Europa

Medienrummel um die Rückkehr Nawalnys: Das Bild für den Westen

Am Sonntag haben Dutzende Journalisten und Blogger den russischen Oppositionellen Alexei Nawalny auf Schritt und Tritt begleitet. Seine Rückkehr nach Moskau wurde in den westlichen Medien als epochales Ereignis dargestellt, das "Putin in die Enge" treiben sollte.
Medienrummel um die Rückkehr Nawalnys: Das Bild für den WestenQuelle: AFP © Kirill Kudrjawzew

von Wladislaw Sankin

Am Sonntag mussten Hunderte Journalisten in zahlreichen westlichen Staaten Sonderschichten leisten – der russische Blogger und oppositioneller Aktivist Alexei Nawalny kehrte von Berlin nach Moskau zurück. Nur einmal die Woche fliegt eine Maschine der russischen Billigfluggesellschaft "Pobeda" (Sieg) vom Berliner Flughafen BER zum Moskauer Flughafen Wnukowo – am Sonntagnachmittag.

Als Nawalny am Mittwoch bekannt gab, mit "Pobeda" zurückfliegen zu wollen, müssen die Resttickets ganz schnell ausgebucht gewesen sein – von Fotografen, Kameraleuten, Journalisten und Bloggern. Wenig überraschend – sie kamen von DW, Radio Liberty, ARD, CNN, BBC, New York Times, Le Monde, aber auch von inzwischen zahlreichen westlich finanzierten oder explizit regierungskritischen russischen Medien wie Doschd oder Echo Moskwy.

"Es waren viel mehr Journalisten als normale Fluggäste mit am Bord", schrieb die BBC. Die ARD-Tagesthemen redeten von einem "riesigen Medientross, der jeden Schritt, jedes Wort von Nawalny quasi live dokumentiert". Dasselbe am Zielflughafen. Das Ergebnis ließ nicht lange auf sich warten.

Nawalny und seine Rückkehr waren zumindest in den europäischen Medien für den Rest des Tages und teilweise auch am nächsten Tag allgegenwärtig. Die Bilder von Nawalny haben zumindest in Europa in vielen großen Medien die anderen Themen von den Startseiten verdrängt – wie bei Tagesschau.de. Die Beiträge türmten sich so aufeinander – etwa bei der DW, dass man Nawalny regelrecht "wegscrollen" musste.

Zugegeben, angesichts der Nachrichtenflaute eines Sonntags war es in der Tat eine spannende Frage, ob und wie Nawalny von der russischen Polizei festgenommen wird, denn dies wurde im Vorfeld angekündigt, weil er einen Rechtsbruch beging. Aber war die Rückkehr Nawalnys wirklich das, wofür der Medienrummel um ihn herum sie ausgeben wollte – das epochale Ereignis des ganzen, noch jungen Jahrzehnts?

Wohl kaum. Das Bild Nawalnys, wie er im Flugzeug vor von vorne und hinten auf ihn gerichteten Kameras steht, gibt am besten wieder, wie grotesk die Situation in Wirklichkeit ist. So gewaltig kann die Rückkehr des Oppositionellen nur in einer extra dafür geschaffenen Medienblase erscheinen. Beeindruckt von den Bildern, schwärmt nun manch russischer Oppositioneller, dies sei bereits "die Inauguration des künftigen Präsidenten Nawalny" gewesen.  

Ina Ruck von den Tagesthemen schätzt den Einfluss Nawalnys auf die russische Politik allerdings viel "geerdeter" ein. "Er könnte Wahlempfehlungen abgeben, die der Kremlpartei schaden könnten." Und das war es? Man dachte, ein Erlöser sei nach Russland gekommen. Hier und da ist in Russlands oppositionsnahen Medien ein Chomeini- oder Mandela-Vergleich zu hören.

Was die Umfragen belegen, gibt für Nawalny-Anhänger kein erfreuliches Bild wieder. Sein Bekanntheitsgrad ist in Russland nach der Notlandung in Omsk und dem darauffolgenden Streit, ob dies wegen einer Nowitschok-Vergiftung geschah oder nicht, tatsächlich gestiegen. Aber zu viele Russen "heißen die Tätigkeit von Nawalny nicht gut" oder sind ihm gegenüber gleichgültig. Seine frenetischen Hardcorefans ersetzen noch keine Masse. Sein Trommeln für Sanktionen gegen sein eigenes Land vom Westen aus kommt offenbar nicht gut an.

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Dieser Eindruck wird durch das aktivistische Agieren der westlichen Journalisten noch verstärkt. Die eigene emotionale Involviertheit geben sie sogar noch selbst zu, wenn die Zeit schreibt, dass Julia Nawalny beim Abschied "nur noch ein paar Dutzend mitgereiste Journalisten applaudieren". Damit nehmen sie eindeutig Partei für Nawalny, wie auch Ruck, die in Tagesthemen lobt, Glaubwürdigkeit und Mut seien seine Währung.

"Das ist das, wofür ihn seine Anhänger schätzen."

Was offenbar viele im Westen wollen, druckte einmal der ehemalige CIA-Chef John Brennan aus. Noch im Oktober schrieb er auf Twitter:

"Stellen Sie sich die Aussichten für den Weltfrieden, Wohlstand und Sicherheit vor, wenn Joe Biden Präsident der Vereinigten Staaten und Alexei Nawalny Präsident von Russland wäre. Wir werden bald auf halbem Weg dorthin sein."

Biden ist gewählt, jetzt ist Nawalny dran? Wenig überraschend, dass die Pressesprecherin des russischen Außenministeriums Maria Sacharowa die politischen Reaktionen auf die Festnahme Nawalnys als Einmischung in innere Angelegenheiten und Verletzung des Völkerrechts verurteilte. Außenminister Sergei Lawrow wies darauf hin, dass die Kommentare der westlichen Politiker "wie aus einem Kopiergerät" anmuten. Man habe dieses Thema deshalb so gerne aufgegriffen, "weil es von der tiefen Krise, in der sich das liberale Entwicklungsmodell befindet, ablenken kann".

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