Europa

Vor 23 Jahren begann der NATO-Krieg gegen Jugoslawien

Am Abend des 24. März 1999 bombardierten die USA und ihre NATO-Verbündeten zum ersten Mal Belgrad und andere serbische Städte. Der Krieg kehrte nach Europa zurück. Wir blicken auf die heute fast vergessene Zeitenwende zurück.
Vor 23 Jahren begann der NATO-Krieg gegen JugoslawienQuelle: Gettyimages.ru © Yannis Kontos

"Es begann mit einer Lüge" lautet der Titel einer erstmals 2001 ausgestrahlten ARD-Dokumentation, entstanden in einer Zeit, als es im deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunk noch machtkritischen Journalismus gab. Der Film ist ein Lehrstück darüber, wie es geschehen konnte, dass ausgerechnet eine Koalition aus SPD und Grünen Deutschland in den ersten und nach bis dahin unumstrittenem Völkerrecht rechtswidrigen Angriffskrieg führte.

Um den Krieg in den Augen der anfangs skeptischen deutschen Bevölkerung zu legitimieren, schreckte die mediale und ministeriale Propaganda schon damals auch vor Lügen und Fälschungen nicht zurück. So rechtfertigte der damalige deutsche Verteidigungsminister Rudolf Scharping die Bombardements:

"Wir wären ja auch niemals zu militärischen Maßnahmen geschritten, wenn es nicht diese humanitäre Katastrophe im Kosovo gäbe mit 250.000 Flüchtlingen innerhalb des Kosovo, weit über 400.000 Flüchtlingen insgesamt und einer zurzeit nicht zählbaren Zahl von Toten."

All das war frei erfunden. Die vor Ort mit Beobachtern aktive Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) hatte von Beginn es Bürgerkriegs im Kosovo bis zum März 1999 nur 39 Tote gezählt. Norma Brown, US-Diplomatin bei der OSZE, sagt in dem Dokumentarfilm:

"Es gab vor der Intervention der NATO keine humanitäre Krise. Jeder wusste, dass es zu einer humanitären Krise kommt, wenn die NATO bombardiert."

Auch die Angaben zu den Flüchtlingen waren manipuliert: Es gab keine Hunderttausende, die dauerhaft geflohen waren. Dort wo es vor dem März 1999 zu Kämpfen der jugoslawischen Armee und der albanischen UÇK kam, flohen Dorfbewohner vor den Kämpfen und kehrten nach Ende der Schießereien wieder zurück. Unter den Zehntausenden, die Kosovo tatsächlich verlassen hatten, waren Serben wie Albaner vertreten, und die Gründe für die Flucht waren vielfältig. 

Im Bestreben, die deutsche Bevölkerung hinter dem NATO-Krieg und der deutschen Politik zu mobilisieren, erfanden Scharping und der grüne Außenminister Joschka Fischer gar eine KZ-Lüge: Im Stadion von Pristina würden "mehrere Tausend Personen" interniert, behauptete Scharping im Fernsehen und legte mit der ebenso frei erfundenen Horrorbehauptung nach, albanische Lehrer würden vor den Augen der Schüler erschossen. 

Später berief Scharping sich auf "Zeugenaussagen" und musste einräumen, dass es keine Bilder und keinerlei Verifikation dieser angeblichen Zeugenberichte gegeben hat. In der ARD-Dokumentation berichteten albanische Zeugen später das genaue Gegenteil: Keinen einzigen Gefangenen hatte das Stadion der Provinzhauptstadt gesehen, es hatte der jugoslawischen Armee vielmehr als Landeplatz für Helikopter gedient. Die Existenz eines Plans zur Vertreibung der Albaner aus Kosovo, in der westlichen Propaganda "Hufeisenplan" genannt, konnte nie bewiesen werden.

Der absolute Höhepunkt der antiserbischen Propagandakampagne war Fischers Holocaust-Vergleich.

Am 24. März um 19.41 Uhr starteten die ersten Bomberflugzeuge der USA und ihrer Verbündeten mit todbringender Fracht. In dieser Nacht flogen rund 200 Flugzeuge in zwei Wellen zahlreiche Ziele in der gesamten Bundesrepublik Jugoslawien an.

Was folgte, waren 78 Tage Krieg. Die NATO-Bomber flogen in dieser Zeit über 6.000 Angriffe auf serbische Städte und Infrastruktur. Dabei kamen auch verbotene Splitterbomben und, wie die Welt später erfuhr, Uranmunition zum Einsatz. Daran beteiligt waren die USA, Großbritannien, Deutschland, die Niederlande, Italien, Griechenland, die Türkei, Spanien, Belgien, Dänemark und Kanada. Ohne Mandat des UN-Sicherheitsrates und ohne dass ein Fall der Selbstverteidigung eines NATO-Staates vorlag.

Für Jugoslawien, besonders für die am stärksten betroffene Teilrepublik Serbien, waren dies 78 Tage des Grauens. Die Angriffe galten keineswegs nur militärischen Zielen, sondern auch Ministerien und Objekten der zivilen Verwaltung und Infrastruktur, der Fernsehzentrale, der chinesischen Botschaft in Belgrad, Industriebetrieben, Brücken und Eisenbahnen. Über 500 serbische Zivilisten und drei chinesische Journalisten fielen den Bombardements zum Opfer, Tausende wurden verletzt, die langfristigen Folgen des Einsatzes der Uranmunition sind nicht absehbar.

Eines der bekanntesten Kriegsverbrechen der NATO war der Beschuss eines nach Athen fahrenden Passagierzuges am 12. April 1999, der mindestens 13 Todesopfer unter den Passagieren forderte. Am 1. Mai beschossen die NATO-Bomber einen Passagierbus in der Nähe der kosovarischen Hauptstadt Pristina, was 23 Todesopfer forderte. Damit nicht genug: Die Piloten griffen in einem zweiten Angriff die Rettungskräfte an, die dabei waren, die Verletzten zu versorgen.

Nicht verschont von den NATO-Bombardements und dem Raketenbeschuss blieb auch das Kosovo, das angeblich geschützt werden sollte. Mehrere Angriffe auf Pristina und andere Städte der Region forderten zivile Opfer, der kosovarische Bürgerkrieg eskalierte, und nun folgten auch die großen Opferzahlen und massiven Fluchtbewegungen in der Region. Pristina wurde gar mit 374 geflogenen Angriffen zur am häufigsten bombardierten Stadt jenes Krieges, noch vor Belgrad, das 212 Angriffswellen erlebte.

Die Gesamtzahl der Opfer der NATO-Bombardements summiert sich auf über 1.700 Zivilisten (Serben und Albaner), darunter etwa 400 Kinder. Spurlos verschwunden sind 821 Menschen, größtenteils Serben.

Die Zahl der militärischen Verluste Jugoslawiens beläuft sich auf etwas über 1.000 Soldaten und Polizisten sowie über 5.000 Verwundete. Höhere Angaben der NATO hierzu bestätigten sich nicht.

Der Bürgerkrieg im Kosovo war auch mit dem Ende der NATO-Operation "Allied Force" keineswegs vorbei. Er dauerte noch Jahre und forderte Tausende Todesopfer auf beiden Seiten des Konflikts.

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Video: Demonstration zum Jahrestag der NATO-Bombardierung (Belgrad, 24. März 2022), Quelle: Ruptly

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