Deutschland

Bekannte deutsche Schauspieler sorgen mit ironischer Internetaktion #allesdichtmachen für Aufsehen

Mehr als 50 Schauspieler beteiligen sich an einer Protestaktion gegen die Corona-Politik der Bundesregierung. Ihre Clips gehen viral. Die Künstler sind nun mit teilweise harscher Kritik und Forderungen nach Auftrittsverbot konfrontiert. Ihnen wird etwa vorgeworfen, Hinterbliebene von Corona-Opfern zu verhöhnen oder gar "rechtsradikale Propaganda" zu betreiben.
Bekannte deutsche Schauspieler sorgen mit ironischer Internetaktion #allesdichtmachen für AufsehenQuelle: www.globallookpress.com © Bernd Weissbrod / dpa

In einem Kommentar des Journalisten Imre Grimm beim RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) heißt es etwa, die Aktion sei "ein Schlag ins Gesicht der erschöpften Pfleger und Ärzte, die seit Monaten auf der letzten Rille laufen". Es sei auch eine "Verhöhnung der Hinterbliebenen von mehr als 70.000 Corona-Toten und derer, die auf Intensivstationen um ihr Leben kämpfen".

Auch beim Kurznachrichtendienst Twitter sorgt der Hashtag #allesdichtmachen für hitzige Debatten und beißende Kritik. So schreibt etwa der Medienjournalist Stefan Niggemeier vom Onlinemagazin uebermedien.de von "ekliger Ironie" und dass dies "der größte Erfolg der 'Querdenker'-Szene bisher" sei. 

Die Kommentare rief eine groß angelegte Internetaktion unter dem Motto #allesdichtmachen hervor. 53 prominente Film- und Fernsehschauspieler wie etwa Ulrich Tukur, Volker Bruch, Meret Becker, Heike Makatsch oder Jan Josef Liefers verbreiteten am Donnerstag bei Instagram und auf der Videoplattform YouTube gleichzeitig ironisch-satirische Clips mit persönlichen Statements zur Corona-Politik der Bundesregierung.

Ulrich Tukur etwa fordert im Video von der Bundesregierung:

"Schließen Sie ausnahmslos jede menschliche Wirkungsstätte und jeden Handelsplatz. Nicht nur Theater, Cafés, Schulen, Fabriken, Buchhandlungen, Knopfläden, nein, auch alle Lebensmittelläden, Wochenmärkte und vor allem auch all die Supermärkte."

Und er fügt hinzu:

"Sind wir erst am Leibe und nicht nur an der Seele verhungert und allesamt mausetot, entziehen wir auch dem Virus und seiner hinterhältigen Mutantenbagage die Lebensgrundlage."

Liefers bedankt sich in seinem Clip mit ironischem Unterton "bei allen Medien unseres Landes, die seit über einem Jahr unermüdlich verantwortungsvoll und mit klarer Haltung dafür sorgen, dass der Alarm genau da bleibt, wo er hingehört, nämlich ganz, ganz oben, und dafür sorgen, dass kein unnötiger, kritischer Disput uns ablenken kann von der Zustimmung zu den sinnvollen und immer angemessenen Maßnahmen unserer Regierung. Wir sollten einfach nur allem zustimmen und tun, was man uns sagt. Nur so kommen wir gut durch die Pandemie." Er schließt mit dem sarkastischen Satz:

"Verzweifeln Sie ruhig, aber zweifeln sie nicht."

Bei Twitter wurden am Donnerstagabend die Hashtags #allesdichtmachen, #niewiederaufmachen und #lockdownfürimmer binnen kurzer Zeit zu den am meisten verwendeten in Deutschland.

Auch unter den Künstlern und Schauspielkollegen gab es Kritik an der Aktion. So schrieb Elyas M'Barek:

"Mit Zynismus ist doch keinem geholfen."

Jeder wolle zur Normalität zurückkehren, und das werde auch passieren. Hans-Jochen Wagner nannte die Aktion peinlich. Er verstehe sie nicht, schrieb der Schauspieler, der an Liefers gerichtet fragte: "Das kann doch nicht Dein Ernst sein." Die Schauspielerin Nora Tschirner warf den Machern der Clips Handeln aus Langeweile und Zynismus vor.

Georg Restle, Moderator des Politmagazins Monitor, verteidigte die Initiative und nannte die Kritik an den Schauspielern "wohlfeil":

"Nicht jeder, der einen neuen Untertanengeist aufs Korn nimmt, ist ein "Querdenker" oder "nimmt Tausende Tote in Kauf".

Welt-Journalist Robin Alexander verwies auf drohende "Berufsverbote" für die Schauspieler:

Es gab aber auch explizit positive Reaktionen. Der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit etwa schrieb auf Twitter, er hätte sich alle 53 Videos angeschaut. Weiter schrieb er:

"Ein Meisterwerk – es sollte uns sehr nachdenklich machen."

Die Corona-Maßnahmen treffen die Kunst- und Kulturszene hart. Laut dem Bundesverband Schauspiel (BFFS) etwa haben viele der Schauspielerinnen und Schauspieler in Deutschland seit März 2020 kaum Einkommen.

Dem Verband zufolge leben zwei Drittel bis drei Viertel von Gastverpflichtungen an Theatern, die aktuell nicht oder kaum arbeiten können. In Deutschland gibt es insgesamt etwa 15.000 bis 20.000 Schauspielerinnen und Schauspieler.

Mittlerweile distanzierten sich die ersten Teilnehmer von der Aktion. Schauspielerin Heike Makatsch zog ihr Video am Freitagmorgen zurück. Auf Instagram schrieb sie: "Ich distanziere mich klar und eindeutig von rechtem Gedankengut und rechten Ideologien. Schon immer. Ohne Frage. Ich erkenne die Gefahr, die von der Corona-Pandemie ausgeht und will niemals das Leid der Opfer und ihrer Angehörigen schmälern und sie womöglich dadurch verletzen. Soll das geschehen sein, so bitte ich um Verzeihung."

In einem Tweet mehrere Stunden nach der Veröffentlichung distanzierte sich Liefers von "Verschwörungstheorien und der Querdenker-Bewegung". "Eine da hinein orakelte, aufkeimende Nähe zu Querdenkern u.ä. weise ich glasklar zurück", schrieb der 56-Jährige. "Es gibt im aktuellen Spektrum des Bundestages auch keine Partei, der ich ferner stehe, als der AfD. Weil wir gerade dabei sind, das gilt auch für Reichsbürger, Verschwörungstheoretiker, Corona-Ignoranten und Aluhüte. Punkt."

Weniger echauffiert als der mediale Mainstream zeigte ich Bundesgesundheitsminister Jens Spahn auf der heutigen Bundespressekonferenz: 

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