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Kritik an Entlassungsplänen von H&M in Deutschland – besonders Mütter in Elternzeit betroffen

Lockdown und Umstellung auf Online-Handel fordern ihren Tribut. Der Modekonzern H&M beginnt mit Entlassungen von Filialmitarbeitern. Über ein Freiwilligenprogramm sollen besonders junge Mütter zum Abgang bewegt werden. Kritik kommt von Verdi und aus der Politik.
Kritik an Entlassungsplänen von H&M in Deutschland – besonders Mütter in Elternzeit betroffenQuelle: www.globallookpress.com © Bodo Marks / dpa

Der Modekonzern H&M plant einen Stellenabbau in Deutschland. 800 Mitarbeiter sollen entlassen werden – vor allem junge Mütter in Elternzeit, Langzeiterkrankte und Schwerbehinderte. Das berichtete das Online-Magazin Business Insider. Da Angestellte in Elternzeit nach deutschem Arbeitsrecht vor einer Kündigung geschützt sind, bietet das schwedische Unternehmen ein Freiwilligenprogramm an, in dem eine Abfindung an Mitarbeiter gezahlt wird, die freiwillig gehen.

Business Insider berichtete, H&M plane vorrangig, Personal in Filialen einzusparen, die zu wenig Umsatz erwirtschaften. Vor allem sollen die Mitarbeiter entlassen werden, die nicht an den umsatzstarken Abendzeiten und an Samstagen arbeiten können. Dazu hat die Geschäftsleitung dem Gesamtbetriebsrat ein Freiwilligenprogramm vorgeschlagen – ein Abfindungsprogramm für Mitarbeiter, die freiwillig gegen Abfindung kündigen. Im ausformulierten Vorschlag erwähnt die Geschäftsführung explizit Mitarbeiter, die sich noch in Elternzeit befinden, als prädestinierte Gruppe für das Programm – im Fall von H&M zumeist junge Mütter.

Die Betriebsräte bemängeln, dass dies kein Freiwilligenprogramm sei. Auf die Beschäftigten werde Druck ausgeübt zu kündigen, und im Falle einer Weigerung wolle sich die Geschäftsführung "mit diesem Schachzug einen Freibrief für die neue Entlassungswelle holen". Bereits im Jahr 2018 hatte H&M etwa 3.000 Mitarbeiter in Deutschland entlassen. Eine anonyme Betriebsrätin äußert im Gespräch mit Business Insider:

"Das, was H&M macht, ist kein Freiwilligenprogramm. Die Mitarbeiterinnen werden direkt in den Filialen unter Druck gesetzt zu unterschreiben. H&M versucht, so auf billige Art und Weise die Kolleginnen aus dem Unternehmen zu kriegen."

Junge Mütter, Langzeiterkrankte und Schwerbehinderte auf der Streichliste

H&M selbst dementiert die Vorwürfe explizit junge Mütter entlassen zu wollen. Das Freiwilligenprogramm richte sich "an alle Kolleg*innen aus unterschiedlichen Beschäftigungsverhältnissen". Sie könnten sich freiwillig für das Programm entscheiden. Damit wolle man betriebsbedingte Kündigungen vermeiden.

Gleichzeitig gab die H&M-Geschäftsführung zu, dass sie einen umfangreichen Stellenabbau in Deutschland plane. Sie habe "notwendige schrittweise Maßnahmen" ergriffen, um "möglichst viele Arbeitsplätze langfristig zu sichern".

"Deshalb steht H&M Deutschland derzeit im Dialog mit den zuständigen Mitbestimmungsgremien über den Abbau von 800 Stellen in den H&M Geschäften, dies entspricht rund fünf Prozent aller Kolleg*innen von H&M in Deutschland."

Business Insider hält das Dementi der H&M-Geschäftsführung hinsichtlich der bevorzugten Rolle von Mitarbeitern in Elternzeit in dem Freiwilligenprogramm nicht für stichhaltig. In einem Beitrag vom 28. Januar veröffentlichen sie Teiles des ausformulierten Vorschlags der H&M-Geschäftsführung. Darin werden explizit "Mitarbeiter in Elternzeit" benannt. Zudem werden "langzeiterkrankte Mitarbeiter" und das auch durch ihr Ausscheiden einzusparende Stundenvolumen aufgeführt. Außerdem werden "Schwerbehinderte" erwähnt. Diese dürften im Falle einer freiwilligen Kündigung eine zusätzliche Abfindung von 2.500 Euro beziehen. Ebenfalls genannt werden Mitarbeiter, die "weniger Samstage arbeiten, als nach den Regelungen des anwendbaren Tarifvertrages möglich wäre".

Eine Betriebsrätin einer betroffenen Filiale äußert sich empört:

"Es sind hauptsächlich unsere 'Muttis' betroffen, wie wir sie nennen, aber auch Schwerbehinderte. Diese Gruppen sind in den Arbeitszeiten nicht so flexibel. Wir haben viele Alleinerziehende in der Belegschaft. Sie können weder spät abends noch am Wochenende arbeiten, weil sie auf die Kinder aufpassen müssen. In meiner Filiale sind konkret acht bis zehn Kolleginnen betroffen."

Kritik von Verdi und aus der Politik

Die Gewerkschaft Verdi kritisiert das Vorgehen der H&M-Geschäftsführung. Mit dem Freiwilligenprogramm werde "Betroffenen die Pistole auf die Brust gesetzt". Das sei besonders skandalös, weil zu den Betroffenen "vor allem junge Mütter" gehören, und zwar, "weil sie in ausgeweiteten Arbeitszeiten nicht oder nur schwer einsetzbar sind".

Cosimo-Damiano Quinto, Gewerkschaftssekretär der Verdi-Bundesfachgruppe Einzelhandel, äußert gegenüber Business Insider:

"Im Grundgesetz heißt es klipp und klar: Jede Mutter hat Anspruch auf den Schutz und die Fürsorge der Gemeinschaft. Eigentum verpflichtet daher auch Unternehmen wie H&M, Frauen in Elternzeit und berufstätigen Müttern familienfreundliche Arbeitszeiten zu ermöglichen, anstatt ihre Doppelbelastung als Schwäche auszunutzen und sie zu versuchen auf die Straße zu setzen."

Ähnlich fallen die Beurteilungen aus der Politik aus. Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD im Bundestag Katja Mast nennt das Verhalten des Modekonzerns "schäbig und inakzeptabel". Dahinter stecke "ein befremdliches Frauen- und Familienbild". Für Ekin Deligöz, Sprecherin für Familienpolitik der grünen Bundestagsfraktion, ist das Vorgehen von H&M "skandalös" und ein "Armutszeugnis" – insbesondere, da H&M "gezielt Familien und als Kundschaft anspricht und sich mit T-Shirts mit der Aufschrift 'Feminist' schmückt".

Die Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag Amira Mohamed Ali prangert das H&M-Management deutlich an:

"Das Verhalten des H&M-Managements ist indiskutabel, skrupellos und ohne jede soziale Verantwortung für die eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Eine solche Unternehmenspolitik muss öffentlich angeprangert werden. Es ist das Versagen der Bundesregierung, dass diese Kündigungswelle, die vor allem Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Elternzeit betreffen wird, überhaupt möglich ist."

Einfluss des Lockdowns

Die drohenden Entlassungen sind auch eine Folge von Lockdown und erzwungenen Schließungen der Filialen. H&M setzt traditionell auf den Verkauf vor Ort in den Filialen. Erst 2018 orientierte das Unternehmen mehr auf den Online-Handel – Jahre später als die Konkurrenz wie etwa Zalando, Inditex oder About You. Ohne Verkaufsmöglichkeiten vor Ort gingen die Umsätze von H&M im vergangenen Jahr um knapp 20 Prozent zurück.

Mit der Problematik steht H&M nicht allein. Andere Modeketten wie etwa Esprit oder Adler haben bereits Insolvenz angemeldet. Weitere könnten folgen. Am 28. Januar meldete die Parfümeriekette Douglas, dass die jede siebte Filiale in Deutschland schließen werde – insgesamt 60 von den 430 Douglas-Filialen. Dadurch werden etwa 600 Beschäftigte ihren Arbeitsplatz verlieren. Europaweit schließt Douglas sogar mehr als jede fünfte Filiale – insgesamt rund 500 der bislang 2.400 Parfümerien. Betroffen sind rund 2.500 der 20.000 Douglas-Mitarbeiter, vor allem in Italien und Spanien. Der Hintergrund ist ähnlich wie bei H&M: Durch die Umstellung auf den Online-Handel werden Arbeitskräfte in den Filialen überflüssig, zumal wenn die Filialen im Lockdown geschlossen bleiben müssen.

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