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Aus Protest gegen Corona-Politik: Mathematik-Professor verlässt Leopoldina

Da er nach eigenen Angaben bei der Verbreitung seiner epidemiologischen Arbeiten massiv behindert wurde, verließ der Mathematiker Stephan Luckhaus die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina. In seinen Beiträgen sprach er sich deutlich gegen Lockdowns aus.
Aus Protest gegen Corona-Politik: Mathematik-Professor verlässt LeopoldinaQuelle: www.globallookpress.com © Rolf-Peter Stoffels/www.imago-images.de

Nach fast einem Jahr in der Corona-Krise spaltet sich nicht nur die Gesellschaft, sondern zunehmend auch das Lager der Wissenschaftler. Stephan Luckhaus, Mathematik-Professor an der Universität Leipzig, war bis zum 6. Dezember 2020 Mitglied in der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften. Aus Protest gegen die Corona-Politik, genauer gesagt gegen die Corona-Desinformationspolitik, trat er jedoch aus der Leopoldina aus. Bekannt wurde dies in einem Gastbeitrag, den Luckhaus für die Website des Journalisten Boris Reitschuster schrieb. Nach eigenen Angaben soll der Mathematiker bei der Verbreitung seiner Arbeiten zur mathematischen Epidemiologie der Corona-Gesundheitskrise massiv behindert worden sein.

Seine Arbeiten sollten eigentlich in dem Format NAL-live der Nova Acta Leopoldina (NAL) frei zugänglich gemacht werden. Dieses neue wissenschaftliche Journal der Leopoldina will sich laut Darstellung der Organisation durch Transparenz auszeichnen. In diesem Online-Format sollen Artikel "online kommentiert, diskutiert und fortlaufend aktualisiert werden" und somit ein "Living Dokument" entstehen:

"Durch die ständige Aktualisierung sollen die Texte auch für Politik und Medien eine Informationsgrundlage zum jeweiligen Thema bieten."

Wenn Beiträge jedoch von vornherein als "ungeeignet" abgelehnt werden, kann es mit der versprochenen Transparenz nicht allzu weit her sein. Aus Luckhaus' Gastbeitrag geht der Email-Verkehr zwischen ihm und dem Präsidenten der Leopoldina, den Senatoren der Klasse 1 sowie deren Stellvertretern zu den Ad-hoc-Stellungnahmen der Leopoldina vom 1. Mai 2020 hervor, in der er sie darauf hinweist, dass er seinen Beitrag zur sogenannten Herdenimmunität nun als YouTube-Vorlesung online gestellt hat. Weiterhin weist er darauf hin, dass der Lockdown für die Gesamtbevölkerung im Rückblick falsch war, da man hierdurch eine Immunisierung von Personen von unter 40 Jahren verhindere, deren Mortalität durch das Virus sehr niedrig sei. Er erklärte in der Mail auch, dass man daher mit einer zu geringen Immunisierung in die Wintermonate gehe, in der die Ansteckungsrate "für alle möglichen Grippen, vielleicht auch Corona", höher sei als jetzt.

Im ursprünglichen Beitrag von Luckhaus, der in aktueller Form als "MIS-Preprint" zu finden ist und noch kein Gutachterverfahren durchlaufen hat, erklärt der Mathematiker zunächst die mathematischen Grundlagen der Epidemiologie, die im Wesentlichen auf die wegweisenden Arbeiten des Militärarztes und Statistikers Anderson Gray McKendrick zurückzuführen sind. Mit einem Augenzwinkern weist Luckhaus auch auf die damalige politische Situation hin:

"Wie wir wissen, erfasste kurz nach der Veröffentlichung von McKendricks Artikel kollektiver Wahnsinn fast alle europäischen Regierungen."

"Kaiser Wilhelm kannte keine Parteien mehr und Lord Kitchener rief in London die Mobilmachung in einem Land aus, das vorher keine Wehrpflicht kannte. Alle hätten sie sagen können – in Abwandlung von Kaiser Wilhelm: Wir kennen keine Wissenschaftler mehr, wir kennen nur noch treue Patrioten."

Das aus den Arbeiten McKendricks hervorgegangene SIR-Modell, welches eine Epidemie mit Anfälligen, aber noch nicht Infizierten (susceptible), mit Infizierten (infected) und Verstorbenen sowie mit Genesenen (removed) modelliert und das in zahlreichen Versuchen verifiziert wurde, ist Luckhaus zufolge mittlerweile ein klassischer Ansatz in der mathematischen Beschreibung von Epidemien geworden. Diesem Gedanken zufolge bleibt ein System jedoch nie in einem epidemiologisch instabilen Zustand. Hierdurch ergibt sich rückblickend die Unsinnigkeit des ersten Lockdowns, denn dadurch wird eine Immunisierung der Bevölkerungsgruppen mit niedriger COVID-19-bedingter Mortalität verzögert oder verhindert. Wenn man lange genug im Lockdown bleibe, ändere sich nur die Immunisierungsrate. Falls diese jedoch zu niedrig sei, gebe es eine neue Welle, wie beispielsweise letztes Jahr im August, als die Einschränkungen vorübergehend gelockert wurden, so Luckhaus.

Des Weiteren geht der Mathematiker in seinem Artikel darauf ein, dass ein Großteil der COVID-19-Fälle keinerlei Symptome aufweist. Diese gehe zum Beispiel aus Untersuchungen in Vo, einem italienischen Dorf in Venetien, mit etwa 3.300 Einwohnern hervor und decke sich mit den Abschätzungen auch chinesischer Epidemiologen. Allerdings sei es mit Ausnahme von Inselstaaten wie Island, Taiwan und Singapur nirgends gelungen, große Teile der Bevölkerung anhand von Virus-Tests zu untersuchen.

Durch den Vergleich zwischen der Anzahl laborbestätigter Fälle in Island und Bayern sei er jedoch zu der groben Einschätzung gekommen, dass es in Deutschland eine Dunkelziffer mit etwa dem Faktor 20 zu der Zahl bekanntgewordener Infektionen gebe. Dies würde bedeuten, dass durch nicht entdeckte COVID-19-Fälle etwa zwanzigmal mehr Menschen mit dem Coronavirus infiziert waren als offiziell bekannt wurde. Anhand von Antikörpertests, die in Genf in der Schweiz durchgeführt wurden, sei dies ebenfalls bestätigt worden. Damit wären bis zur Ausweitung der Testkapazitäten im Juni 2020 nur circa fünf Prozent aller tatsächlichen Fälle in Deutschland laborbestätigt. Mit einer Dunkelziffer des 20-Fachen ist aber auch die durch SARS-CoV-2 bedingte Sterblichkeit geringer als angenommen. Für Personen unter 40 Jahren liege die Mortalität nach Angaben von Luckhaus nur noch im Promillebereich. Lediglich für ältere Menschen steige die Sterblichkeit durch SARS-CoV-2 stark an. Damit ist dem Mathematiker zufolge auch die vom Robert Koch-Institut (RKI) angegebene kumulative Todesfallrate von 2 Prozent eher "der Dichtung zuzuordnen".

Man könne sich jedoch leicht davon überzeugen, dass auch im Januar und im März 2018 in der Altersgruppe 60 bis 65 Jahren mehr als 1.450 Menschen an der saisonalen Grippe gestorben sind. Im Gastbeitrag weist Luckhaus darauf hin, dass die Corona-Maßnahmen in Singapur, "einem Polizeistaat, wie er im Buche steht", wohl auch gegen die Grippe helfen:

"Ich persönlich möchte nicht in einem Polizeistaat leben, auch wenn das meine Lebenserwartung um einen Monat erhöht, im Pflegeheim vielleicht sogar um ein Jahr, und das, obwohl die Einwohner von Singapur sicher in ihrem Staat zufrieden sind."

Luckhaus legt auch deutlich dar, dass die COVID-19-Sterblichkeit vor allem ein Phänomen in Alten- und Pflegeheimen sei, in die das Virus in erster Linie durch das Personal eingeschleppt werde. Während im Mai noch 40 Prozent der Todesfälle mit Bezug zu SARS-CoV-2 aus Alten- und Pflegeheimen gemeldet wurden, waren es im Juni und Oktober nur noch 23 Prozent. Dies sei wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass viele Betreiber ihre Mitarbeiter nun regelmäßig testen lassen. Es sei klar, dass man die Anzahl der COVID-19-bedingten Todesfälle mit solchen Maßnahmen um ein Vielfaches senken könne. Dass das regelmäßige Testen vor Altenheimen erst so spät stattfand, sei in seinen Augen jedoch ein Skandal:

"Die Verantwortung für die lange Verzögerung bei der Umsetzung einer solchen Maßnahme in Deutschland liegt eindeutig bei unserem Bundesgesundheitsminister und seiner Prokrastination, die erst eine lange Diskussion darüber ausgelöst haben, wer die PCR-Tests bezahlen muss, und dann eine weitere, ob es ethisch vertretbar ist, Menschen über Antikörpertests wissen zu lassen, ob sie immun sind. Aber auch seine Berater tragen einen Teil der Verantwortung."

Im Artikel habe er sich außerdem bewusst nur zur COVID-19-Sterblichkeit im Sommer geäußert, denn es gebe sogenannte opportunistische Infektionen, bei denen ein vermeintlich harmloser Erreger zusammen mit der Grippe auftrete, sodass es vermehrt zu bakteriellen Lungenentzündungen kommt. Man könne in einem solchen Fall beide Erreger nachweisen und nicht ausschließen, dass SARS-CoV-2 dabei "nur" als "harmloser" Erreger auftritt. Der aus den RKI-Daten derzeitig ersichtliche Anstieg der Todesfälle, in denen der Test auf SARS-CoV-2 positiv war, könnte darauf zurückzuführen sein.

Auch die Impfstoffe, die als vermeintliche Wunderwaffe gegen Corona gehandhabt werden, müssen Luckhaus zufolge kritisch betrachtet werden. Impfungen können, wenn auch selten, zu Komplikationen führen. Daher müsse man sehr viel testen, um sicherzustellen, dass diese Komplikationen in derselben Altersklasse seltener sind als eine Erkrankung mit COVID-19. Es gebe auch das Phänomen einer möglicherweise asymptotischen Infektion mit einer mutierten Variante des Virus. Auch hier müsse sich erst noch zeigen, ob die Impfstoffe wirksam sind.

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