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Christian Drosten spricht von "Wahrsagerei" und "immunologisch Naiven"

Der Chefvirologe der Berliner Charité gab den ARD-Tagesthemen ein Interview. Bestehen die getätigten Aussagen in knapp neun Minuten einem Faktencheck? Drosten selbst weiß: "Das ist Wahrsagerei, was wir jetzt hier dann so langsam betreiben."
Christian Drosten spricht von "Wahrsagerei" und "immunologisch Naiven"Quelle: www.globallookpress.com © Rolf Vennenbernd/dpa

Eine Analyse von Bernhard Loyen

Die Tagesthemen sind eine beliebte Sendung in der ARD. Laut aktueller Statistik sahen im Jahr 2020 laut AGF/GfK-Fernsehforschung im Durchschnitt rund 2,52 Millionen Zuschauer die Sendungen der ARD-Nachrichtensendung. Das liegt u. a. auch an dem Moderator Ingo Zamperoni.

Am 9. Dezember interviewte Zamperoni knapp neun Minuten lang den Chefvirologen der Berliner Charité Prof. Christian Drosten. Das Problem solcher Interviews stellt sich dahingehend, dass den interessierten Zuschauern im Rahmen einer sehr kurzen Zeit sehr komplexe Themenzusammenhänge inhaltlich vermittelt werden müssen.

Diese werden durch die geladenen "Fachleute" oder "Koryphäen" eines bestimmten Fachgebiets kurz dargelegt und erläutert. Diese Aussagen der Interviewpartner haben daher eine nicht unwesentliche Gewichtung bei der Meinungsbildung der Zuschauer. Die gesendete Darlegung erzeugt eine unmittelbare Wirkung. Dieser Aussage-Wirkung bewusst, ist sie von der Tagesthemen-Redaktion daher zumindest einkalkuliert.

Drosten gilt seit zwei Jahren als DIE Koryphäe in der Corona-Krise. Er ist zugeschaltet oder geladen, wenn sich aktuelle Dynamiken zur Thematik abzeichnen. Seine Darlegungen geben Millionen Menschen Ruhe und Gewissheit. Seine außerordentliche Stellung in den zurückliegenden knapp zwei Jahren wird untermauert durch eine beeindruckende Sammlung von aktuellen Auszeichnungen:

Zu Beginn des Interviews wollte Moderator Zamperoni von Drosten wissen, wie er "erste Studien und Erkenntnisse zu den Auswirkungen der neuen Omikron-Variante" einschätze. Die Immunität der Bürger liege nicht "bei null", sei aber abgeschwächt, so Drosten. Seine Erklärung an die Zuschauer:

"Wir können uns so überlegen: Wer geboostert ist, der hat vielleicht ungefähr so ein Immunitätsniveau wie vorher jemand, der doppelt geimpft war und so ein paar Monate vergehen lassen hat. Ähm, das ist also jetzt keine Nullimmunität gegen diese Variante."

Zum besseren Verständnis: Drosten erhielt 2020 den "Sonderpreis für herausragende Kommunikation der Wissenschaft in der COVID-19-Pandemie", (dotiert mit 50.000 Euro) mit der Begründung, dass er "als verlässlichste Orientierung für das Management der Krise wahrgenommen wird". Drosten vermittele den Menschen "auf anschauliche, transparente und faktenbasierte Weise, was die Wissenschaft weiß, woran sie arbeitet und welche Unsicherheiten bestehen".

Sollten sich nun nach den Aussagen des Virologen im aktuellen Tagesthemen-Interview Irritationen oder Fragen ergeben, liegt es nicht an Dr. Drosten. Dieser bestätigte dann, dass die aktuellen Daten aus Südafrika schwer zu deuten seien:

"Also, wir können mal ganz einfach gesprochen sagen: Pro Infektion geht dann nur ein Drittel der Fälle ins Krankenhaus, und wenn sie im Krankenhaus sind, dann haben sie auch nur so ein Drittel der schweren Verläufe, ähm das wäre nur so eine Faustregel von dem, was man da sieht, dass sind keine genauen Zahlen, aber das reicht vielleicht für hier, für so eine allgemeine Information, für die Vorstellung, die man sich machen muss."

So der "Hochschullehrer des Jahres" 2020. Die Omikron-Variante verbreite sich wesentlich "schneller" als die Delta-Variante. Zumindest in Südafrika, Dänemark und England, wo es im Gegensatz zu uns eine "sehr genaue Datenverfolgung" gebe.

Angesprochen auf die jüngste Aussage seines US-Kollegen Anthony Fauci, dass die Omikron-Variante nach Faucis Einschätzung nicht schlimmer als die Delta-Variante sei, antworte Drosten, dass "Tony Fauci" für die Vereinigten Staaten spreche und die "Immunsituation" in den USA eher der in Südafrika ähnlich sei und nicht jener bei uns in Deutschland.

Die USA hätten rückblickend eine sehr hohe Zahl an Verstorbenen, eine hohe "Infektionstätigkeit und damit Genesene" gehabt. Das sei "zum Glück" bei uns nicht so, und Deutschland habe die Pandemie auch "besser kontrolliert".

Der Zahlenvergleich für die USA und Südafrika:

  • Einwohner USA – 329,5 Millionen, Südafrika – 59,31 Millionen
  • Corona: USA – 49,96 Mio. Fälle und 808.600 Verstorbene, Südafrika – 3,09 Mio, Fälle und 90.600 Verstorbene

Unmittelbar anschließend ging Drosten auf das "große Problem" in Deutschland ein, die Impfquote. Gerade bei den Über-60-Jährigen existiere "eine viel zu große Impflücke". Der Blick auf die Statistik zeigt: Bei der Erstimpfung liegt die Quote der Über-60-Jährigen bei 87,6 Prozent, bei der Zweitimpfung bei 86,3 Prozent, die Boosterquote bei 32,9 Prozent. Diese "Impflücke" gebe es auch "bei den Jüngeren", so Drosten, ohne explizit das Alter einzugrenzen.

Dann erklärte der Virologe den Zuschauern, was der Begriff "immunologisch Naive" bedeutet:

"Wir (die Wissenschaft?) müssen uns vor allem die Frage stellen, die, wie wir sagen, immunologisch Naiven, also die weder bisher infiziert waren noch geimpft, wie verläuft jetzt dieses Omikron-Virus bei denen, die Infektion damit?"

Hinsichtlich dieser Thematik bereiten Drosten die Informationen "gerade aus Südafrika" große Sorgen. Speziell die Kinder unter fünf Jahren kämen demnach "verstärkt in die Krankenhäuser, mit schweren Verläufen". Diese Kinderfälle seien "vielleicht immunologisch naiv" und "kriegen jetzt erhöte Raten von schweren Verläufen".

Wenn man diese Situation jetzt auf Deutschland "umlegen würde", "könnte (man) befürchten, dass eben Ungeimpfte, Ungenesene, ähm doch schwere Verläufe bekommen mit dem Virus". Es sei daher in Betracht zu ziehen, dass es sich nicht um eine "Viruseigenschaft" handele, sondern es eher eine "Immuneigenschaft der Bevölkerung" darstellt.

Da sich aber Deutschland mit Südafrika schon in Bezug auf die Altersstruktur nicht vergleichen lasse, gibt es laut Drosten jetzt einen "Blindflug" bei den "Entscheidungsträgern". Die besondere Gefahr sei, dass es "eine besonders alte Bevölkerung" in Deutschland gebe. Dies bedeutet laut Drosten, es sei Zeit für schnelle Entscheidungen, denn "die Vermehrung des Virus ist schnell". Diese Vermehrung wiederum "könnte aber etwas langsamer sein als in England", weil dort keine Kontrollmaßnahmen mehr existierten.

Das Thema Südafrika war damit abgehakt, daher ein Blick auf südafrikanische Daten, die natürlich einem Tagesthemen-Zuschauer nicht bekannt sein können. Es zeigt sich, dass "Erklärer" und dadurch auch anschließend multiplikatorische Medien mit Zahlen und daraus schlussfolgernden Argumenten arbeiten, die a) dem Großteil der Bevölkerung nicht bekannt sein können und b) daher "argumentativ" genutzt werden können, ohne dass sie einer (Nach-)Kontrolle unterliegen.

Aktuelle Aussagen zum Thema Omikron von Drosten wie auch von Karl Lauterbach beziehen sich auf die Angaben eines Briefings vom 3. Dezember mit dem südafrikanischen Gesundheitsminister Dr. Joe Phaahla und Dr. Waasila Jassat, der Leiterin des Nationalen Instituts für übertragbare Krankheiten. Jassat berichtet über eine Studie, die "einen ziemlich starken Anstieg in allen Altersgruppen festgestellt (habe), besonders aber bei den unter Fünfjährigen".

Die ersten Omikron-Fälle seien im Distrikt Tshwane in der Provinz Gauteng festgestellt geworden und mit dem starken Anstieg der Neuinfektionen zusammengefallen, was der Beginn der vierten Welle ab dem 21. November in Gauteng schon angekündigt habe. Die Provinz hat eine Einwohnerzahl von knapp 750.000 Menschen. In der Epi-Woche 48 (28. November bis 4. Dezember) habe es den stärksten Anstieg von Infektionen gegeben: 41.921 Fälle.

Eine Analyse von 166 Patienten, die zwischen dem 14. und 29. November 2021 eingeliefert worden waren, ergab, dass sich das Altersprofil deutlich von dem der vorangegangenen 18 Monate unterschieden habe. In den letzten zwei Wochen seien "demnach nicht weniger als 80 Prozent der aufgenommenen Patienten unter 50 Jahre alt gewesen". 19 Prozent dieser 166 Patienten waren wiederum Kinder im Alter von null bis neun Jahren. Das wären 32 Kinder. Dies entspräche dem Altersprofil der Aufnahmen in allen öffentlichen und privaten Krankenhäusern in Tshwane und in der gesamten Provinz Gauteng im Zeitraum Anfang Dezember.

Die Analyse endet mit dem Ergebnis: "Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der erste Eindruck bei der Untersuchung der 166 Patienten, die seit dem Auftreten der Omikron-Variante aufgenommen wurden, zusammen mit der Momentaufnahme des klinischen Profils von 42 Patienten, die sich derzeit auf den COVID-19-Stationen des SBAH/TDH-Komplexes befinden, ist, dass die Mehrzahl der Krankenhauseinweisungen wegen Diagnosen erfolgt, die nichts mit COVID-19 zu tun haben."

Von diesen Details erfahren die "Normalbürger" in Deutschland nichts. Sie erfahren aber dafür mit Nachdruck über Medien kolportierte Nachrichten, dass die Omikron-Variante eine "unbekannte Gefahr" darstelle. Unbekanntes sorgt bekannterweise vornehmlich für Unbehagen und Angst.

Zum Ende des Gesprächs erklärte Drosten den Zuschauern, dass der "angepasste Omikron-Impfstoff" erst nach der Winterwelle 2021/22 zu Verfügung stehe. Nicht nur das von BioNTech angekündigte Datum von Anfang März sei zu beachten, sondern auch regulative Probleme und eine anstehende, also notwendige Auslieferung und Lagerbefüllung.

Er gehe von Ende April, Anfang Mai als "realistisches" Datum für den Start von "Verimpfungen" mit dem modifizierten Wirkstoff aus. Er empfehle daher, wenn möglich, sich "boostern" zu lassen. Die ungeimpften Bürger sollten überlegen, ob "sie das aufrechterhalten wollen, angesichts auch dieser neuen Gefahr. Dieses Virus wird auch die Ungeimpften treffen".

Die Impfung von Kindern empfehle er unbedingt, schon mit Blick auf den laufenden Schulbetrieb, "aber auch wegen der eigenen Erkrankung, auch mit einer Vorsichtsüberlegung jetzt Richtung Südafrika, wenn das so sein sollte, sich Bewahrheiten sollte, dass die Verläufe schwerer sind bei Kindern".

Ab wann man denn Corona als eine "normale Erkältungskrankheit" betrachten könne, fragte abschließend Moderator Zamperoni. Die Frage sei wichtig, so Drosten. "Wir" seien auf dem Weg "in einen endemischen Zustand". Er könne es jedoch nicht versprechen, dass "wir" nächstes Jahr Corona schon wie einen "Kindergartenvirus" einschätzen und behandeln könnten. Es könne auch die Situation eintreten, dass "wir" zum nächsten Winter noch einmal die "gesamte Bevölkerung" mit einem "neuen Impfstoff auffrischen müssen". Schließlich beendete er mit der wahrscheinlich zutreffendsten Bemerkung seiner "Analysen" das Interview:

"Das ist Wahrsagerei, was wir jetzt hier dann so langsam betreiben ..."

Da möchte man dem Chefvirologen der Berliner Charité Prof. Christian Drosten dann auch nicht widersprechen.

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