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Taliban-Sprecher im Exklusiv-Interview mit RT: Heiko Maas' Drohung entbehrt jeder Logik

Die Taliban setzen ihre Offensive in Afghanistan fort. Sie stehen kurz vor Kabul und haben schon mehrere Provinzen unter ihrer Kontrolle. Vertreter der Regierung und der Taliban führen indes Friedensgespräche in Katar. RT hat mit Mohammad Naim, Mitglied des politischen Büros der Taliban, gesprochen.
Taliban-Sprecher im Exklusiv-Interview mit RT: Heiko Maas' Drohung entbehrt jeder LogikQuelle: AFP © FAISAL AL-TAMIMI

Die arabischsprachige Redaktion des Fernsehsenders RT hat in ihrem Programm Newsmaker mit dem offiziellen Sprecher des politischen Büros der Taliban in Katar Mohammad Naim gesprochen. Das Interview fand am 12. August statt. Der hochrangige Taliban-Vertreter beantwortete die Fragen des Journalisten Kamal Omane per Videoschalte aus der katarischen Hauptstadt Doha.

Den schnellen Vormarsch der Taliban in Afghanistan erklärte Naim unter anderem mit den Handlungen der Regierung in Kabul. Während die Bewegung für die Zeit des vergangenen Opferfestes alle Kampfhandlungen eingestellt und Hunderte von Häftlingen freigelassen habe, habe die Regierung in Kabul bereits am zweiten Tag des Festes den Taliban den Krieg erklärt. Die Armee habe mehrere Städte unter Beschuss genommen.   

"Den Regierungstruppen gelang es nicht, die Stellungen der Taliban zu beschießen. Dabei nahmen sie friedliche Zivilisten, Krankenhäuser, Universitäten, Moscheen, Schulen, Werke und Geschäfte unter Beschuss. Das war ein Völkermord."

Obwohl das Islamische Emirat zuvor auf eine Entspannung der Situation gehofft habe, habe es auf diesen Genozid reagieren müssen.

Der Taliban-Vertreter ließ die Behauptungen der afghanischen Führung nicht gelten, wonach die jetzige Militäroperation nur eine Gegenreaktion auf die Handlungen und die Offensive der Taliban sei. Naim zufolge hat es in den meisten Provinzen, die jüngst unter die Kontrolle der Bewegung übergegangen sind, keine Militärhandlungen gegeben.        

"Das afghanische Volk liebt das Islamische Emirat. Das Volk hat dessen Kräfte in vielen Gebieten und Städten des Landes begrüßt. Das ist ein offenes Geheimnis. Sie werden sicher Videos gesehen haben, in denen Einheimische Taliban-Kämpfer begrüßen und sich freuen."

Die meisten Provinzen seien freiwillig unter die Kontrolle der Taliban übergegangen. Das Problem sei die Regierung, die versucht habe, diese Provinzen mit Gewalt zurückzuerobern.

Auf die Frage des RT-Journalisten, ob die Taliban mit dem jüngsten Vorschlag der Regierung in Kabul einverstanden sei, die Macht zu teilen, antwortete der Sprecher des politischen Büros der Bewegung in Katar, dass das Ziel der Bewegung keine Ämter seien. Man habe nur zwei wichtigste Ziele. Dies seien die Unabhängigkeit des Landes und der Aufbau eines starken islamischen Regimes.

"Wenn unser Ziel die Macht wäre, dann wären wir im Jahr 2001 an der Macht geblieben."

Die Bewegung halte seit dem Jahr 2001 an ihrer Position fest, die darin bestehe, Probleme und Krisen auf friedlichem Weg zu lösen.

Angesichts einer möglichen internationalen Isolation Afghanistans sagte Naim, dass die Taliban gute Beziehungen zu allen Ländern der Welt haben möchten. Das betreffe vor allem die Nachbarstaaten, mit denen man derzeit in Kontakt stehe. Man wolle aber auch, dass sich die internationale Gemeinschaft klar darüber werde, wer das afghanische Volk vertrete.    

"Sie wissen, dass hier Korruption, Moralzersetzung, finanzielle Korruption und Korruption in der Verwaltung herrschen. Gleichzeitig unterstützen sie hartnäckig dieses Regime, dass sich selbst nicht kontrolliert. Wie kann das dem Volk dienen?"

Der Taliban-Sprecher kritisierte die westlichen Staaten, dass sie dem afghanischen Volk etwas aufzwängen, das es gar nicht möchte und das den Werten des Volkes widerspreche.

Naim kritisierte außerdem die Erklärung des deutschen Außenministers Heiko Maas, wonach die Bundesregierung Afghanistan nicht mehr finanziell unterstützen werde, sollten die Taliban an die Macht kommen und die Scharia einführen. Diese Logik habe weder Hand noch Fuß.

"Der Islam ist die Religion des Volkes. Der Islam ist der Grundsatz des afghanischen Volkes. Muslime machen 99 Prozent des afghanischen Volkes aus. Selbst wenn man den internationalen Prinzipien, sogar der Demokratie, zu der sie aufrufen, folgt: Wie kann man gegen den Willen, die Prinzipien und die Werte des Volkes handeln?"

Die internationale Gemeinschaft dürfe Afghanistan helfen, aber nicht auf Kosten seiner Werte. Man dürfe das Volk nicht dazu zwingen, auf seine Prinzipien zu verzichten. Das widerspreche jeder Logik.

Der Taliban-Vertreter versuchte auch, die Sorgen zu zerstreuen, dass die Terrornetzwerke al-Qaida und "Islamischer Staat" im Land erneut Fuß fassen könnten. Naim zufolge kontrolliert die Bewegung ihr Territorium. Es gebe keine Probleme. Die Grenze zu Tadschikistan, Usbekistan, Turkmenistan, Pakistan und Iran werde kontrolliert. Man stehe in Kontakt mit den Nachbarländern. Die Pläne der Türkei, ihre Militärkräfte am Flughafen Kabul zu stationieren, kommentierte das Mitglied des politischen Büros der Bewegung in Katar wie folgt:

"Alle ausländischen Truppen sollen aus unserem Land abgezogen werden. Wir werden es niemandem erlauben, unsere Souveränität zu verletzen."

Zwar sei die Türkei ein muslimisches Land. Trotz aller historischer, kultureller und positiver Beziehungen solle es aber gewisse Grenzen zwischen den Brudervölkern geben. In Bezug auf eine mögliche Rückkehr der USA in die Region sagte Naim, dass die Einmischung in die inneren Angelegenheiten des afghanischen Volkes keinen Nutzen bringe. Die US-Präsenz spitze die Situation nur zu.

Der Sprecher der Taliban teilte mit, dass der künftige Staatsaufbau im Land auf dem Verhandlungstisch sei. Darüber habe das afghanische Volk zu entscheiden. Die Taliban möchten diese Frage mit anderen Akteuren in Afghanistan erörtern und zu einem Konsens kommen. Die Afghanen wüssten besser, welche Regierungsform den Interessen des Volkes und des Landes entspreche. Naim wies außerdem darauf hin, dass die Taliban mehrmals eine Amnestie angekündigt hätten. Diese beträfe auch die Dolmetscher, die für die USA gearbeitet hatten.

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