Deutschland

"Das tut vielen Haushalten weh" – Inflationsrate bis zu fünf Prozent möglich

Mit 4,1 Prozent hat die deutsche Inflationsrate im September den höchsten Stand seit knapp 28 Jahren erreicht. Die Verbraucherpreise legten vor allem im Bereich Energie zu. Aber auch Nahrungsmittel und Dienstleistungen verteuerten sich.
"Das tut vielen Haushalten weh" – Inflationsrate bis zu fünf Prozent möglichQuelle: www.globallookpress.com © Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa / GlobalLook Press

Erstmals seit knapp 28 Jahren hat die Inflation in Deutschland wieder die Vier-Prozent-Marke überschritten. Angeheizt vor allem von höheren Energiekosten, legten die Verbraucherpreise im September 2021 gegenüber dem Vorjahresmonat nach ersten Berechnungen des Statistischen Bundesamtes um 4,1 Prozent zu. Volkswirte sehen dennoch aktuell keinen Anlass zur Sorge. Im kommenden Jahr dürfte sich der Preisauftrieb nach ihrer Einschätzung wieder abschwächen.

Eine Vier vor dem Komma bei der Teuerungsrate hatte die Wiesbadener Statistikbehörde zuletzt im Dezember 1993 mit damals 4,3 Prozent ermittelt. Gegenüber dem Vormonat August blieben die Verbraucherpreise im September unverändert, wie die Statistiker am Donnerstag mitteilten.

Die hohe Inflation schwächt nicht nur die Kaufkraft von Verbrauchern sondern bedeutet auch für Sparer Einbußen. Denn die parken ihr Geld beispielsweise auf mickrig verzinsten Tagesgeldkonten.

Nach Berechnungen der Commerzbank-Tochter Comdirect liegt der Realzins – also der Zins für Spareinlagen nach Abzug der Teuerungsrate – aktuell auf dem historischen Tief von minus 3,82 Prozent. In den ersten neun Monaten des Jahres 2021 verloren Spareinlagen in Deutschland demnach insgesamt rund 47 Milliarden Euro an Wert, eben wegen der niedrig verzinsten Einlagen.

Die Teuerung wird seit Monaten von steigenden Energiepreisen angeheizt. Im Zuge der Konjunkturerholung nach der Corona-Krise ist die Nachfrage nach Rohöl deutlich gestiegen. Das treibt die Preise nach oben. In Deutschland sind zudem seit Januar 25 Euro je Tonne CO2 fällig, das beim Verbrennen von Diesel, Benzin, Heizöl und Erdgas entsteht. Beides lässt die Energiepreise steigen.

Im September 2021 mussten die Verbraucher für Haushaltsenergie und Kraftstoffe nach den vorläufigen Daten 14,3 Prozent mehr zahlen als ein Jahr zuvor. KfW-Chefvolkswirtin Fritzi Köhler-Geib rechnet damit, dass die Energiepreise bis Ende des Jahres hoch bleiben. Auch weil der kalte zurückliegende Winter die Lagerbestände leer gefegt habe.

"Vor allem der Energiepreisschock kostet Kaufkraft und tut vielen Haushalten weh", sagte Jörg Zeuner, Chefvolkswirt des Fondsanbieters Union Investment. "Auf eine lange Zeit derart hoher Inflationsraten werden sich die Bürger trotzdem nicht einstellen müssen."

Auch weil zu Beginn des Jahres 2022 Sondereffekte auslaufen, wie etwa die Rücknahme der temporären Mehrwertsteuersenkung, die derzeit voll durchschlägt. Um den Konsum in der Corona-Krise anzukurbeln, hatte der Bund die Mehrwertsteuer befristet vom 1. Juli 2020 bis zum 31. Dezember 2020 gesenkt. Seit Januar 2021 gelten wieder die regulären Mehrwertsteuersätze. Waren und Dienstleistungen wurden also tendenziell wieder teurer.

Inflationsraten von an die fünf Prozent in Europas größter Volkswirtschaft gelten in diesem Jahr als möglich. So erwartet Bundesbank-Präsident Jens Weidmann, dass die monatliche Inflation im weiteren Jahresverlauf zeitweise fünf Prozent erreichen werde. Er führt den Anstieg jedoch hauptsächlich auf Sondereffekte zurück.

Ökonomen werten den Anstieg der Teuerung aber weiter als vorübergehendes Phänomen. "Auch wenn jetzt schon eine Vier vor dem Komma steht, darf man diese Entwicklung vorläufig nicht dramatisieren", sagte ZEW-Ökonom Friedrich Heinemann. "Der Preisschub reflektiert zunächst einmal die erfreulich kräftige und umfassende Erholung der Binnen- und Weltwirtschaft nach dem tiefen Absturz in der Pandemie."

Wie die Bundesbank in ihrem Monatsbericht am Montag mitteilte werde die Inflation jedoch bis Mitte 2022 bei über 2 Prozent bleiben und so das Ziel der Europäischen Zentralbank für die 19 Nationen umfassende Eurozone übertreffen.

In anderen Ländern des Euro-Raumes zieht die Inflation ebenfalls an. So stiegen die nach europäischer Methode (HVPI) berechneten Verbraucherpreise in Frankreich im September 2021 gegenüber dem Vorjahresmonat um 2,7 Prozent. Das ist die höchste Rate seit 2011.

Die Inflation ist ein wichtiger Gradmesser für die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Die Notenbank strebt neuerdings für den Währungsraum der 19 Länder eine jährliche Teuerungsrate von zwei Prozent an und ist zumindest zeitweise bereit, ein moderates Über- oder Unterschreiten der Zwei-Prozent-Marke zu akzeptieren.

Auch aus Sicht der EZB ist der Anstieg der Verbraucherpreise vorübergehend, und auf Sonderfaktoren infolge der Corona-Krise zurückzuführen. Es brauche nach wie vor einen unterstützenden geldpolitischen Kurs "um die Pandemie sicher zu überwinden und die Inflation nachhaltig auf zwei Prozent zurückzuführen", bekräftigte EZB-Präsidentin Christine Lagarde jüngst. Dauerhaft niedrige Preise gelten als Risiko für die Konjunktur: Unternehmen und Verbraucher könnten dann Investitionen aufschieben – in der Hoffnung, dass es bald noch billiger wird.

Der harmonisierte Verbraucherpreisindex HVPI, den die EZB für ihre Geldpolitik heranzieht, lag in Deutschland im September 2021 um 4,1 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats und um 0,3 Prozent über dem Stand von August 2021.

Mehr zum Thema - Fast vier Prozent Inflation – höchster monatlicher Preisanstieg seit Juli 2008

(rt/dpa)

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