Deutschland

Kritik an Bundesregierung wegen "gravierender Versäumnisse" beim Erheben der Corona-Daten

Experten und Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen kritisieren die aus ihrer Sicht unzureichende Datenlage zur COVID-19-Pandemie. Der Ökonom Gabriel Felbermayr vermutet gar, dass eine systematische Datenerhebung "politisch nicht gewollt" ist.
Kritik an Bundesregierung wegen "gravierender Versäumnisse" beim Erheben der Corona-DatenQuelle: www.globallookpress.com © Christian Ohde via www.imago-images.de

von Tilo Gräser

Noch immer fehlen verlässliche Daten zur COVID-19-Pandemie in der Bundesrepublik. Das haben kürzlich die Berichte über fehlende korrekte Zahlen zur Corona-Impfkampagne gegen COVID-19 gezeigt. Der Ökonom Gabriel Felbermayr, Direktor des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), hat deshalb deutliche Kritik an der Bundesregierung geübt. Er wirft ihr in einem am Mittwoch vom Magazin Spiegel online veröffentlichten Interview "gravierende Versäumnisse beim Erheben verlässlicher Coronazahlen" vor.

Felbermayr sieht Absicht dahinter und meint, die Regierung verzichte bewusst auf eine bessere Datenerhebung. Nach seiner Auffassung könne man sehr wohl "umfassende, genaue Daten zur Pandemie erheben: vom Infektionsgeschehen bis zum Impfen. Anhand dieser Daten könnte die Politik zielgerichtete Maßnahmen ergreifen. Aber: Die systematische Datenerhebung ist politisch nicht gewollt. Das ist frustrierend."

Letzteres begründet er gegenüber Spiegel online damit, dass die Bundesregierung im Frühjahr 2020 ein vom IfW vorgelegtes Konzept zur Datenerfassung ablehnte. Grundlage sollte damals laut Felbermayr eine repräsentative Studie mit mehreren zehntausend Menschen sein. Eine solche hatte im Frühjahr 2020 unter anderem auch der Bonner Virologe Hendrik Streeck gefordert und sich gewundert, dass das dafür zuständige Robert Koch-Institut (RKI) eine entsprechende Studie nicht startete.

"Aufs Abstellgleis geschickt"

Der Ökonom meint, dass eine solche Datenerfassung ein realistisches Bild der Pandemie-Lage ermöglichen könnte. Sie sollte nach seinen Worten auf der NAKO-Gesundheitsstudie aufbauen. Bei dieser mittlerweile anerkannten Studie erfasst seit 2014 ein Netzwerk von Forschungseinrichtungen im Zeitraum von 20 bis 30 Jahren die gesundheitliche Lage in der Bundesrepublik. Dafür werden etwa 200.000 Bundesbürger medizinisch untersucht und nach ihren Lebensgewohnheiten befragt.

Laut Felbermayr haben sich das Bundesgesundheitsministerium (BMG) unter Jens Spahn und das Bundesforschungsministerium unter Anja Karliczek (CDU) den Vorschlag zwar vorstellen lassen. Die Reaktion aber war ernüchternd: "De facto wurden wir aufs Abstellgleis geschickt." Beide Ministerien hätten das notwendige Budget in einstelliger Millionen-Höhe nicht bereitstellen können – "Oder sie wollten es nicht", fügt der Ökonom hinzu.

Er vermutet:

"Man hat wohl von vornherein nicht daran geglaubt, dass man mit besseren, unabhängig erhobenen Daten zielgenauere Politik machen könnte. Womöglich wollte man sich auch nicht mit Datenschützern anlegen. Und vielleicht gab es sogar die Sorge, dass bei solchen repräsentativen Tests zu Pandemiebeginn relativ niedrige Infektionszahlen herauskommen könnten …"

Der Vorschlag für eine repräsentative Datenerfassung sei dann im Sommer 2020 den Ministerien erneut  vorgelegt worden, berichtet Felbermayr: "… aber wieder bewegte sich nichts. Das war hochgradig frustrierend. Wir haben dann aufgegeben. Der IfW-Direktor bezweifelt nun "stark, dass die verantwortlichen Politiker Interesse daran haben, so kurz vor der Wahl ein komplettes Datenbild zu erheben."

Mehrfach geäußerte Kritik

Es könnten dabei Daten herauskommen, "die man nicht kontrollieren kann oder die vielleicht sogar Politikversagen belegen könnten", so der Ökonom. Aus seiner Sicht ist es immer noch nicht zu spät, "sich einen umfassenden Überblick über das Infektionsgeschehen und die Impfrate in verschiedenen Bevölkerungsgruppen zu verschaffen".

Die ungenaue Datenlage im Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie wird seit Anbeginn von Fachleuten aus Medizin und Wissenschaft kritisiert. "Wissenschaftler beklagen eine immer noch schlechte Datenlage in Deutschland, um Infektionsrisiken besser zu erkennen", berichtete die Ärzte-Zeitung Anfang Juli dieses Jahres. "Nur mit wissenschaftlichen Auswertungen, die (...) auf einer sehr breiten Grundlage basieren, können für die Politik die notwendigen Entscheidungshilfen in kürzester Zeit zur Verfügung gestellt werden", wurde Tim Friede, der Präsident der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Statistik (DAGStat.de), zitiert.

Über die Gründe für das Unterlassen der Erarbeitung einer zielgerichteten und systematischen Datenerhebung kann Friede laut Ärzte-Zeitung nur spekulieren: "Warum diese Ideen nicht umgesetzt wurden, kann ich mir nicht recht erklären." Den oft ins Feld geführten Datenschutz sehe er nicht als Hindernis.

Dem Bericht nach sieht auch der Psychologe und frühere Max-Planck-Direktor Gerd Gigerenzer "eine solidere statistische Grundlage" als notwendig an. Sie könnte "tatsächlich zu den richtigen Maßnahmen bei der Pandemiebekämpfung führen", so meint er als Emeritus und heutiger Direktor des Harding-Zentrums für Risikokompetenz an der Universität Potsdam.

"Zögern hat großen Schaden angerichtet"

Der Mathematiker und Medizinstatistiker Gerd Antes wirft der Regierung seit Langem ein denkbar schlechtes Datenmanagement vor. In einem im Juli dieses Jahres in der Apotheken-Umschau veröffentlichten Interview sagte er, "wenn Gesundheitsminister Spahn jetzt erst, nach 15 Monaten, genauere Klinikmeldungen wie Alter, Art der Behandlung und den Impfstatus fordert, dann ärgert mich das ungemein. Denn genau darüber wurde spätestens im November im Bundestagsausschuss debattiert und dieses zögerliche Verhalten kann einen großen Schaden angerichtet haben."

Antes zählt dazu den ökonomischen Schaden, den "psychischen Schaden vor allem bei Kindern und Jugendlichen", aber auch bei Erwachsenen, "die ständig aufeinander hockten und für die Kinder einen Teil der Schule ersetzen mussten", ebenso aber auch medizinische Schäden zum Beispiel durch verschleppte Krebsdiagnosen.

"All das ist zwar nur schwer zu messen, aber es wurde Schaden angerichtet und man hätte sich einiges davon sparen können – wenn man den richtigen Zahlen rechtzeitig mehr Bedeutung gegeben hätte."

Der Gesundheitsstatistiker fordert wie andere, die Pandemielage nicht allein mit der Sieben-Tage-Inzidenz (positiv Getestete je 100.000 Einwohner in sieben Tagen) zu bewerten: "Die Inzidenz war noch nie ein alleiniger guter Steuerungsparameter – er war eben für die Politik sehr bequem. Aber jetzt ist es geradezu schädlich, sich alleine daran zu orientieren, um Schutzmaßnahmen zu treffen."

"RKI hat repräsentative Studie verweigert"

Auch der Mathematiker und Statistikexperte Gerd Bosbach fordert seit Langem eine repräsentative Studie zur Pandemiesituation. Die sei unter anderem notwendig, um die Dunkelziffer der tatsächlich mit SARS-CoV-2 Infizierten bestimmen zu können, erklärte er im Februar dieses Jahres gegenüber der Berliner Zeitung. "Eine flächendeckende repräsentative Untersuchung hat das Robert Koch-Institut (RKI), ich muss das leider so sagen: verweigert. Wir wissen daher nicht, wie hoch sie ist."

Bosbach schlug regelmäßige repräsentative Untersuchungen statt der Sieben-Tage-Inzidenz auf Grundlage der Testergebnisse vor. "Aber repräsentative Corona-Tests sind bei den politisch Verantwortlichen scheinbar unerwünscht", vermutete Statistiker Bosbach ähnlich wie nun Ökonom Felbermayr. "Das RKI behauptet, das Verfahren sei viel zu kompliziert. Das stimmt aber nicht."

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