Nahost

Stau am Suezkanal "könnte noch Wochen dauern" - Frachtverkehr steht still

Seit zwei Tagen blockiert ein Containerschiff den Suezkanal. Mittlerweile stauen sich über 150 Schiffe. Schlepper versuchen, den auf Land gelaufenen Frachter zu bewegen. Die Ölpreise stiegen als Reaktion, obwohl sie am Tag vor der Kanalblockade auf einem Tiefstand waren.

Nach wie vor blockiert das 400 Meter lange und 59 Meter breite Containerschiff "Ever Given" den Suezkanal. Laut Medienberichten warten derzeit mindestens 150 Schiffe darauf, dass der Frachter aus dem Weg geräumt wird, um die wichtige Wasserstraße durchfahren zu können. Die Arbeiten zur Befreiung der auf Land gelaufenen "Ever Given" wurden Donnerstagmorgen wieder aufgenommen, nachdem sie in der Nacht unterbrochen worden waren.

Acht Schlepperboote sind nach Angaben der ägyptischen Suezkanal-Behörde im Einsatz, um den Frachter zu befreien. Wind und die Größe des Schiffs erschweren die Arbeit jedoch. Bereits am Mittwochabend soll es laut dpa Schleppern gelungen sein, die "Ever Given" zu bewegen – aber noch nicht weit genug, damit andere Schiffe den Frachter passieren können. Das Seefahrts- und Logistikunternehmen GAC teilte unter Berufung auf die Suezkanal-Behörde mit, dass die wartenden Schiffe unmittelbar weiterfahren dürften, sobald der verkeilte Frachter in eine andere Position gebracht wurde. Nach Pressemeldungen wurde die Navigation durch den Suezkanal derzeit unterbrochen.

Das Frachtschiff der Reederei Evergreen hatte sich am Mittwoch auf dem Suezkanal quergestellt und war auf Grund gelaufen. Das 2018 gebaute Schiff fährt unter der Flagge Panamas. Es war auf dem Weg aus China nach Rotterdam in den Niederlanden. Nach Expertenangaben gehört der Frachter zu den größten Containerschiffen der Welt.

Unklar sind noch die Ursachen für den Unfall: Der Schiffsbetreiber Evergreen Marine aus Taiwan teilte laut Handelsblatt mit, die "Ever Given" sei von starkem Wind erfasst worden. Das Logistikunternehmen GAC erklärte hingegen, auf dem Schiff sei der Strom ausgefallen.

Der Suezkanal verbindet das Mittelmeer mit dem Roten Meer. Nach Angaben des Versicherungsunternehmens Allianz laufen rund zehn Prozent des Welthandels durch diesen Kanal. Fast 19.000 Schiffe – durchschnittlich 51 Schiffe pro Tag – haben im vergangenen Jahr laut der Betreibergesellschaft Suez Canal Authority (SCA) die Wasserstraße als Abkürzung genommen. Damit sparen sie sich die Umschiffung Afrikas – eine Abkürzung um etwa 7.000 Kilometer und bis zu zehn Reisetage.

Reedereien besorgt – Ölpreise steigen und überwinden Tiefstand vom Tag vor der Blockade

Christian Denso vom Verband Deutscher Reeder (VDR) umreißt gegenüber der dpa das Ausmaß der Suezkanal-Blockade: "Der Suezkanal ist eine der wichtigsten Autobahnen der Weltschifffahrt." Man könne nur auf eine schnelle Aufhebung der Blockade hoffen, denn je länger diese dauere, "desto drastischer werden die Auswirkungen sein".

Der Bundesverband der Deutschen Industrie warnt vor steigenden Kosten für Unternehmen, die auf Seetransporte angewiesen sind. Lieferketten gerieten unter anderem wegen der unpünktlichen Schiffe ins Stocken, sagte der stellvertretende Hauptgeschäftsführer Holger Lösch. Die Lage im internationalen Container-Seeverkehr sei ohnehin angespannt, die Blockade verschärfe sie nun noch einmal.

Das Hauptproblem sei, dass niemand wisse, wie lange die "Ever Given" den Kanal blockiere und ob sich somit der Umweg um das Kap der Guten Hoffnung lohne, so Denso. Bei Containerschiffen komme es nicht darauf an, dass sie schnell, sondern dass sie pünktlich ankommen. Dabei gehe es um das Versprechen der Reeder, dass beispielsweise die Autotür rechtzeitig in Bremerhaven ankomme. Ein Großteil des Verkehrs besteht dem VDR zufolge aus Öltankern, nur ein Drittel der Passagen gehe auf das Konto von Containerschiffen. Denso betont:

"Alles, was Öl dort unten lädt und Richtung Europa und Nordamerika fährt, fährt durch den Suezkanal."

Entsprechend empfindlich fiel die Reaktion auf die Ölpreise aus. Laut dpa stiegen am Mittwochmittag die Preise für ein Barrel (159 Liter) Nordseeöl der Sorte Brent auf 62,19 US-Dollar – 1,40 Dollar mehr als am Vortag. Der Preis für ein Fass amerikanisches Rohöl der Marke West Texas Intermediate stieg um 1,42 Dollar auf 59,18 US-Dollar. Am Donnerstagmorgen stand der Preis für Nordseeöl der Sorte Brent bei 63,15 US-Dollar, für Rohöl der Marke West Texas Intermediate bei 59,93 US-Dollar. Der Vorfall sorgte damit für eine Kehrtwende im Fall des Ölpreises. Die dpa meldete, dass am Dienstag – einen Tag vor dem Unfall der "Ever Given" – die Erdölpreise eingebrochen waren und den tiefsten Stand seit Anfang Februar markiert haben.

Noch ist nicht absehbar, wann der Suezkanal wieder für den Verkehr freigegeben werden kann. Nach einem Bericht des Handelsblatts errechneten viele deutsche Reedereien derzeit Notfallpläne. Deutschlands größte Reederei, die Hamburger Seefahrtfirma Hapag-Lloyd, zeigte sich jedoch optimistisch, dass die Blockade bald behoben wird. Eine Umfahrung des afrikanischen Kontinents sei derzeit nicht geplant. Die Hapag-Lloyd äußerte gegenüber dem Handelsblatt:

"Solche Vorfälle passieren leider, gerade in dieser engen Passage des Suezkanals. Die Schiffe lassen dann in der Regel Ballastwasser ab und werden mit Schleppern aus dem Sand gezogen. Erfahrungsgemäß sollte der Kanal bald wieder frei sein – insofern halten wir die Auswirkungen zurzeit für überschaubar."

Der Geschäftsführer von Boskalis, einer der Bergungsfirmen, die daran arbeiten, die "Ever Given" zu befreien, warnte am Donnerstag, dass er nicht ausschließen könne, dass "es möglicherweise Wochen dauern könne", da man das Gewicht des Frachters reduzieren, Container abladen, Öl und Wasser ablassen müsse. Zudem müsse der Frachter aus Sand und Schlamm befreit werden.

"Es ist wie bei einem enormen gestrandeten Wal. Es liegt ein enormes Gewicht auf dem Sand."

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