Deutschland

Flut in Westdeutschland: 170 Todesopfer, noch 155 Menschen vermisst

Die Unwetter in Deutschland haben bereits 170 Menschenleben gefordert. Mindestens 155 Menschen werden allein im Kreis Ahrweiler noch vermisst. 3.000 Helfer vom Technischen Hilfswerk sind im Einsatz. Dessen Vizepräsidentin will Schlussfolgerungen für die Warnsysteme ziehen.
Flut in Westdeutschland: 170 Todesopfer, noch 155 Menschen vermisstQuelle: www.globallookpress.com © Thomas Frey/dpa

Nach Angaben des Technischen Hilfswerks (THW) sind etwa 3.000 Helfer in den überfluteten Gebieten im Einsatz. Knapp die Hälfte von ihnen engagiert sich ehrenamtlich. "Von 668 Ortsverbänden bundesweit sind aktuell 310 aus allen acht THW-Landesverbänden zur Unterstützung nach Nordrhein-Westfahlen und Rheinland-Pfalz gekommen", sagte die Vizepräsidentin des Werkes, Sabine Lackner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

"Wir suchen noch nach Vermissten, etwa beim Räumen der Wege oder Auspumpen der Keller", fuhr sie fort. "Zu diesem Zeitpunkt ist es aber leider sehr wahrscheinlich, dass man Opfer nur noch bergen kann, nicht mehr retten."

Die Zahl der Todesopfer ist innerhalb einer Woche auf mindestens 170 gestiegen. Aus Rheinland-Pfalz wurden 122 und aus Nordrhein-Westfalen 48 Unwetter-Tote bestätigt. Am Dienstag wurden noch immer Menschen vermisst – allein 155 im besonders betroffenen Kreis Ahrweiler im Norden von Rheinland-Pfalz. Rund 40.000 Menschen sind von den Folgen des verheerenden Hochwassers und der Flut betroffen.

Das THW überbrückt die Lücken in den Versorgungssystemen. Lackner sagte weiter gegenüber dem RND:

"Bei manchen Haushalten ist nur drei Tage der Strom weg. Bei anderen kann es noch einige Wochen dauern, bis die Trinkwasserversorgung wieder funktioniert. (...) Wir bereiten zum Beispiel Trinkwasser auf und verteilen das direkt mit mobilen Tankwagen an die Bevölkerung. Es gibt auch noch Ortschaften, die komplett eingeschlossen sind. Die werden per Luft über Helikopter mit bereits abgefüllten Wassertanks versorgt." 

Die THW-Präsidentin warnt vor einer verfrühten Debatte über Schuldzuweisungen und Versagen. Nur wenige Tage nach der Katastrophe könnten auch die Experten noch keine Schlussfolgerungen ziehen.

"Wir sind im Katastrophen- und Bevölkerungsschutz dezentral grundsätzlich gut aufgestellt, sollten aber noch näher zusammenrücken. Und ganz wichtig: Es braucht ein breiteres Spektrum an Warnungen und Systemen. (...) Wir haben in dieser Situation gesehen: Auch die Technik ist endlich. Wenn Handynetze, Telefone und Strom ausfallen, nützt auch die Warn-App nichts mehr. Und dann bricht die Warnkette zusammen."

Lackner schlägt vor, die Sirenen in den Ortschaften wieder in Betrieb zu nehmen. Die Bevölkerung müsse wieder lernen, deren Signale zu unterscheiden.

Nach Angaben der Deutschen Bahn haben die Fluten sieben Regionalstrecken in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz sehr stark beschädigt. Gleise auf einer Länge von 600 Kilometern müssen umfassend saniert oder neu gelegt werden.

Die Ärztegewerkschaft Marburger Bund weist auf Mängel in der Versorgung von Patienten hin. Manche Arztpraxen in Rheinland-Pfalz sind nicht mehr arbeitsfähig. Für chronisch Kranke und sonstige Patienten würden provisorische Praxen und Apotheken aufgebaut.

Große Schäden gibt es auch in der Landwirtschaft; auf vielen Feldern wurde Getreide von den Fluten umgewälzt. Andere Felder sind mit Wasser durchtränkt, sodass die schweren Mähdrescher nicht darauf fahren können. Mit Satellitenbildern soll in dieser Woche ein erster Überblick gewonnen werden, hieß es von der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen.

Mehr zum Thema - "Monumentales Systemversagen" bei Hochwasserkatastrophe?

(rt/dpa)