Asien

Eine Geschichte von zwei Olympischen Spielen: Chinas bemerkenswerter Wandel seit 2008

Die Sommerspiele, die Peking vor 14 Jahren veranstaltete, führten die kommunistische Nation auf die große Weltbühne. Die anstehenden Winterspiele 2022 werden einen immer selbstbewussteren und schlagkräftigeren globalen Akteur präsentieren.
Eine Geschichte von zwei Olympischen Spielen: Chinas bemerkenswerter Wandel seit 2008Quelle: www.globallookpress.com © Imago sportfotodienst/ Global Look Press

Eine Analyse von Tom Fowdy

Vorausgesetzt, es gibt keine Überraschungen, sind Anfang des Jahres alle Augen gespannt auf das erste große Ereignis des Jahres 2022 gerichtet: auf die Olympischen Winterspiele in Peking, die am 4. Februar beginnen. Es überrascht nicht, dass das Ereignis von Kontroversen überschattet wurde, nachdem die USA versucht hatten, diese gegen Peking zu instrumentalisieren, indem man Länder ermutigte, die Veranstaltung, aus Gründen der Menschenrechte, diplomatisch zu boykottieren.

Mit welchem Ziel? China zu demütigen und ihm das Prestige zu verweigern, das sich durch die Ausrichtung der Spiele ergibt, die als Symbol für Menschlichkeit, kulturellem Erbe der Menschheit und der Einheit gelten. Doch dieser politische Boykott trübt Pekings Stimmung möglicherweise nicht so sehr, wie es sich Washington erhofft hat. Nicht zuletzt deshalb, weil China trotz der Herausforderung durch die USA, zunehmend zuversichtlich und optimistisch in Bezug auf die eigene Position und Stärke in der Welt ist.

Mit anderen Worten: China ist weder auf ein amerikanisches Wohlwollen angewiesen, noch braucht es dieses. Die 14 Jahre zwischen den beiden Olympischen Spielen in Peking 2008 und 2022 erzählen uns, wie dieses Selbstbewusstsein entstanden ist und sich festigen konnte. Wie ein kürzlich im britischen Guardian veröffentlichter Kommentar titelte: "Wie Chinas Selbstvertrauen innerhalb zweier Olympischen Spielen in die Höhe schoss". In diesem Artikel wird eingehend analysiert, wie die ersten Spiele 2008, in Verbindung mit der globalen Finanzkrise, "Chinas Sternstunde" war und wie die zweiten Chinas Selbstvertrauen, inmitten seiner neuen Rivalität mit dem Westen, anwachsen ließ.

Was die meisten im Westen nicht verstehen, ist, dass China seine eigene historische Erfahrung durch die Linse einer nationalen Geschichte betrachtet, und diese Geschichte ist eine Geschichte des Niedergangs, der Hoffnung und der Wiederbelebung. Chinas Vergangenheit ist definiert durch das, was es als "Jahrhundert der Demütigung" bezeichnet – eine Zeit, in der China schwach und arm war und von fremden Mächten brutal unterjocht wurde, die seine nationale Souveränität verletzten und de facto kolonisierten und ausbeuteten. Im Zuge dessen kam eine Zeit des ''Insichgehens'', mit dem Glauben, dass Chinas traditionelle Ideen und Philosophien die Menschen im Stich gelassen hatten, und schließlich zum Traum, China zu einer modernen, mächtigen, wohlhabenden und fähigen Nation zu machen.

Es war diese Zeit des ideologischen Umbruchs, in der die Qing-Dynastie zu Fall gebracht wurde und den Aufstieg der Kommunistischen Partei in die Wege leitete, die ihre Ideologie als Instrument für die Wiederbelebung Chinas anbot und mit der das Erbe des Kolonialismus überwunden werden sollte. Während die Ära von Mao mit vielen Umbrüchen und oft tragischen Fehlern einherging, begann China mit dem darauffolgenden Reform- und Öffnungsprozess seine Umwandlung zu einer industriellen Supermacht.

Die westliche Denkweise kann nicht verstehen, warum die Kommunistische Partei toleriert wird, geschweige denn sogar populär ist. Aber für die Chinesen war die dramatische, positive Veränderung der wirtschaftlichen Lage, unter der Herrschaft der Partei, erstaunlich. Das Land hat sich rasch von einer bäuerlich geprägten Agrarnation zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt entwickelt, was eine selbst im privilegierten Westen unvorstellbare Veränderung des Lebensstandards mit sich brachte. Diese Erfolge haben alle dazu beigetragen, das Vertrauen der Chinesen in Chinas Aufstieg zu stärken.

Und an dieser Stelle kommen die bevorstehenden Olympischen Winterspiele ins Spiel. Als Peking 2008 die Olympischen Sommerspiele ausrichtete, war dies ein Meilenstein in dem, was China bis zu diesem Zeitpunkt erreicht hatte. In unglaublichem Kontrast zu seiner Vergangenheit zeigte es der Welt ein neues China. Und dies geschah inmitten der globalen Finanzkrise – einer Katastrophe, durch die so gut wie alle Volkswirtschaften des Westens in Aufruhr versetzt wurden, während jene von China stabil weiterwuchs. Wie es der Artikel im Guardian widerspiegelt, vermittelte dies ein Gefühl dafür, dass Chinas politisches System und die Richtung, in die sich das Land bewegte, ein Schicksalsweg ist. Es war weniger ein symbolischer als ein politischer Wendepunkt. Dies war Chinas Aufstieg und es war für alle sichtbar.

Es war aber auch eine Zeit, in der der Westen mehr Selbstvertrauen hatte als heute, fest davon überzeugt war, dass China sich mit dem Wachstum verändern und liberaler werden würde, und dass kapitalistisches Engagement für das Land jene Tugend sei, durch die es sich öffnen würde.

Volkswirtschaften wie die der USA mögen sich inzwischen von der Finanzkrise erholt haben, aber der anhaltende Schaden durch die wirtschaftlichen Ungleichheiten, die noch verschlimmert wurden, zerschmetterte den Traum, dass die Globalisierung eine Win-Win-Situation sei, und setzte neue politische Kräfte frei. Diese Kräfte wandten sich nicht nur gegen die Veränderungen der Identität, die mit der Globalisierung einhergingen, sondern erinnerten auch an eine glorreichere Vergangenheit. Innerhalb von acht Jahren nach den Olympischen Spielen in Peking kamen Donald Trump und der Brexit – und mit ihnen begann sich das Bild von China in der Welt zu verändern.

Ein immer selbstbewussteres China steht heute einem Westen gegenüber, der Peking als existenzielle Bedrohung seiner eigenen Hegemonie und jahrhundertelangen Vorherrschaft über die Welt wahrnimmt. Das Ansehen Chinas ist angesichts politischer Absurditäten wie Brexit, Donald Trump und der Art, wie es sich in der COVID-19-Pandemie im Vergleich zu westlichen Nationen geschlagen hat, gewachsen.

Was den Westen betrifft, so hat sich die Nadel von der Auseinandersetzung mit China, um den Wandel zu fördern, hin zur Konfrontation und dem Versuch, es einzudämmen, verschoben, in der Hoffnung, diesen Wandel durchzusetzen. Amerika glaubt nicht mehr, dass der Handel mit China eine Liberalisierung mit sich bringt, sondern dass es sich eher um eine Last handelt, mit der die eigenen Ungleichheiten und Ineffizienzen aufgezeigt werden und das von den USA befürwortete neoliberale Wirtschaftssystem getrübt wird. Die Olympischen Spiele 2022 sind nun die Bühne für diese Konfrontation.

Im Kommentar des Guardian heißt es: "Im Jahr 2008 bettelte China um Anerkennung. Es wollte seinen Reichtum, seine Weltoffenheit sowie seine Freundlichkeit zeigen. Heute will China sein Durchsetzungsvermögen zeigen. Manche im Land gehen sogar so weit, dass sie – vielleicht fälschlicherweise – behaupten, der Osten steige auf und der Westen befinde sich im Niedergang. Daher antwortete Peking als Reaktion auf den jüngsten diplomatischen Boykott: Niemanden kümmert es."

Mit dem zunehmendem Selbstvertrauen Chinas ist auch seine Überzeugung gewachsen, dass es nicht vom Westen definiert oder von ihm diktiert werden muss. China hat nichts mehr von westlichen Nationen zu lernen. Wenn eine Herausforderung ansteht, ist das Land bereit, sich ihr zu stellen und seine nationale Stärke zu nutzen, um das zu erreichen, was es will. Wie eine Umfrage der Global Times ergab, betrachten die Chinesen im Allgemeinen Russland als ihre wichtigste Beziehung und ihren wichtigsten Partner und nicht die USA. Am auffälligsten ist zudem, dass die gleiche Umfrage auch ergab, dass die meisten Chinesen optimistisch in die Zukunft blicken.

Zwei olympische Ereignisse haben sowohl Chinas Beziehungen zur Welt als auch sein Selbstbewusstsein geprägt und einen Kontrast zwischen seiner Vergangenheit und seiner Zukunft gezogen. Es ist eine nationale Geschichte von Aufruhr, Wiederbelebung und Vertrauen in eine prächtige Zukunft, den die Vereinigten Staaten mit all ihrer Empörung nicht vereiteln können. Die Olympischen Spiele und andere Ereignisse in den nächsten 12 Monaten werden das nächste Kapitel in einer Geschichte sein, die das 21. Jahrhundert letztendlich bestimmen wird. Und trotz Chinas Optimismus, kann niemand voraussagen, wie es letztendlich endet.

RT DE bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

Übersetzt aus dem Englischen.

Tom Fowdy ist ein britischer Autor und Analytiker für Politik und internationale Beziehungen mit Schwerpunkt Ostasien. Er twittert unter @Tom_Fowdy

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