Deutschland

"Ruinöse Belastung" – Einzelhändler klagen über Testpflicht und wollen sich zur Wehr setzen

Die Bundesnotbremse sollte die Regeln in der Pandemie vereinheitlichen. Der Handel beklagt das Gegenteil: Es gebe ein Wirrwarr neuer Vorgaben – und die Pflicht für Schnelltests vergraule die Kunden. Statt einer Verbesserung sei das Gegenteil eingetreten.
"Ruinöse Belastung" – Einzelhändler klagen über Testpflicht und wollen sich zur Wehr setzenQuelle: AFP © Ida Fassbender

Laut einer Umfrage des Handelsverbands HDE bei Mitgliedsunternehmen verlieren mit Testpflicht geöffnete Geschäfte im Schnitt 70 Prozent der Kundenfrequenz gegenüber der Zeit vor der Corona-Pandemie und fast 60 Prozent des Umsatzes. Sind die Läden ganz geschlossen, liegen die Rückgänge aber "nur" jeweils rund zehn Prozent höher. Durch die Auswirkungen der Corona-Krise könnten demnach bis zu 120.000 Geschäfte in Deutschland verloren gehen

Das Nachrichtenmagazin Spiegel sprach mit mehreren Händlern und zog eine beunruhigende Bilanz: Es gab unter den Befragten keine einzige Stimme, die die Maßnahmen der Bundesnotbremse als sinnvoll erachtet. Viele nannten ihre Lage "misslich" und schoben die Schuld auf die neuen Corona-Regeln, die sie noch verschärfe. Es gebe einen zunehmenden Wirrwarr an Vorgaben für Läden oder Filialen. Vor allem die Einschränkungen durch die Testpflicht für Kunden kritisierten sie als "ruinös" und "willkürlich".

So sieht Timm Homann, Chef der Modekette Ernsting's Family, in Öffnungskonzepten mit Tests oder Terminbuchung "eine ruinöse, willkürliche und völlig einseitige Belastung des ohnehin schon durch Zwangsschließung drangsalierten Handels". Eine komplette Schließung der Läden sei wirtschaftlicher, klagt s.Oliver-Chef Claus-Dietrich Lahrs. "Die aktuellen Regelungen sind aus unserer Sicht keine Öffnungsperspektive", sagt er. "Wir brauchen Verlässlichkeit."

Gerade im Textilhandel müsse die neue Ware lange vorgeplant werden, werde jetzt die Mode für den Jahreswechsel entwickelt und bezahlt. "Diese Maschine können wir nicht einfach anhalten", sagt Lars. 

Um die Kunden nicht gänzlich zu vergraulen und die Mitarbeiter zu halten, öffnen viele Händler ihre Läden auch, wenn Tests gefordert sind und nur wenige Shoppingwillige kommen, berichtet das Magazin. Meist aber zahlen die Firmen drauf. Denn für die aus der Kurzarbeit zurückgeholten Mitarbeiter fehlen dann die staatlichen Hilfen, die Personalkosten aber schlagen wieder voll zu Buche, genauso die Mietkosten. Viele Händler hatten mittlerweile Deals mit ihren Vermietern geschlossen, nach denen diese bei geschlossenen Läden einen Großteil der Mietkosten erlassen. Öffnen die Händler wieder, fällt die gesamte Mietzahlung an.

Wegen der schwankenden Corona-Inzidenzen müssen die Händler ihre Läden zudem mal schließen und dann wieder öffnen. Daher sei den Kunden vollkommen unklar, was vor Ort genau gelte, klagen Unternehmer. Auch das schrecke ab. Die Regeln, ob Filialen öffnen könnten, würden außerdem so kurzfristig geändert, dass man kaum noch darauf sinnvoll reagieren könne, sagt der Chef des Fahrgeschäftes Rose Bikes, Marcus Diekmann.

Ihm zufolge sei die Testpflicht höchst problematisch, "ein Desaster". Er konnte in einer seiner Filialen in Bocholt mit einer Verkaufsfläche von 4.000 Meter in den letzten Wochen nur 20 Prozent des normalen Besucherstroms verzeichnen. Dementsprechend falle auch der Umsatz.

Die Beschränkungen im Einzelhandel seien laut vielen weiteren Händler wie von Tom Tailor, Ernsting's Family, Bonita oder Intersport nicht nur "unverhältnismäßig stark". Auch die Festlegung, welche Unternehmen systemrelevant sind, sei intransparent. So kritisieren Händler, dass die Warenhauskette Galeria Karstadt Kaufhof extra Staatshilfe erhielte.

"Die politischen Entscheider haben jeglichen Kompass verloren", sagt Ernsting's-Chef Homann.

Auch an einer finanziellen Entschädigung hapere es noch immer. Jeder Tag Lockdown beschere beispielsweise s.Oliver eine Million Euro operativen Ergebnisverlust, heißt es im Unternehmen. Laut der HDE-Umfrage sei seit Jahresbeginn ein Umsatzrückstand von 40 Milliarden Euro im Handel aufgelaufen – im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit. Zugleich warteten 60 Prozent der Handelsfirmen noch auf einen Teil ihrer Staatshilfen.

Jetzt wollen mehrere Händler sich gegen die Vorgaben im Infektionsschutzgesetz zur Wehr setzen und in den nächsten Wochen eine Verfassungsbeschwerde einreichen. Sie sehen sich ungleich behandelt, vor allem im Vergleich zu den Anforderungen an den Schutz vor Corona etwa in Großraumbüros, in staatlichen Einrichtungen oder der Industrie. Gastronomen wollen den Vorstoß des Handels unterstützen, denn sie fühlen sich auch unfair behandelt.

"Betriebskantinen dürfen öffnen, in manchen Hotels werden Gäste beim Abendessen bedient, hinter der Security am Flughafen kann man speisen, aber wir müssen trotz sehr guter Hygienekonzepte die Innenräume weiterhin geschlossen halten", kritisiert im Spiegel Mirko Silz, Chef von L'Osteria. Dem Unternehmen fehlten bereits rund 500 Mitarbeiter. Beide Branchen – Gastronomie und Einzelhandel – beklagen einen Mangel an Auszubildenden, weil man keine Perspektive bieten könne.

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