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"Österreichs Wieler": Ohne PCR-Test wäre neue Pandemie "niemandem wirklich aufgefallen"

Prof. Dr. Franz Allerberger ist Leiter für Öffentliche Gesundheit bei der österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES). In einem ausführlichen Interview nahm er nun Stellung zu verschiedenen Entwicklungen während der COVID-19-Pandemie.
"Österreichs Wieler": Ohne PCR-Test wäre neue Pandemie "niemandem wirklich aufgefallen"© Snapshot OvalMedia

Vor wenigen Tagen nahm der Österreicher Universitätsprofessor Dr. Franz Allerberger in einem ausführlichen Interview mit OvalMedia Stellung zu verschiedenen Themen und Fragen die COVID-19-Pandemie betreffend. Allerberger ist Leiter für Öffentliche Gesundheit bei der österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES).

Bei der AGES handelt es sich, wie Prof. Allerberger zu Beginn des Interviews erläutert, "im Prinzip" um das österreichische Äquivalent zum deutschen Robert Koch-Institut (RKI). Die saloppe Frage, ob es sich bei ihm daher um den "österreichischen Herr Wieler" handele, bejaht Allerberger. Es gebe dabei jedoch einen Unterschied: Prof. Dr. Wieler sei gelernter Tierarzt, wohingegen er gelernter Humanmediziner sei.

Allerberger geht in dem Interview zunächst auf die Frage ein, bei welchen Punkten sich seine Sicht auf die Entwicklungen und Implikationen angesichts der Corona-Krise vom öffentlichkeitswirksam vermittelten Narrativ unterschieden habe.

Diagnostik extrem zentralisiert

Der Mediziner erläutert zunächst, dass "die Diagnostik" zu Beginn der Krise in Österreich "extrem zentralisiert" gewesen sei – was jedoch durchaus nicht nur nachteilig und zudem der noch recht undurchsichtigen Situation zu Beginn der Pandemie geschuldet gewesen sei.

"Ganz wenige Einrichtungen haben die Diagnostik überhaupt gehabt vor Ort. Man hat die Beprobung sehr zentralisiert."

Dies sei einer der ersten Punkte gewesen, bei denen es unterschiedliche Ansichten zur Effektivität des entsprechenden Vorgehens gegeben habe. Als gelernter Arzt halte er es grundsätzlich für "einen Riesenfehler", wenn ein Kollege nicht die Möglichkeit habe, eine mutmaßliche Infektionskrankheit zu überprüfen, "weil er keinen Zugang zum Test hat". Aufgrund der Knappheit der Tests sei das Vorgehen jedoch "aus politischen Gründen" sicherlich gerechtfertigt gewesen.

Am Anfang, so Allerberger weiter, sei man davon ausgegangen, dass es sich bei der Ausbreitung von SARS-CoV-2 um eine Seuche gehandelt habe "wie MERS oder Ebola" (22:36), mit einer zwar niedrigeren Infektionsrate, aber einer höheren Sterblichkeit. Diese Sorge habe sich bei ihm jedoch relativ früh gelegt. Was sich auch auf sein Verständnis darüber niedergeschlagen habe, wie ansteckend COVID-19 sei.

Gefahr sei überschätzt worden

Vor allem auch zu Beginn der Pandemie habe es in Österreich viele Experten gegeben, die argumentiert hätten, "das sei aerosolgetrieben". Das stimme zu einem gewissen Grad auch. Doch er und seine Kollegen hätten die Sorge vor einer Aerosol-Übertragung wie etwa durch das Singen in der Kirche "nie gehabt".

"Dass jemand in der Kirche singt, und 2.000 Leute stecken sich an, weil wir am nächsten Tag noch immer die Viren in der Kirche haben, diese Sorgen haben wir eigentlich nicht gehabt. (...) Wir haben damals schon ganz klar gesagt, dass im Freien das Risiko vernachlässigbar ist."

An anderer Stelle erklärt Allerberger: "Ingendwer singt, und die ganze Kirche steckt sich an, das hat sich alles nicht bewahrheitet."

COVID-19 sei "nicht so ansteckend, wie manche behaupten", fährt Allerberger fort und verweist dabei auf seine Erfahrungen mit den ersten COVID-19-Patienten in Österreich.

"Wenn jemand nachweislich das Virus hat, nachweislich Krankheitszeichen hat und trotzdem in zwei Tagen keinen Einzigen ansteckt – die Kontaktpersonen waren alle in Quarantäne –, dann wird man schon ein bisschen hellhörig."

Das bedeute jedoch nicht, dass man COVID-19 unterschätzen solle. Es handele sich um eine Pandemie, "wie wir sie seit Langem nicht gehabt haben". In Österreich sei zudem eine Übersterblichkeit von 6.600 Menschen registriert worden. Fünf Jahre zuvor habe die Übersterblichkeit bei der Grippe bei 4.400 Personen gelegen.

"Aber es ist eben nicht der gravierende Unterschied (zur Grippe), den man am Anfang befürchtet hat."

Wie es bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) heißt, sei diese am 31. Dezember 2019 erstmals über Fälle einer Lungenentzündung mit unbekannter Ursache in der chinesischen Stadt Wuhan informiert worden. Daraufhin hätten chinesischen Behörden am 7. Januar 2020 als Ursache ein neuartiges Coronavirus identifiziert. Dieses sei zunächst als "2019-nCoV" bezeichnet und später in "SARS-CoV-2" umbenannt worden.

Angst als treibender Faktor

Auf die Frage des Interviewers, woher die Annahme stamme, dass "niemand immun" gegen COVID-19 sei, antwortet Allerberger:

"Ich gehe davon aus, dass einfach medial – und das ist jetzt weltweit gesehen – eine Handvoll Personen einfach glaubwürdiger aufgetreten sind und diese Meinung vertreten haben." 

Dennoch, auch in Österreich sei aufgrund der trotz allem vorhandenen Gefahr durch SARS-CoV-2 zu lange weggeschaut worden.

Für Allerberger geht es u. a. um die Abwägung von Risiko und Schutz durch restriktive Maßnahmen. So habe ein Universitätsprofessor und Mitglied der österreichischen Taskforce zur Beratung des Gesundheitsministeriums den österreichischen Bundeskanzler "allen Ernstes" dazu aufgefordert, "man muss es ernst nehmen, niemand kann ausschließen, dass COVID nicht doch so hochgefährlich ist". Der betreffende Regierungsexperte habe argumentiert:

"Wir müssen den Leuten Angst machen, weil sonst halten sie diese Empfehlungen nicht ein. Angst machen ist nach meinem Verständnis das Schlimmste, das man tun kann."

Von den entsprechend auch medial transportierten Gefahrenmeldungen sei letztendlich auch die Politik beeinflusst worden, was sich in den  in den entsprechenden restriktiven Maßnahmen niedergeschlagen habe. Die Situation sei "vielleicht ernster genommen" worden, "als es vielleicht notwendig gewesen wäre".

"ZeroCovid" ein Irrglaube

Allerberger geht auch auf die Idee von "ZeroCovid" ein, also der Forderung nach "solidarischen" Maßnahmen, um die Corona-Infektionen auf null zu senken.

"ZeroCovid. Heute kann man nur sagen, wer kommt auf die Idee? Wenn etwas von selber verschwindet, hätte man es gesehen. Wir haben als Menschen nichts ausgerottet auf der Welt außer den Pocken (...) Das wird bei uns bleiben."

Immer wieder kommt Allerberger auf den Punkt zu sprechen, dass am Anfang der COVID-19-Pandemie davon ausgegangen worden sei, dass es sich bei COVID-19 um eine "hoch infektiöse, extrem gefährliche Krankheit" handele. Dies habe sich in dieser Form nicht bewahrheitet.

"Und jetzt, nach zwei Jahren, akzeptieren wir, ja, das ist ein Winter-Infekt, den wir auch in den kommenden Jahren noch haben werden."

Lockdowns ohne Wirkung

Beim Thema Immunität und Impfschutz verweist Allerberger u. a. auch auf Erkenntnisse von Public Health England, wonach "eine durchgemachte, natürliche Infektion in etwa den gleichen tollen Impfschutz bringt wie der postulierte für den BioNTech/Pfizer-Impfstoff".

Auch der schon längst als "umstritten" geltende Epidemiologe Prof. John Ioannidis findet Erwähnung in den Ausführungen des Infektiologen Allerberger. So habe dieser die Österreicher in Sachen Qualitätssicherung unterstützt, etwa bei der Auswertung entsprechender Metadaten.

Es sei auch Ioannidis gewesen, der darauf hingewiesen habe, dass die Lockdowns nicht die Wirkung gezeitigt hätten, von der andere ausgegangen seien. 

"Er konnte belegen, dass in den ganzen Ländern, die er sich angeschaut hat – und wir können das für Österreich auch belegen – das Schließen nicht der primäre Faktor ist. (...) Es geht um die sozialen Kontakte."

Die Reduzierung der sozialen Kontakte habe dazu geführt, dass "bereits die Welle gebrochen war, bevor der Lockdown eingeführt wurde".

"Erstaunlicherweise sind da Leute, die auf dem Gebiet nie was publiziert haben, aber eben auch Experten sind, zumindest in den Medien, dann wirklich frontal auf Ioannidis (losgegangen). Seine Studienergebnisse seien falsch gewesen." 

Allerberger verbürgt sich nach eigener Aussage für die Qualität der Arbeit des Stanford-Forschers: "Nur zu sagen, der irrt und der ist falsch, das ist zu wenig."

Das Interview war nicht die erste Gelegenheit, bei der der als "unbequem" geltende Allerberger argumentierte, dass die Verordnung eines Lockdowns keine effektive Maßnahme sei.

Die Toten von Bergamo

Was Bergamo und die entsprechenden Bilder etwa von sich stapelnden Särgen angehe, sei mittlerweile bekannt, dass das "Hauptproblem" darin gelegen habe, "dass die Leute befürchtet haben, dass bei einer Erdbestattung das Grundwasser kontaminiert ist". Aus diesem Grund sei die Erdbestattung "praktisch eingestellt" worden. Und da es im katholischen Norditalien wenig Feuerbestattungen gebe, hätten sich die Särge der Verstorbenen in Folge gestapelt. Es sei eine "Eigendynamik" entstanden.

Bei der Frage nach der öffentlichen Gesundheit und den mittlerweile viel zitierten Impfnebenwirkungen (etwa beim Vakzin von AstraZeneca) gehe es generell darum, zwischen den Kollateralschäden und womöglich gut gemeinten Ratschlägen abzuwägen. Er sei nach wie vor erstaunt, wie gut der Impfstoff von Pfizer/BioNTech von den Menschen vertragen werde.

"Wenn sie es vergleichen mit anderen Impfstoffen, ist das das normale Hintergrundrauschen."

Impfung aus "gesellschaftlichem Druck" sinnvoll

Die Impfung sei auch gut gegen die Angst innerhalb der Bevölkerung. Auf die hypothetische Frage, ob er "Zwanzigjährigen" auch zur Corona-Impfung raten würde, wenn keine Angst vorhanden wäre, antwortet Allerberger, er gehe davon aus, dass "die natürliche Durchseuchung höher" sei als von vielen angenommen.

"Ich glaube, dass der gesellschaftliche Druck so groß ist, dass man nur mit Impfen den Leuten die Sicherheit gibt, auch die falsche Sicherheit: Jetzt bist du geschützt."

Das Impfrisiko sei für Zwanzigjährige "vernachlässigbar, weil es so gering ist", ist Allerberger überzeugt. Er könne es jedem nur empfehlen. Was jedoch Kinder und Jugendliche angeht, handele es sich dennoch, im Vergleich mit anderen Infektionskrankheiten um eine Krankheit, "die keine echte Relevanz" habe.

"Man wird ums Impfen nicht herumkommen, weil einfach die Gesellschaft das verlangt."

Bei der Frage nach der medizinischen Berechtigung solle man "die Rolle von Ärzten nicht überbewerten".

Ohne PCR-Test wäre Pandemie niemandem aufgefallen

Zum Ende des gut eine Stunde und 40 Minuten langen Interviews wird Allerberger die folgende Frage gestellt: "Wie hätte diese Epidemie ausgesehen, wenn es gar keine PCR-Tests gegeben hätte?" Der renommierte Fachmann erwidert:

"Wenn es weltweit keine PCR-Test gegeben hätte, wäre das nach meinem Dafürhalten niemandem wirklich aufgefallen."

Im Rahmen der Diskussionen um SARS und MERS sei es "Gott sei Dank" die PCR-Methode gewesen, die es erlaubt habe, "das zu diagnostizieren". Wenn es PCR-Tests nicht gegeben hätte, wären entsprechende Infektionsfälle wohl unerkannt geblieben. "Nur, wenn ich hinschaue, komme ich dann drauf."

Was jedoch die postulierte Überlastung der intensivmedizinischen Kapazitäten angehe, seien diese auch "bei Grippe und dergleichen" zu beobachten. Er sei sich nicht sicher, ob das (ohne PCR-Diagnostik) "im großen Stil aufgefallen wäre".

Der PCR-Test (polymerase chain reaction, zu Deutsch Polymerase-Kettenreaktion) gilt gemeinhin als "Goldstandard unter den Corona-Tests". So heißt es etwa bei Infektionsschutz.de: "Der PCR-Test gilt als das zuverlässigste Verfahren, um einen Verdacht auf eine Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 abzuklären."

Keine messbare Wirkung des Maskentragens

Was das Tragen von Mund-Nasen-Masken anbelangt, müsse man unterscheiden, so Allerberger.

"Masken im Sinne von Mund-Nasen-Schutz und diese OP-Masken, wo man links, rechts, oben, unten reinschauen kann, das hat, wie wir zeigen konnten, für uns keine messbare Wirkung gehabt.“

Doch ähnlich wie bei der Impfung hat die Maßnahme laut Allerberger "öffentlichen Druck rausgenommen". Der entsprechende "Preis", also die Pflicht zum Tragen einer Maske, sei aus seiner Sicht "überschaubar". FFP-Masken wiederum seien zwar für den Tragenden belastender, doch etwa in der Pflege sehr wohl effektiv.

Der Herbst kommt, COVID-19 bleibt

Bereits Mitte August 2020 hatte sich Allerberger klar positioniert, was das Tragen von Masken gegen eine Ausbreitung von SARS-Cov-2 betrifft. Was den Herbst anbelangt, ist sich der Fachmann sicher:

"Der Herbst wird kommen, und COVID wird bleiben."

Spätestens im übernächsten Herbst werde es sich um eine Infektion wie jede andere handeln.

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