Nahost

Syrien: "Journalist" klagt nach Freilassung über Folter durch einstige Weggefährten

Der "Journalist" Bilal Abdul Kareem, einst lautstarker Befürworter von regierungsfeindlichen islamistischen Kämpfern in Syrien, sagt nun, dass die Gruppe, die er unterstützt hat, Menschen in der Stadt Idlib foltere und er selbst in der Haft misshandelt worden sei.
Syrien: "Journalist" klagt nach Freilassung über Folter durch einstige WeggefährtenQuelle: Gettyimages.ru

Bilal Abdul Kareem ist eine der schillerndsten Figuren im langwierigen bewaffneten Konflikt in Syrien. Einst wurde er von den Mainstream-Medien während des Kampfes um Ost-Aleppo als legitime journalistische Quelle behandelt. Nachdem seine engen Verbindungen zu dschihadistischen Kräften aufgedeckt worden waren, geriet er im Westen ziemlich in Vergessenheit.

Diese Woche gab er ein Interview, in dem er die Missbräuche der dschihadistischen Kämpfer anprangerte, die derzeit Idlib im Norden Syriens kontrollieren, und beschuldigte sie, Gefangene zu foltern. Kareem sagte auch, dass er selbst misshandelt worden sei, während er als Flüchtling in ihrem Gewahrsam war.

Das am Freitag vom Londoner Middle East Eye (MEE) veröffentlichte Interview zeichnet ein düsteres Bild des Lebens in Idlib unter der Herrschaft von Hay'at Tahrir al-Sham (HTS), der derzeit dort vorherrschenden militärischen Kraft. Kareem sagt, dass HTS-Führer Abu Mohammad al-Julani "unfähig ist zu regieren" und den Westen einfach nur in die Irre führe, wenn er behaupte, dass die Regierung der "Syrischen Rettung" tatsächlich das Sagen hat. Al-Julani wurde vom US-Außenministerium als "Specially Designated Global Terrorist" gelistet. Auf seinen Kopf wurde ein Kopfgeld von zehn Millionen Dollar ausgesetzt.

"Ich bezweifle, dass auch nur einer von hundert Menschen sagen könnte, wer der Präsident der Heilsregierung ist, denn jeder weiß, dass er keine Macht hat", sagte Kareem. Die angebliche Regierung wird von einem Premierminister geführt. Das Amt hat derzeit Ali Keda inne, ein ehemaliger Sicherheitsbeamter einer islamistischen Gruppierung.

Kareem fügte hinzu, dass Folter in den von der HTS kontrollierten Gefängnissen weit verbreitet und er persönlich nach seiner Verhaftung im August 2020 wiederholt mit körperlicher Gewalt bedroht worden sei. Andere Häftlinge hätten nicht so viel Glück gehabt, sagte er.

"Fast jeden Tag in der Woche musste ich nur wenige Meter von mir entfernt die Schreie der Gefolterten hören. Jeder in den Gefängnissen kann die Folter immer hören", sagte er gegenüber MEE.

Kareem wurde im Februar freigelassen und sagt, er befinde sich jetzt außerhalb des von der HTS kontrollierten Gebietes, da er Vergeltung fürchte. Er behauptet, seine Verhaftung sei durch die Kritik an der Herrschaft der HTS in Idlib ausgelöst worden, insbesondere durch die Anwendung von Folter, die seiner Meinung nach gegen die Scharia verstößt.

"Sie kamen an die Macht ... Und dann fingen sie an, andere Dinge zu tun als das, was sie gesagt haben. Sie versprachen, die islamische Herrschaft zu bringen. Sie haben es nicht getan. Sie haben versprochen, Gerechtigkeit zu bringen. Sie taten es nicht."

Er fügte hinzu, dass die HTS rechtfertige, was sie Gefangenen antue, indem sie behaupte, es sei keine Folter. Er sagte, er habe einmal zu einem dschihadistischen Offiziellen gesagt, als er das Thema diskutierte: "Sie fangen an, wie die Amerikaner zu klingen: 'Wir nennen es nicht Folter. Wir nennen es verbesserte Verhörtechniken.' Folter unter jedem anderen Namen ist immer noch Folter."

Die Vorwürfe sind bemerkenswert, wenn sie aus dem Munde von Kareem kommen. Jahrelang war er ein lautstarker Unterstützer einiger der brutalsten dschihadistischen Gruppen, die gegen die syrische Regierung kämpfen. Eines seiner ersten langen Interviews war mit Abu Firas al-Suri, einer hochrangigen Figur der al-Nusra-Front, die später bei einem US-Luftangriff im April 2016 getötet wurde.

HTS wurde im Januar 2017 durch einen Zusammenschluss mehrerer dschihadistischer Gruppen gebildet, darunter auch al-Nusra, deren Gründer und Anführer der derzeitige Leiter der Organisation ist.

Während er islamistischen Klerikern, dschihadistischen Befehlshabern und islamistischen Fußsoldaten eine Plattform bot, wurde Kareem von vielen Mainstream-Medien mit Respekt und Bewunderung behandelt, die die Auswirkungen seiner Verbindungen entweder ignorierten oder herunterspielten.

Im Jahr 2016 gehörte er zu den Menschen, die den Zuschauern von CNN und Al Jazeera erklärten, wie die Zivilbevölkerung von Ost-Aleppo vor der drohenden Auslöschung durch die syrische Regierung stand, die damals im Begriff war, die Stadt von islamistischen Kämpfern zurückzuerobern. Entgegen den Vorhersagen, dass seine Tage als Reporter gezählt waren, verließ Kareem die Stadt mit seinen dschihadistischen Freunden und veröffentlichte ein Video, das einen maskierten Kämpfer zeigt, der auf dem Weg nach draußen einen angeblichen Selbstmordgürtel trägt.

Er half CNN bei der Produktion ihrer mit dem Peabody-Preis ausgezeichneten Dokumentation über die Belagerung der irakischen Stadt Mossul. Im Jahr 2014 wurde er als Gastredner zu einer Podiumsdiskussion über die "Zukunft des Dschihadismus" an der in Washington ansässigen Brookings Institution eingeladen und argumentierte, dass das Land "eine islamische Lösung" für seine Probleme brauche.

Die al-Nusra-Front, ein ehemaliger al-Qaida-Ableger, und ihre HTS-Partner, die Kareem mit seiner Berichterstattung unterstützte, sind seit den frühen Jahren des Syrienkriegs in verschiedene Gräueltaten verwickelt.

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