Gesellschaft

"Plötzlich arm, plötzlich reich" – Traumatisierte Kinder für SAT.1-Quote?

Die Auswüchse des Reality-Trends im deutschen Fernsehen haben einen traurigen Höhepunkt erreicht. Ein Promi-Teilnehmer der Sendung "Plötzlich arm, plötzlich reich" ging mit schockierenden Details über die Zustände am Dreh an die Öffentlichkeit.

Der Partysänger Ikke Hüftgold aka Matthias Distel ist bekannt für gute Laune und Stimmung. Ohne Hintergedanken hat er sich bei dem Format "Plötzlich arm, plötzlich reich" angemeldet.

Das von der Firma ImagoTV produzierte Format bedient ein bekanntes Rezept in der Reality-TV-Sparte. Zwei Familien tauschen von Kameras begleitet für eine Woche ihr Lebensumfeld und ihr Einkommen. 

Wie bei solchen Formaten üblich wurden die Teilnehmer gecastet und ihr Hintergrund überprüft. Den Teilnehmern winkt, so Distel, eine stattliche Summe als Aufwandsentschädigung.

Distel, der den Dreh nach wenigen Tagen abbrach, spricht auf Instagram von ungeheuren Zuständen bei der Tauschfamilie, die mit Wissen der ImagoTV und SAT.1 geduldet wurden, um den Dreh nicht zu gefährden.

Bereits kurz nach dem Einzug in das Tauschfamilienheim kommen Distel starke moralische Bedenken. Bis zum Zeitpunkt des Einzuges wusste Distels Familie nur, dass die Tauschfamilie arm sei und mehrere Kinder habe. Nach zehn Minuten konnten die Distels ihr Tränen angesichts der Zustände nicht mehr zurückhalten. Auch die zuständige Redakteurin weinte. Aus Rücksichtnahme verzichtet Distel auf Details, kann es aber nicht fassen, dass vier Kinder unter solchen Umständen leben sollten.

Nach einer Stunde wurden die Kameras ausgeschaltet und Distel begann, kritische Fragen zu stellen. Die Redakteurin wiegelte erst ab, wurde aber zunehmend nervös. Schnell wird klar, dass die jungen Kinder der Tauschfamilie wohl kaum für ein solches Format geeignet seien. Der Vorwurf der Kindeswohlgefährdung steht im Raum.

Laut eines Kalenders befinden sich die Mutter und die zwei jüngsten Kinder von acht und neun Jahren in psychologischer Behandlung. 

"Geschichte in ein Happy End drehen" 

Als Distel konkret nach dem Grund der Behandlung fragte, weicht die verantwortliche Redakteurin aus und spricht davon, die Teilnahme sei mit der Familienhilfe abgeklärt worden. Distel behauptet, nach seinen Informationen sei die Familienhilfe nie zurate gezogen worden. 

Nach zwei weiteren Drehtagen, die durch schlechte Gemütslagen seitens der Distels und Nervosität seitens des Drehteams geprägt waren, wurde Distel aufgefordert, seine Stimmung "ins Positive zu drehen, damit die Geschichte in ein Happy End gedreht werden konnte".

Distel wurde zu Verstehen gegeben, dass die Tauschfamilie sich wohlfühle. Er wurde auf ein Gespräch mit der besten Freundin der Mutter vertröstet, die "seine Sorgen und Ängste in Sachen Kindeswohl nehmen könne". 

Doch das Gegenteil war der Fall: Die Freundin enthüllte, dass die Kinder der Tauschfamilie durch ihren leiblichen Vater schweren Misshandlungen ausgesetzt waren. Darauf brach Distel die Dreharbeiten sofort ab.

Distel fragte die verantwortliche Redakteurin, ob das Team noch "alle Tassen im Schrank" habe, denn allen Verantwortlichen schien klar gewesen zu sein, dass es sich um traumatisierte Kinder handelt. Auch die Geschäftsführung von ImagoTV, Andrea Schönhuber, musste nach Aussagen Distels diese Information gehabt haben.

Distel setzte sich daraufhin mit den Redakteuren des anderen Teams in Verbindung. An dieser Stelle im Video bricht Distels Stimme, er ringt mit der Fassung. Man erzählt Distel, ein Junge habe seinen Kopf gegen eine Wand geschlagen, um sich zu verletzen. Auf dem Weg zum Außendreh kotete er sich ein. Sein Bruder stand auf dem Balkon und schrie, dass er sich jetzt umbringen würde. 

"Laufende Produktion nicht gefährden"

Die Verantwortlichen hatten die Geschäftsführung wiederholt über die Umstände informiert. Laut Distel wurden sie jedoch angehalten, die "laufende Produktion nicht zu gefährden" und den Dreh fortzuführen.

Distel setzte sich jetzt mit dem ältesten Sohn der Tauschfamilie in Verbindung, der an den Dreharbeiten nicht teilnehmen wollte. Die Stuhlinkontinenz des jüngeren Bruders komme wohl durch die Misshandlungen des leiblichen Vaters. Durch wiederholte Tritte und Schläge habe das Kind auch eine dauerhafte Rückenverletzung. Weiterhin behauptete der älteste Sohn, die Kinder seien zudem Opfer einer Entführung gewesen, was jedoch unbestätigt sei.

Distel verzichtet sichtlich angegriffen auf die Preisgabe weitere Details. In zwei E-Mails an SAT.1 und ImagoTV beschwerte sich Distel über die menschenverachtende Herangehensweise der Verantwortlichen.

Der Sänger bereitet sich jetzt auf einen Prozess vor, denn laut Vertrag ist er unter Androhung einer Geldstrafe zur Verschwiegenheit über den Dreh verpflichtet worden. Gleichzeitig will er selbst Strafanzeige gegen ImagoTV und SAT.1 stellen.  

Medien und Presse ruft Distel auf, sich stärker auf das Thema "Kindeswohl" zu fokussieren, als die traumatisierte Familie mit Fragen zu bedrängen.

SAT.1 reagierte mit folgender Nachricht auf die Vorwürfe von Distel:

Kurz darauf meldete sich Distel erneut zu Wort und warf SAT.1 vor, dass auch dieses Statement unwahr sei.  

RT DE hat SAT.1 und ImagoTV zu den Vorwürfen um Stellungnahme gebeten. Eine Reaktion steht noch aus.

ImagoTV produzierte unter anderen "Goodbye Deutschland" und präsentiert sich selbst auf seiner Website als "innovativ, unterhaltsam, nah dran, authentisch" und schmückt sich mit dem Deutschen Fernsehpreis sowie einer Nominierung für den Grimme-Preis. "Plötzlich arm, plötzlich reich" ist auf dem Bezahlkanal Joyn erhältlich und läuft momentan in der zweiten Staffel.

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