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Chef der kassenärztlichen Vereinigung zu Delta-Debatte: "Alarmismus völlig fehl am Platz"

In einem Interview bezog der Vorstandsvorsitzende der kassenärztlichen Bundesvereinigung Dr. Andreas Gassen Stellung zur Debatte um die Delta-Variante. Dabei warnte er vor Alarmismus und mahnte eine rationale Diskussion an. Karl Lauterbach warf er "Panikmache" vor.
Chef der kassenärztlichen Vereinigung zu Delta-Debatte: "Alarmismus völlig fehl am Platz"Quelle: AFP © Tobias Schwarz

Dr. Andreas Gassen ist studierter Humanmediziner und niedergelassener Facharzt für Orthopädie, Unfallchirurgie und Rheumatologie. Seit 2014 ist er Vorstandsvorsitzender der kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). In einem Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland bezog der angesehene Fachmann nun u. a. Stellung zur aktuellen Debatte um die sogenannte Delta-Variante des Coronavirus SARS-CoV-2.

Im Gespräch warnt Gassen angesichts der viel zitierten Ausbreitung der Delta-Variante davor, Ängste zu schüren. Ja, die Delta-Variante werde wohl Ende Juli auch in Deutschland die "dominierende Mutante" sein. Doch dieser Umstand allein rechtfertige nicht, in "Panik" zu verfallen.

"Ich halte die Debatte derzeit für in Teilen fast schon hysterisch. Es ist aber unverantwortlich, immer wieder mit Endzeitszenarien zu operieren."

Gassen ist in der Corona-Debatte kein Unbekannter, bereits vor Monaten fiel er mit kritischen Ansichten zur Maßnahmenpolitik der Bundesregierung auf. So kritisierte er etwa im Oktober 2020 die bundesdeutsche "Regelungswut". "Selbst 10.000 Infektionen täglich", erklärte Gassen, "wären kein Drama, wenn nur einer von 1.000 schwer erkrankt, wie wir es im Moment beobachten", zitierte etwa der Focus den Mediziner.

Im aktuellen Interview forderte der Vorstandsvorsitzende der kassenärztlichen Bundesvereinigung zum Wohle der Bevölkerung eine seriöse und sachliche Auseinandersetzung mit den aktuellen Entwicklungen. Zur Beruhigung der teils hysterischen Debatte könnte dabei auch folgender Umstand beitragen:

"Delta ist ansteckender, aber nach heutigen Erkenntnissen wohl nicht wesentlich gefährlicher als die bisherigen Varianten."

Dies gelte auch für Großbritannien. Dort stiegen die Infektionszahlen zwar an. Dennoch gebe es "bisher keine relevanten Anstiege des Anteils Schwerstkranker oder Toter". Zum Thema hieß es jüngst etwa beim Bayerischen Rundfunk:

"Wie bei den bisherigen Varianten gilt daher weiter: Kinder und Jugendliche ohne Vorerkrankung haben ein äußerst geringes Risiko für einen schweren Verlauf von COVID-19."

Der Business Insider verwies in diesem Zusammenhang u. a. auf Eyal Leshem, einen Spezialisten für Infektionskrankheiten am israelischen Sheba Medical Center. Nach Ansicht des Experten ist das Risiko für Kinder, aufgrund einer Delta-Infektion ins Krankenhaus eingeliefert zu werden, aktuell "verschwindend gering" – selbst, wenn sich das Risiko einer Infektion gegenüber der Alpha-Variante verdoppeln sollte.

Da es laut Gassen "bisher keine fundierten Hinweise darauf [gibt], dass dadurch auch der Anteil der schweren Erkrankungen wieder steigt", fürchtet der Vorstandsvorsitzende der kassenärztlichen Bundesvereinigung den möglichen Wiederanstieg der Infektionszahlen aufgrund der Ausbreitung der Delta-Variante nicht. Dazu trage auch bei, dass bereits vollständig geimpfte Personen "zuverlässig geschützt" sein.

"Wir müssen das weiter genau beobachten. Aber der von einigen verbreitete Alarmismus ist völlig fehl am Platz."

Der Bundesregierung stellt Gassen folglich ein dürftiges Zeugnis aus, denn sie habe offensichtlich nicht dazu gelernt. Sie reagiere "stumpf mit denselben Mechanismen wie vor einem Jahr, obwohl heute die Situation ganz anders ist".

Auch für die Impfmüdigkeit innerhalb der Bevölkerung sieht Gassen vor allem die Regierung selbst in der Verantwortung.

"Wenn bei jeder neuen Mutante Panik verbreitet wird, sagen sich nicht wenige: Ist doch eh für die Katz, ich lasse es sein mit dem Impfen."

Zudem sei es bereits in den vergangenen Monaten nicht zielführend gewesen, sich als Grundlage der eigenen Maßnahmenpolitik nur von den Infektionszahlen leiten zu lassen. Doch nun und "angesichts der enormen Impffortschritts" werde es laut Gassen "immer absurder". Die Erklärung sei simpel:

"Wenn immer mehr Menschen durch eine Impfung vor schweren Krankheitsverläufen geschützt sind, kann und darf die Infektionszahl nicht die entscheidende Rolle spielen."

Der ehemalige Präsident des Berufsverbands der Fachärzte für Orthopädie und Unfallchirurgie (BVOU) geht im Interview auch auf den SPD-Politiker und Mediziner Karl Lauterbach ein. Dieser hatte aufgrund der Ausbreitung der Delta-Variante zuletzt die Ständige Impfkommission dazu aufgefordert, doch eine Empfehlung für das Impfen von Kindern ab zwölf Jahren auszusprechen. Auf die Frage, ob er dies ebenfalls als "Panikmache" betrachte, antwortet Gassen:

"Ja. Und es ist hochproblematisch und wissenschaftlich fragwürdig. Die STIKO hat nach aktueller Datenlage entschieden – da sitzen die wirklichen Experten für Impfungen."

Laut Gassen sollte die STIKO so lange bei ihrer Entscheidung bleiben, bis wissenschaftliche Erkenntnisse ein anderes Vorgehen notwendig machten.

Ende Mai hatte sich die Europäischen Arzneimittelagentur EMA für die Impfung von Kindern ab zwölf Jahren mit dem mRNA-Vakzin der Hersteller BioNTech und Pfizer ausgesprochen. Die Ständige Impfkommission (STIKO) wollte für dieselbe Altersgruppe dennoch keine generelle Impf-Empfehlung aussprechen. Ausgenommen sind Kinder mit schweren Vorerkrankungen. Die STIKO hatte sich aufgrund einer Kosten-Nutzen-Analyse gegen eine generelle Empfehlung ausgesprochen: Wie das Ärzteblatt Anfang Juni berichtete, sei "der Nutzen der Impfung, schwere Erkrankungen und Todesfälle zu verhindern", laut STIKO "in dieser Altersgruppe nicht allgemein gegeben".

"Es müssten etwa 100.000 Zwölf- bis 17-jährige Kinder und Jugendliche geimpft werden, um einen einzigen COVID-19-bedingten Todesfall in dieser Altersgruppe zu verhindern."

Der Facharzt erwähnt zudem, dass sich auch das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (ZI) dem Thema Impfung aufgrund der Delta-Variante angenommen habe – vor allem auch was entsprechende Studien aus Großbritannien angehe. Demzufolge habe man jedoch "keine belastbaren Zahlen finden" können, die belegten, "dass mit Delta infizierte Kinder und Jugendliche in England tatsächlich schwerer erkranken und deshalb vermehrt im Krankenhaus behandelt werden müssen".

Gassen ist sich sicher:

"Es ist unverantwortlich, jetzt den Druck auf die Kinder und Jugendlichen sowie deren Eltern zu erhöhen."

Dabei ruft der Mediziner vor allem die Berichte über aufgetretene "Herzmuskelentzündungen bei Jungen im Teenageralter" in Zusammenhang mit den Corona-Vakzinen ins Gedächtnis. Daher sei es vielmehr so, dass sich Eltern und Lehrer impfen lassen sollten, um einen "Schutzschirm" um die Kinder zu errichten.

Am Donnerstag mahnte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn an, dass die absoluten Infektionszahlen aufgrund der Ausbreitung der Delta-Variante in Deutschland nun möglichst niedrig gehalten werden müssten. Gegen die Ausbreitung von Delta helfe das Impfen. Spahn erklärte:

"Es liegt an uns, ob Delta ein Risiko für uns wird."

Nach Schätzung des Robert Koch-Instituts (RKI) dürfte bereits mindestens jede zweite Corona-Ansteckung in Deutschland auf Delta zurückgehen.

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