Deutschland

Streit um ersten deutschen Raumfahrer Sigmund Jähn: Hallesches Planetarium soll umbenannt werden

Jahrzehntelang trug das Planetarium der Stadt Halle den Namen des ersten Deutschen im Weltraum – Sigmund Jähn. Doch das alte Gebäude musste nach schweren Schäden abgerissen werden. Der Neubau soll nun voraussichtlich nicht diesen Namen behalten.
Streit um ersten deutschen Raumfahrer Sigmund Jähn: Hallesches Planetarium soll umbenannt werdenQuelle: www.globallookpress.com © ESA/via Globallookpress.com

Über drei Jahrzehnte trug das im Jahr 1978 eröffnete Planetarium in Halle den Namen des ersten Deutschen im Weltall, also des Kosmonauten Sigmund Jähn aus der Deutschen Demokratischen Republik. Doch nach großen Schäden infolge von Hochwasser im Jahr 2013 musste das Gebäude komplett abgerissen werden – es war nicht mehr zu retten. An derselben Stelle entsteht ein neues Planetarium, das noch in diesem Jahr eingeweiht werden soll. Nun ist ein Streit unter den Lokalpolitikern der Stadt entbrannt, ob das neue Gebäude den alten Namen fortführen soll. Sogar Politiker auf Landesebene melden sich zu Wort.

Der Kulturausschuss der Stadt behandelte am 3. Februar verschiedene Anträge zu der Thematik und entschied sich letztendlich dafür, das Planetarium zukünftig neutral "Planetarium Halle (Saale)" zu benennen, wie es ursprünglich die Grünen befürwortet hatten. Die CDU ging eigentlich in das Rennen mit einem eigenen Vorschlag (die Astronautin Judith Resnik), zog diesen aber dann zurück. Alternativvorschläge waren, weiterhin am Namen Sigmund Jähn festzuhalten (SPD und Linke), der Astrophysiker Alfred Weigert (AfD) sowie der erste Mensch auf dem Mond, der US-Amerikaner Neil Armstrong (Hauptsache Halle). Die FDP hatte sich sogar dafür ausgesprochen, die Namensrechte an den Höchstbietenden zu verkaufen. Die endgültige Entscheidung wird der Stadtrat treffen.

Katja Müller, die die Partei "Die Linke" im Stadtrat der sachsen-anhaltinischen Gemeinde vertritt, äußerte gegenüber der Mitteldeutschen Zeitung ihre Enttäuschung über die Entscheidung. Es liegen keine Beweise dafür vor, dass der Kosmonaut Jähn durch sein Wirken jemandem direkt geschadet hätte, so Müller. Sie erklärte:

"Die Debatte ist so verkopft und festgefahren. Ich würde mir wirklich wünschen, dass man 30 Jahre nach der Wende die DDR-Vergangenheit differenzierter betrachten kann."

Müller kommentierte die Entscheidung des städtischen Kulturausschusses auch auf Twitter:

Auch die sachsen-anhaltinische Fraktionsvorsitzende der Linken, Eva von Angern, äußerte sich zu der Kontroverse:

"Aus unserer Perspektive ist die Ablehnung der Benennung des neuen Planetariums mit Sigmund Jähn nicht nachvollziehbar, ja sogar ein großer Fehler."

Jähn sei zwar kein DDR-Oppositioneller gewesen, aber "jemand, der als erster deutscher Kosmonaut zweifellos eine große und symbolträchtige Leistung vollbracht hat". Von Angern fuhr fort:

"Er ist das Symbol einer ganzen Generation, die die Wertschätzung seiner Leistung mit ihrer eigenen Biografie verbindet."

Kay Senius, SPD-Kommunalpolitiker, erklärte MDR Kultur, dass es seiner Partei darum gehe, eine persönliche Lebensleistung zu würdigen und diese in den Vordergrund zu stellen. Auch er bekräftigte, dass derzeit keine Beweise vorlägen, durch die man belegen könne, dass Jähn anderen Personen unmittelbaren Schaden hinzugefügt hätte. Das sei aber das Kriterium, anhand dessen man sein Engagement im DDR-System messen müsse. Bereits im Vorfeld der Abstimmungen hatten die beiden Parteien SPD und Linke ihren Antrag geändert, um zu betonen, dass es um eine "kritische Würdigung" Jähns gehe.

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Die CDU-Stadträtin Ulrike Wünscher äußerte sich dagegen vehement gegen die Benennung des neuen Gebäudes nach Jähn. Sie erklärte:

"Wir wollen Jähn nicht demontieren, aber auch nicht auf den Sockel stellen und verklären."

Sie verwies darauf, dass der erste Deutsche im Weltall Mitglied der Nationalen Volksarmee und der regierenden Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands gewesen war.

Auch der DDR-Historiker Stefan Wolle spricht sich gegenüber RT DE dagegen aus, das neue Planetariumsgebäude nach Jähn zu benennen. Dieser habe, insbesondere in der DDR selbst, eine "große Würdigung" erfahren.

"Aber er wurde natürlich dadurch gewissermaßen zum Repräsentanten des DDR-Staates."

Jähn sei in der DDR Gegenstand einer "großen Propagandaoffensive" gewesen.

"Aber auch im Nachhinein, also nach 1989, hat er nie ein kritisches Wort über die DDR verloren."

Es habe bereits in der Vergangenheit ähnliche Debatten zu anderen öffentlichen Personen gegeben, etwa Sportlern, deren Leistungen mach sicherlich würdigen könne, die man aber gleichzeitig als Symbole der untergegangenen DDR empfinde. Wolle sagte, dass er die Leistung Jähns würdige, ihm sei die "unerträgliche Propagandakampagne" aber noch "allzu gut in Erinnerung". Jähn habe sich in diese Propagandakampagne "nahtlos eingefügt" und sie "bewusst mitgetragen". 

"Wenn man sich mit so einem Zwangssystem einlässt, muss man eben auch die Rechnung bezahlen."

Befürworter des Festhaltens an der Benennung nach Jähn argumentieren, dass die Mehrheit der Stadtbewohner diese unterstütze. Bei einer nicht repräsentativen Online-Befragung des MDR sprachen sich 91 Prozent der Teilnehmer dafür aus, dass das Planetarium den alten Namen "Sigmund Jähn" behalten soll.

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