Deutschland

Tschetschenen in der Berliner Unterwelt (Teil 2)

Bisher war der Fokus der Öffentlichkeit oft auf kriminelle Clans arabischer Großfamilien in Berlin gerichtet, die ihren Reichtum auch gerne noch öffentlich zur Schau stellen. Doch abseits des Rampenlichts wuchs eine weitere Struktur in der Berliner Unterwelt.
Tschetschenen in der Berliner Unterwelt (Teil 2)Quelle: www.globallookpress.com © imago stock&people

von Daniel Lange

(Teil 1 finden Sie hier)

Tschetschenische Salafisten in Deutschland

In das "Fadenkreuz" deutscher Behörden gerieten Personengruppen aus Tschetschenien nicht allein durch die von ihnen begangenen Straftaten, sondern auch durch ihren religiösen Extremismus. Der breiten Öffentlichkeit ist vermutlich nicht bekannt, dass die salafistische Szene in Deutschland bereits seit einigen Jahren von tschetschenischen Islamisten dominiert wird.

In mehreren Berichten der Landesämter für Verfassungsschutz wird ganz besonders auf die gefährliche Tätergruppe aus Tschetschenien eingegangen. Im Bericht des Brandenburger Verfassungsschutzes heißt es im Jahr 2017, dass "der islamische Extremismus in Brandenburg vorwiegend durch Migranten aus dem Nordkaukasus geprägt" sei. Die Sicherheitsbehörden könnten nicht ausschließen, dass gerade von  "dschihadistischen Tschetschenen die Bereitschaft ausginge, schwerste Straftaten auch in Deutschland zu begehen".

Dass sich der radikale Islam nach dem Zerfall der Sowjetunion in Tschetschenien so festigen konnte und so viele extremistische Anhänger fand, hängt in einer gewissen Weise auch mit den Clan-Strukturen im Nordkaukasus zusammen. Als die alte Ordnung wegbrach, griffen sehr schnell die althergebrachten sozialen Regeln der Großfamilien – und damit auch das Recht des Stärkeren. Viele Angehörige der kleineren und unterlegenen Clans sammelten sich beim puristischen Islam. Nach dem Vorbild der islamischen Urgemeinde predigen die Salafisten soziale Gleichheit und eine gerechte Gesellschaft. Neben der Tatsache, dass der Anschluss an eine Gemeinschaft für viele kleine nordkaukasische Familienverbände notwendig wurde, um nicht völlig schutzlos zu sein, sprach diese Propaganda eben genau diejenigen unter den Tschetschenen an, die unter dem Verfall sozialer Regeln und der Rückkehr des buchstäblichen Faustrechts am meisten litten. 

In Tschetschenien sorgte der Zusammenschluss kleinerer Clans zu islamischen Gesellschaften, sogenannten Dschamaats, für massive Spannung und Auseinandersetzungen mit der größtenteils dem gemäßigtem Sufi-Islam zugehörigen Bevölkerung. Die Salafisten gingen nun massiv gegen die herrschenden Clans im Land vor, was zu erheblichen Auseinandersetzungen führte. Zwar waren die religiösen Radikalen zahlenmäßig unterlegen, dafür jedoch hochmotiviert und sogar aus dem Ausland finanziert. Viele der wohlhabenden Clans verließen geschlossen den Kaukasus und gelangten als Flüchtlinge nach Mitteleuropa. 

In Tschetschenien, wo bis heute in vielen Regionen die Scharia praktiziert wird, hatten Islamisten im Jahr 2007 das Nordkaukasische Emirat ausgerufen. Daraus resultierend schlossen sich Tausende radikaler Tschetschenen ab 2015 dem IS als Kämpfer an. Fast zur selben Zeit wurde in Deutschland eine vollständige Grenzöffnung vollzogen und so kamen ohne jeglichen Identitätsnachweis auch Hunderte radikaler Islamisten aus Tschetschenien nach Deutschland. Darunter waren auch Personen aus der terroristischen Islamistenszene, die in Russland per Haftbefehl gesucht werden.

Nach Einschätzung des Verfassungsschutzes geht eine besondere Gefahr von rund 500 radikalen Islamisten aus der Nordkaukasus- Region aus, die sich in Deutschland aufhalten sollen. Es handele sich nach der Auffassung des Verfassungsschutzes wohl um sehr konservative, radikale und dazu sehr gut vernetzte Personen, allesamt kampferprobte Teilnehmer sowohl der Tschetschenienkriege als auch der Kampfhandlungen im Irak und in Syrien.

Von Mitte der 1990er Jahre bis heute kamen rund 40.000 Menschen aus dem Nordkaukasus nach Deutschland. Während der Flüchtlingskrise versuchten in den letzten Jahren Tschetschenen noch verstärkt, ins Land zu kommen, um hier einen Asylstatus zu erhalten. Seit 2013 gaben sämtliche aus Tschetschenien nach Deutschland eingereisten Personen an, in ihrer Heimat verfolgt zu werden.

Nach Ansicht der deutschen Behörden besteht jedoch kein ausreichender Asylgrund. Grundsätzlich sei man der Auffassung, dass "für Personen tschetschenischer Herkunft, die verfolgt werden, ausreichender Schutz in der Russischen Föderation bestünde". In der Durchführung der beantragten Asylverfahren erhielten zwischen 2013 und 2015 somit lediglich 1.554 russische Staatsbürger tschetschenischer Herkunft eine Aufenthaltserlaubnis in Deutschland – aus "persönlichen Gründen".

Trotzdem gestaltet sich die Realisierung von Abschiebungen der als gefährlich eingestuften Personengruppe schwierig: Entweder sie gehen im Wirrwarr von Zuständigkeitsbereichen der Behörden schlichtweg unter oder sie werden durch langjährige juristische Ein- und Widerspruchsverfahren der abgelehnten Asylbewerber möglichst bis zur gänzlichen Hinfälligkeit hinausgezögert. Nach dem Dublin-Abkommen müssten Asylantragsteller eigentlich in Erstaufnahmeeinrichtungen jenes EU- Landes, über das sie zuerst in die Europäische Union einreisten. Im Falle vieler tschetschenischer Flüchtlinge müsste das auf dem Landweg wohl geographisch Polen sein. Trotz dieser ganz offensichtlichen Nachlässigkeit deutscher Behörden bei der Überprüfung der Angaben von Flüchtlingen wurden in den letzten Jahren nur sehr wenige angelehnte Asylbewerber, die aus Tschetschenien nach Deutschland kamen, wieder nach Russland abgeschoben oder zumindest an die polnischen Behörden übergeben.

Die Gemeinschaft radikaler Islamisten aus dem Nordkaukasus, die in Deutschland leben, wächst ständig weiter an. Eine besondere Entwicklung sehen die Behörden bei jungen Tschetschenen, die sich erst hierzulande radikalisieren lassen und damit in salafistische Parallelgesellschaften abgleiten. In anderen Fällen sind tschetschenische Männer in deutschen Erstannahmestellen für Flüchtlinge als besonders aggressiv aufgefallen.

Angriffe auf Christen in Berlin

2016 kam es in einer Einrichtung in Berlin- Mariendorf aufeinanderfolgend zu mehreren Vorfällen, die schon damals zeigten, welche massive Gewalt von Radikalen aus dem Nordkaukasus ausgehen kann. Etwa 100 muslimische Tschetschenen griffen aus einer verbalen Streitigkeit heraus syrische Christen an, mit denen sie gemeinsam in dem Gebäudekomplex im Süden Berlins untergebracht waren. 30 Flüchtlinge aus Syrien, die mit ihren Familien im Heim an der Marienfelder Allee lebten, wurden über den Verlauf des Tages immer wieder attackiert. Fünf Personen mussten in der Nacht im Krankenhaus stationär behandelt werden. Neben der körperlichen Gewalt wurden die syrischen Familien massiv bedroht.

Die Tschetschenen sollen den aus Syrien Geflüchteten gegenüber erklärt haben, sie hätten schließlich in Syrien am Dschihad teilgenommen und würden die Christen auch hier in Deutschland bekämpfen. Die Syrer, denen in dieser Situation klar wurde, dass sie erneut – jetzt in Deutschland – von jener Personengruppe bedroht werden, vor der sie eigentlich aus ihrer Heimat geflohen waren, verließen das Wohnheim und suchten Schutz in der Kirche St. Laurentius in Berlin-Tiergarten. Aus Angst vor weiteren Angriffen der Gruppe von Tschetschenen weigerten sie sich in die Flüchtlingsunterkunft zurückzukehren.

Schon damals, 2016, griff die Heimleitung auf ein Mittel zu, das auch im aktuellen Fall – dem so genannten drohenden Clan-Krieg in Berlin – zu einer Entspannung der Situation führte: Das sogenannte "Friedensgespräch", geleitet durch einen in der jeweiligen Parallelgesellschaft akzeptierten Streitschlichter oder "Friedensrichter" aus den eigenen Reihen. Mit dem Einschalten von angesehenen Mitgliedern der Tschetschenischen Gemeinde in Deutschland gelang es, die Situation zu beruhigen und weitere Gewalttaten zu verhindern.

Die Arbeit der sogenannten "Friedensrichter" wurde in den letzten Jahren immer wieder stark kritisiert, weist sie doch deutlicher als alle anderen Indizien darauf hin, wie abgeschottet sich hierzulande diese Parallelgesellschaften, ungeachtet sämtlicher Prinzipien des Rechtsstaates, entwickelt haben und völlig nach ihren eigenen Regeln und ihrer eigenen Gesetzgebung zu leben scheinen.

Der Angriff in Neukölln

Auch im aktuellen Fall – dem zunächst drohenden und hoffentlich doch noch abgewendeten Clankrieg zwischen arabischen und tschetschenischen Familienverbänden – sorgte für eine Schlichtung des Konfliktes wieder eine Art "Friedensrichter", der von beiden Parteien geachtet wird. Der war in den letzten Tagen eskaliert und zeigte damit erneut, wie gefährlich und entschlossen Kriminelle aus dem Nordkaukasus mitten in der deutschen Hauptstadt agieren.

Eine maßgebliche Rolle soll bei diesen internen Friedensverhandlungen auch der syrischstämmige Profiboxer Manuel Charr gespielt haben.
Er war es auch, der ein Foto des Treffens zwischen Vertretern der tschetschenischen und der "arabischen" Delegation in den sozialen Netzwerken postete und damit die laufende Diskussionen über die Parallelwelten der kriminellen Clans anfeuerte.

Mittlerweile hat die Berliner Polizei ihre Untersuchungen in dem Fall intensiviert und die Ermittlungsgruppe "Hammer" gegründet.
Fest steht, dass aus bisher ungeklärtem Anlass zirka 30 teils vermummte Personen einen Spätverkauf in Berlin-Neukölln stürmten und mehrere Personen teils schwer verletzten. Wenige Stunden später wurden im Berliner Norden mehrere Personen mit Schlagstöcken und Messern von einer Gruppe – laut Zeugenaussagen von arabisch sprechenden Männern – angegriffen und schwer verletzt.

Am Folgetag gingen die Auseinandersetzungen zwischen den Gruppen noch weiter. Videoaufnahmen aus Überwachungskameras sollen zeigen, wie einem am Boden liegenden Mann mit einem Messer in den Rücken gestochen wird. Das Opfer ist ein 43 Jahre alter Tschetschene. Bei einer darauffolgenden Attacke – wieder durch eine als "arabisch sprechend" beschriebene Personengruppe – wurde ein 34-jähriger russischer Staatsbürger lebensgefährlich verletzt.

Die Attacken wurden von beiden Seiten mit erschreckender Brutalität und Skrupellosigkeit geführt. Es grenzt an eine Wunder, dass es bei diesen jüngsten Auseinandersetzungen in der Berliner Unterwelt nicht zu Todesfällen gekommen ist. Wesentlich für die Berliner Strafverfolgungsbehörden ist zu erfahren, was den Streit zwischen den beiden kriminellen Gruppen überhaupt ausgelöst hatte. Die Polizei geht von verschiedenen Szenarien aus, die zur Eskalation geführt haben könnten. Bei Konflikten zwischen den beiden Gruppierungen in der Vergangenheit, bei denen die Polizei auch eher nur durch Zufall zu Erkenntnissen gelangte, soll es oft um die "Ehre" und auch um den "Propheten" gegangen sein. Ob es bei den Streitanlässen um religiöse Meinungsverschiedenheiten ging oder ob es um die in beiden Gesellschaften als sehr hoch bewertete "Ehre" ging, konnte bei keinem der Fälle abschließend geklärt werden.

Auch jetzt – bei dem Überfall auf einen Neuköllner Spätverkauf vor einigen Tagen – wissen die Behörden nicht genau, was die Eskalation und alle folgenden Taten ausgelöst hat. Eine Tatsache ist, dass der ganz gezielt attackierte Spätverkauf der deutsch-arabischen Großfamilie Remmo zugerechnet wird. Das Haus, in dem sich das durchgehend geöffnete Geschäft befindet, gehört zu den mehr als 70 Immobilien, die von den Berliner Behörden im Jahr 2018 aus dem Besitz der als Clan bezeichneten Familie sichergestellt wurden.
Die Strafverfolger gehen davon aus, dass die Immobilienkäufe der Familie ausschließlich mit Geldern getätigt wurden, die aus Straftaten herrührten. Der Angriff der tschetschnischen Bande fand somit direkt im Hoheitsgebiet des Remmo-Clans statt – quasi "in den eigenen vier Wänden" der berüchtigten Großfamilie.

Neben Familienmitgliedern der Abou-Chaker-Familie gerieten auch Angehörige der Remmos immer wieder in die Schlagzeilen und sorgten mit spektakulären Einbrüchen, Überfällen und Bankrauben für bundesweite Aufmerksamkeit.

Wertvolle Gangster-Rapper

Auch wenn der eingangs als eher überbewertet beschriebene Prozess gegen einige Abou-Chaker-Brüder – mit dem Rapper Bushido als Belastungszeugen – kein wirklicher "Schlag gegen die Clans" ist, gibt es einige Aspekte, die Ähnlichkeiten zum aktuellen Fall des drohenden "Clankriegs" zwischen Arabern und Tschetschenen aufweisen. In deren Folge gibt es durchaus Anzeichen, dass es eventuell doch nicht "nur" um Revierstreitigkeiten oder die Vorherrschaft in einem kriminellen Bereich geht.

Seit einigen Jahren spielen einige Angehörige arabischer Großfamilien eine ganz besondere Rolle in der deutschen Hip-Hop- Szene. Im erwähnten Prozess mit dem erfolgreichen Musiker Bushido als Zeuge gegen Angehörige einer Großfamilie wird deutlich, wie sich die kriminellen Clans in der deutschen Musikszene etabliert haben und dort nicht nur die Rolle der "Bewacher" einzelner prominenter Musiker einnehmen, sondern auch erpresserisch am finanziellen Erfolg der Rapper mitverdienen wollen.

Im Falle des Prozesses gegen die Familienmitglieder der Abou-Chaker malt der Rapper von sich das Bild als Erpressungs-Opfer, das große Teile seines Geldes und sogar seine Rechte an musikalischen Werken an seinen früheren Geschäftspartner Arafat überschreiben musste.
So behauptet es zur Verwunderung des Gerichts der Berliner Rapper heute, der sich in den vergangenen Jahren und während seiner Partnerschaft mit Arafat Abou-Chaker eher gerade über diese Beziehung zu seinem "Freund und Partner" profilierte, als den Eindruck zu vermitteln, dass er unter der Beziehung leiden musste und durchgehend Straftaten ausgesetzt gewesen wäre.

In diesem Zusammenhang jedoch kommen wenn auch in einem anderen Fall, so dennoch vergleichbar – erneut auch Tschetschenen ins Spiel. Der erfolgreiche Rapper Capital Bra mit russischen Wurzeln gehört derzeit zu den kommerziell erfolgreichsten Musikern der letzten Jahre: Mit 13 Nummer-eins- Hits in den letzten zwei Jahren in den deutschen Charts. Der junge Mann – aufgewachsen in Berlin-Hohenschönhausen – war am Anfang seiner Karriere unter Vertrag beim Plattenlabel "Ersguterjunge GmbH", dessen Besitzer damals Bushido (zusammen mit seinem damaligen Partner Arafat Abou-Chaker) war.

Am Beispiel von Bushido schien dem kriminellen Milieu klar zu werden, wie lohnenswert es sein kann, wenn man einen der sehr gut verdienenden Deutsch- Rapper unter die "Fittiche nimmt" und so kräftig an dessen Einnahmen mitverdient.
Doch nicht nur die Möglichkeit, sich an den Einnahmen aus Verkäufen und Konzerten zu beteiligen, ist für kriminelle Clans verlockend, sondern auch der Umstand, dass sich über solche Künstler und deren Musikproduktionen auch leicht Geld waschen lässt, das aus ganz anderen, eben kriminellen Geschäften stammt. In der deutschen Hip-Hop- Szene gehen schon lange Gerüchte um, dass kriminelle Clans ganz bewusst die Karrieren von Musikern aus dem Rap-Bereich pushen und deren Karrieren ganz massiv "unterstützen", im Klartext: manipulieren. Der Nebeneffekt von der Geldwäsche durch CD-Verkäufe ist, dass mit den verbundenen hohen Verkaufszahlen auch noch der Marktwert des jeweiligen Künstlers immens steigt und sich die Investitionen für die Clans langfristig somit doppelt auszahlen.
Über Manipulationen derartiger Verkaufszahlen oder auch der Chart-Positionierungen einzelner Künstler wird mittlerweile in der deutschen Hip-Hop-Szene immer häufiger auch laut gesprochen. Jedoch konnte noch niemals im Einzelfall bewiesen werden, dass die teils sehr präsenten Clan-Mitglieder, teils mittlerweile selbst zu Prominenten geworden, über die Musiker illegal erlangtes Geld waschen und über die Künstler wiederum in legale Geschäfte reinvestieren.
Auffällig ist das besondere Interesse der Clans an der deutschen Rapper-Szene jedoch auf jeden Fall.

Bisher traten immer nur arabischstämmige Clan-Mitglieder im Umfeld der Stars auf. Vor einigen Monaten änderte sich dieses Phänomen jedoch. Zunächst forderten mehrere arabische Clans von dem mittlerweile sehr vermögenden Rapper Capital Bra Schutzgeld. Es ging wohl um Forderungen von über einer halben Million Euro. Die Zahlung sollte erfolgen, weil angeblich Mitglieder aus dem arabischen Clan-Umfeld den Rapper unterstützt haben wollen, um ihn aus einer verfahrenen Vertragssituation herauszuholen.

Aber anders als erwartet zahlte der russischstämmige Rapper keinen Cent an die Mitglieder der arabischen Großfamilie, die sich für ihr Vorhaben, Capital Bra zu erpressen, auch die Unterstützung der berüchtigten Familie Remmo holte.

Da an den Musiker aber kein Herankommen war, wandten sich die arabischen Clans wohl an einen befreundeten, in Berlin agierenden Clan aus dem Nordkaukasus. Der sollte den Künstler massiv bedrohen und erpressen. Aber bevor die ganze Situation eskalieren konnte, wandte sich Capital Bra (mit bürgerlichem Namen Wladislaw Balowazki) an das Landeskriminalamt, das daraufhin die Ermittlungen aufnahm und die Verstrickungen der verschiedenen Clans und die Rolle der Tschetschenen dabei aufdecken konnte.

Dieser Fall zeigt ganz deutlich, dass es durchaus Verbindungen wie auch Rivalitäten zwischen diversen kriminellen Großfamilien gibt und es nicht immer nur um Gebietsansprüche oder um die Vorherrschaft in einem bestimmten kriminellen Sektor gehen muss. Wie der Prozess im Berliner Landgericht zeigt, besteht offenbar ein großes Interesse des Clan-Milieus, "die Hand" über die erfolgreichen deutschen Rap-Stars halten zu können. Und auch in diesem Bereich versuchen offenbar die tschetschenischen Clans jetzt mitzumischen.

Es ist nicht auszuschließen, dass es im Zuge eines solchen Interessenkonflikts zu den aktuellen Attacken gekommen ist. Durch das massive Vorgehen der Berliner Polizei gegen die Clan-Strukturen in der Hauptstadt sind die Familien – allen voran der Remmo-Clan – in jüngster Zeit stärker unter Druck geraten. Zusätzlich erschweren die zwei kurzfristig aufeinanderfolgenden Lockdowns und die Schließung von gastronomischen Betrieben die Möglichkeit, die zum Beispiel aus dem Drogenhandel in der Stadt stammenden Gelder waschen zu können.

Ständige Razzien, immer häufigere Kontrollen und die häufigere Einziehung von Wertsachen und Immobilien setzen die kriminelle Szene durchaus unter Druck. In einer solch angespannten Situation ist es nicht unwahrscheinlich, dass die etablierten arabischen Clans versuchen, neue Kooperationen einzugehen und solche Netzwerke zu nutzen, die von den Strafverfolgungsbehörden noch nicht aufgedeckt oder aufgelöst wurden oder bereits unter Dauerbeobachtung stehen.
Die Diskussion um das stattgefunden "Friedensgespräch" zwischen arabischen und tschetschenischen Kriminellen unter Leitung des prominenten Boxprofis Manuel Charr ist angebracht und angefacht worden – so wie jedes Mal, wenn sich in Deutschland eine Parallelgesellschaft so öffentlich präsentiert und damit deutlich macht, dass sie nach ihren eigenen Regeln und Gesetzen hier zu leben gedenkt.

Und doch hat Deutschland über Jahre die Entstehung solcher in sich geschlossenen Gesellschaften weitestgehend ignoriert und einfach geduldet. Ein Clan-Krieg zwischen zwei solch gewaltbereiten Familienverbänden führt über kurz oder lang unweigerlich zu Schwerverletzten und sehr wahrscheinlich auch zu Toten. Wie lange "der Frieden" dann eventuell anhält, kann niemand sagen. Lange jedoch wird es nicht ruhig bleiben. Die Tschetschenen drängen wohl mittlerweile auch in Berlin unaufhaltsam an die Spitze der Unterwelt.

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