oder Posts zu finden, die sie seit Beginn ihrer Tätigkeit dort veröffentlicht wurden und die gegen die Social-Media-Richtlinien verstießen.

Die Journalistin kritisierte in einem ihrer letzten Tweets in dieser Woche unter anderem den Sprachgebrauch der Medien in der Berichterstattung über den israelisch-palästinensischen Konflikt und hinterfragte, wie objektiv die journalistische Berichterstattung über den Konflikt sein kann, wenn niemals Begriffe wie "Besatzung" fallen.

Menschenrechtler sowie auch die UNO prangern seit Langem die Verhältnisse der Palästinenser an und sprechen von durch Israel "besetzten Gebieten"; einige unabhängige Beobachter haben die Entrechtung der Palästinenser als Apartheid beschrieben.

In den sozialen Medien erhielt die junge Frau jedoch Unterstützung, auch von vielen, die den Fall zum Anlass nahmen, dies als Beispiel für Cancel Culture durch die Republikaner vorzuführen, die sich sonst gern über eine solche echauffieren. Journalisten verwiesen auf die Möglichkeit, zunächst jegliche Fehltritte nachzuweisen und dann entsprechende Warnungen zu erteilen, statt eine junge Journalistin direkt zu feuern.

Wilder selbst ist auch der Ansicht, dass sie der Cancel Culture zum Opfer gefallen ist. Ihr Kündigungsschreiben von AP besagt, dass die Agentur durch die Online-Kampagne gegen sie unter Druck gesetzt wurde, eine Überprüfung ihres Verhaltens durchzuführen. Sie glaubt jedoch, dass AP selektiv vage definierte Unternehmensregeln anwendete, um ihre anschließende Entlassung zu rechtfertigen.

"Das ist ein Eingeständnis, dass dies durch die Kampagne gegen mich veranlasst wurde. Es ist wirklich bedauerlich, dass Associated Press ihrer Verantwortung nicht nur mir gegenüber, sondern allen Journalisten gegenüber nicht gerecht wird, nur weil eine Gruppe von College-Studenten eine Hexenjagd veranstalten wollte", so Wilder.

In den sozialen Medien zeigten sich einige fassungslos, dass so etwas ausgerechnet kurz nach der gezielten Behinderung journalistischer Arbeit durch die Bombardierung auch von AP-Büros in dem Kriegsgebiet passieren konnte. Die Gewerkschaft News Media Guild, die Journalisten vertritt, kündigte an, die Entlassung zu überprüfen, die bisher nicht klar begründet worden war.

Am 15. Mai bombardierten israelische Streitkräfte das elfstöckige Gebäude, in dem Associated Press und Al Jazeera gearbeitet und sich weitere Büros sowie mehrere Wohnungen befunden hatten, mit der Behauptung, dass der militärische Geheimdienst der Hamas im Gebäude operiere.

Zwölf AP-Angestellte und freie Mitarbeiter des Nachrichtendienstes arbeiteten in dem Büro, als das israelische Militär telefonisch eine Warnung aussprach und den Bewohnern und Anwesenden eine Stunde Zeit gab, das Gebäude zu evakuieren.

Die Evakuierung wie auch der Angriff wurden dokumentiert. AP-Journalist Fares Akram beschrieb, wie er aus der Ferne beobachtet hatte, wie israelische Drohnen das Gebäude ins Visier genommen hatten, gefolgt von drei heftigen Luftangriffen von F-16-Jets.

"Das Gebäude, das für einige Menschen ein Zuhause, für andere ein Büro und für mich beides war, verschwand in einer Staubwolke."

Während Al Jazeera ankündigte, "jeden verfügbaren Weg zu verfolgen, um die israelische Regierung für ihre Handlungen verantwortlich zu machen", zeigte sich AP "schockiert und entsetzt" über den israelischen Luftangriff. Die Behauptung, dass sich in dem Gebäude Mitglieder der Hamas befanden, hat bisher keine israelische Stelle belegt. Laut dem Präsidenten und CEO von AP Gary Pruitt hatte seine Nachrichtenorganisation "keinen Hinweis auf eine Hamas-Präsenz in dem Gebäude". 

Mehr zum Thema - Bundesregierung zur Zerstörung zahlreicher Medienbüros: "Israel hat Recht auf Selbstverteidigung"

Sehr geehrte RT DE-Leser,

wir sind auf einen neuen Dienst für die Kommentarfunktion umgestiegen.

Da wir die Privatsphäre unserer Leser respektieren und Ihre Daten nicht an eine Drittplattform übermitteln werden, müssen Sie sich erneut registrieren. Wir entschuldigen uns für die Unannehmlichkeit und hoffen, dass sie sich weiterhin mittels der Kommentarfunktion über aktuelle Themen austauschen und informieren können.

Mit freundlichen Grüßen

Ihre RT DE-Redaktion