Deutschland

Keine Blumen aus dem Kanzleramt - Sigmund Jähn und der 40. Jahrestag seines Weltraumflugs

An diesem Wochenende wird das vierzigjährige Jubiläum von Sigmund Jähns Reise ins All gefeiert. Auf Glückwünsche oder Blumen von der Regierung wird Jähn wohl wieder verzichten müssen. Der erste Deutsche im Weltall kommt bis heute aus dem falschen Deutschland.
Keine Blumen aus dem Kanzleramt - Sigmund Jähn und der 40. Jahrestag seines WeltraumflugsQuelle: Sputnik © ADN-Archiv

von Andreas Richter

Vor vierzig Jahren startete Sigmund Jähn als erster Deutscher ins All. Gemeinsam mit dem sowjetischen Kosmonauten Waleri Bykowski flog der damalige Oberstleutnant der DDR-Luftstreitkräfte am 26. August 1978 in einem Sojus-Raumschiff zur Raumstation Saljut 6. Danach wurde er in der DDR wie ein Held verehrt, den jedes Kind kannte.

Am Tag vor der deutschen Einheit, am 3. Oktober 1990, wurde Jähn als Generalmajor aus der NVA entlassen. Dank der Fürsprache und Unterstützung, z.B. seines westdeutschen Raumfahrerkollegen Ulf Merbold, wurde er später Berater der Europäischen Raumfahrtorganisation ESA und des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR).

Durch seine guten Kontakte nach Russland war er so seit den frühen Neunzigern fünfzehn Jahre lang im Sternenstädtchen bei Moskau an der Ausbildung deutscher und anderer europäischer Astronauten beteiligt.

Der Sprecher des DLR Andreas Schütz nennt ihn eine Schlüsselfigur für die Zusammenarbeit mit Russland: "Die Russen brachten ihm eine unglaubliche Hochachtung entgegen - als Kosmonaut und als Mensch. Ohne Jähn wäre alles um ein Vielfaches schwerer gewesen." Ein früherer Vorstandsvorsitzender des DLR, Prof. Sigmar Wittig, würdigte Jähns Wirken so: "Die Verdienste von Sigmund Jähn für die nun erreichte internationale und friedliche Zusammenarbeit im Weltraum können nicht hoch genug eingeschätzt werden."

Sigmund Jähn, der im vergangenen Jahr seinen Achtzigsten Geburtstag feierte, hat das Kunststück vollbracht, in zwei Staaten und damit zwei sehr verschiedenen Systemen einen beeindruckenden Lebensweg zu gehen, auf dem er überall stets Anerkennung und Zuneigung erntete. Fast überall jedenfalls. Jana Hensel erwähnt - eher beiläufig - in ihrem sehr lesenswerten Porträt Sigmund Jähns, das aus aktuellem Anlass bei Zeit-Online erschien, dass zum jetzt anstehenden Jubiläum definitiv nicht mit einem Gruß oder Glückwunsch seitens der Bundesregierung zu rechnen sei.

Hensel beschreibt, wie Gerhard Kowalski, der schon als DDR-Journalist Sigmund Jähns Raumflug und manche Begebenheit später tagesaktuell begleitet hatte, sich vorab im Kanzleramt und im Verteidigungsministerium erkundigte, ob die Regierung den runden Geburtstag im vergangenen Jahr und nun das Jubiläum des ersten deutschen Raumflugs zu Anlass nähme, den deutschen Kosmonauten und seine historische Leistung zu würdigen.

Die Antworten waren negativ. Das Kanzleramt teilte mit, dass die Entscheidung, Jähn zum Geburtstag kein Glückwunschschreiben der Kanzlerin zu schicken, nichts mit seiner Herkunft aus der DDR zu tun gehabt habe, das Verteidigungsministerium wies darauf hin, dass die NVA für die Bundeswehr nicht traditionsbildend sei und die Traditionswürdigkeit Jähns formal erst von irgendeinem Standort der Bundeswehr vorgeschlagen und dann gründlich geprüft werden müsste. Im Klartext: Kein Glückwunsch, kein Gruß, nichts.

Man stelle sich vor, der erste Deutsche im All wäre ein Bundeswehroffizier oder ein anderer Westdeutscher gewesen, der mit einem NASA-Raumschiff gestartet wäre. Jedermann im ganzen Land – nicht nur in einem Teil - würde ihn kennen, zum Jubiläum regnete es Sondersendungen und Auszeichnungen, Vertreter der Bundesregierung wären beim Feiern ganz vorne mit dabei. Für Sigmund Jähn gibt es eine Veranstaltung im Raumfahrtmuseum seines Heimatortes Morgenröthe-Rautenkranz im Vogtland - und von offizieller Seite: nichts.

Forscht man nach den Ursachen, fallen zunächst drei Aspekte ins Auge. Der wichtigste ist natürlich, dass Jähn als Repräsentant der DDR im All war. Schon damals schrieben westdeutsche Zeitungen mit Verachtung über ihn: Die Welt lästerte über den "Mitesser in der Russenrakete", die Süddeutsche Zeitung mokierte sich über den sächsischen Dialekt Jähns und freute sich auf das Jahr 1980, wenn dann mal ein "richtiger Deutscher" ins All fliegen sollte.

Daran hat sich wenig geändert, auch wenn heute niemand mehr solche Verunglimpfungen benutzt. Jähn war NVA-Offizier, also Repräsentant einer Armee, die laut Bundeswehr "Hauptwaffenträger einer sozialistischen Diktatur" war. "Gedient in fremden Streitkräften", so lautete früher der Status der Bundeswehr für NVA-Veteranen. Angehörige von Wehrmacht und Waffen-SS hätte man seinerzeit nie so abgestempelt, im Gegenteil: Einige von ihnen galten noch viel zu lange als "traditionsstiftend".

 Jähn ist der Beleg dafür, dass die DDR nicht nur in ihrer Propaganda ein Staat der "kleinen Leute" war. "Im Westen hätte ich nie Kosmonaut werden können", konstatiert Jähn selbst ganz nüchtern. Dass er sich nie von der DDR distanziert hat, macht ihn vermutlich für jede Bundesregierung wie für das Establishment zur Unperson. Für diese ist die DDR tatsächlich bis heute etwas "Fremdes", Nichtdeutsches, anders im Übrigen als das Nazi-Regime. Die zitierte Formulierung zur Bundeswehr spricht da Bände.

Der zweite Aspekt ist der, dass Jähns Weltraumflug ein gelungenes Beispiel deutsch-russischer (damals noch deutsch-sowjetischer) Zusammenarbeit darstellte und darstellt. Eine Erinnerung an den Flug und seine Protagonisten ist damit zu dieser Zeit, da alles unternommen wird, um eine neue Bedrohung aus dem Osten herbeizuhalluzinieren, für die Regierung politisch ganz und gar nicht opportun.

Dass Jähn selbst dann im vergangenen Jahr die Verlegung deutscher Soldaten an die Ostgrenze der NATO kritisiert und vor einem deutsch-russischen Krieg gewarnt hatte, wird ihn aus Sicht der Regierung nicht ehrenwerter gemacht haben.

Der dritte Aspekt hat vielleicht mit Angela Merkel selbst und ihrer eigenen Herkunft aus der DDR zu tun. Seitdem klar ist, dass sie als Regierungschefin ihre "letzte Runde" dreht, wird ihr politisches Versagen auch von ehemaligen Verbündeten perfiderweise (auch) mit ihrer DDR-Sozialisation zu erklären versucht – als hätte sie zuvor nicht viele Jahre lang sehr umsichtig die Vorstellungen des (westdeutschen) Establishments umgesetzt. Würde sich die Kanzlerin also tatsächlich zu einer wie auch immer gearteten Ehrung Jähns herablassen, würde sie damit wohl im Westen mehr verlieren, als ihr die Anerkennung im Osten wert wäre.

Und so wird Sigmund Jähn sein Jubiläum einmal mehr ohne Blumen oder Glückwünsche von der Kanzlerin begehen müssen. Schwer zu sagen, ob ihm das viel bedeutet. Für die in der DDR großgewordenen Deutschen wird er trotzdem immer als ehemaliger Kosmonaut ein Held und mit seiner bescheidenen und offenen Art ein Vorbild bleiben. Den meisten Westdeutschen dürfte sein Name unbekannt bleiben. Auch ein Befund zum Stand der deutschen Einheit.

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