Wirtschaft

Deutschland und Russland: Gegenseitiges wirtschaftliches Engagement nimmt zu

Trotz der politischen Differenzen zwischen Moskau und Berlin steigt das gegenseitige Engagement in der jeweils anderen Wirtschaft an. Es wird jedoch durch die Corona-Krise und die Sanktionen gebremst. Viele Unternehmer bleiben dennoch optimistisch.
Deutschland und Russland: Gegenseitiges wirtschaftliches Engagement nimmt zuQuelle: Sputnik © Witali Timkiw

Im letzten Jahr litten die deutsch-russischen Handelsbeziehungen nicht nur aufgrund der Sanktionen, sondern auch wegen der Corona-Krise. Viele Unternehmen des Sektors blicken dennoch optimistisch ins neue Jahr. Deutsche Firmen investieren weiter kräftig in Russland, und die Russen versuchen, ihre Präsenz auf dem hiesigen Markt zu auszuweiten.

Russische Unternehmen in Deutschland

Vor einigen Jahren begann die Unternehmensgruppe Torgservis, die unter den Markennamen Karat, Svetofor und Mere Läden in Litauen, Rumänien und Polen betrieb, damit, auch in Deutschland Filialen zu eröffnen. Diese bekamen im Volksmund bereits den Spitznamen "Russen-Aldi".

Die Einzelhandelsgruppe aus Krasnojarsk in Sibirien will mehr als 100 Geschäfte in Deutschland eröffnen, hat bisher jedoch nur sechs Mere-Filialen, die sich in Leipzig, Zwickau, Halle, Homburg, Schönebeck und Wilhelmshaven befinden. Laut Andrei Sobolew, dem Chef des Handels- und Wirtschaftsbüros bei der russischen Botschaft in Berlin, sollen in diesem Jahr weitere vier Mere-Märkte folgen.

Dem Beamten stehen die gesamten Informationen über Russlands Im- und Export, Investitionen und Neuentwicklungen zur Verfügung. Ihm ist wichtig, dass das russische wirtschaftliche Engagement in Deutschland nicht nur Discounter darstellt.

Eines der positiven Beispiele im Bereich Produktion ist Ilim Timber. Das Unternehmen gehört zu den weltweit führenden Produzenten von Nadelschnitt- und Nadelsperrholz. Es übernahm im Jahr 2010 zwei bankrotte Sägewerke in Wismar und in Landsberg und führt sie seither erfolgreich weiter. In Wismar sind 460 Mitarbeiter beschäftigt, in Bayern 290.

Eine weitere russische Unternehmensgruppe, die sich in Deutschland engagiert, ist die Deutsche Großwälzlager GmbH in Rostock, die den Kirow-Werken aus Sankt Petersburg gehört. Der russische Maschinenbauriese investierte in die Rostocker Firma rund 15 Millionen Euro und stellt mit einem deutschen Partner Maschinenbauteile wie Lager und Drehkränze her.

Auch für den Online-Bereich in Deutschland haben russische Unternehmer Pläne, der große Onlinehändler Wildberries stieg Anfang dieses Jahres in den deutschen Markt ein. Deutschland ist nun das zehnte Land, in dem das Unternehmen präsent ist. Rund vier Millionen Artikel von 40.000 Marken sollen auf seiner Plattform angeboten werden. Neben Kleidung können die Kunden unter anderem Schönheitsprodukte, Schreib- und Sportwaren sowie Spielzeug und Elektronik erwerben.

Deutsche Firmen in Russland

Umgekehrt bleibt das deutsche Engagement in Russland groß, auch wenn die Zahl der deutschen Unternehmen aufgrund der politischen Schwierigkeiten zwischen Berlin und Moskau und der Corona-Krise zurückging. Laut der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK) in Moskau investierte die deutsche Wirtschaft bis Ende September letzten Jahres 1,3 Milliarden Euro in die russische Wirtschaft.

Eines der Beispiele ist Globus, eine Einzelhandelskette aus dem Saarland, die in Russland immer populärer wird. Das Unternehmen eröffnete im Herbst letzten Jahres einen Logistikhub in der Nähe von Moskau, für den es 50 Millionen Euro ausgegeben hatte, und will seine Geschäfte in Russland weiter ausbauen.

Das fränkische Familienunternehmen Knauf, das in Russland für seine Gipskartonplatten berühmt ist, startete im letzten Jahr in der Nähe von Sankt Petersburg eine neue Produktionslinie, für die sie 50 Millionen Euro investiert hatte. Das Unternehmen beschäftigt in Russland ungefähr 4.000 Mitarbeiter, die in 15 Werken tätig sind.

Der Landmaschinenkonzern Claas ist gerade dabei, seine Mähdrescherproduktion im südrussischen Krasnodar auszubauen.

Rückgang des Handelsumsatzes im vergangenen Jahr

Der deutsch-russische Handelsumsatz ging laut Berechnungen des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft (OA) von Januar bis November 2020 um ganze 23,4 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum zurück. Dabei sank die Einfuhr von Waren aus Russland um fast ein Drittel (31 Prozent). Die Einfuhr deutscher Waren nach Russland sank um 14 Prozent. Die Zahl der in Russland tätigen deutschen Unternehmen ging nach Angaben der russischen Steuerbehörde von 4.279 (2019) auf 3.971 im Jahr 2020 zurück.

Laut Michael Harms, dem Geschäftsführer des OA, hinterlassen die Corona-Krise und ihre wirtschaftlichen Folgen Spuren in den deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen. Vor allem die coronabedingten Grenzschließungen und die starke Abwertung des Rubel machten den Unternehmen zu schaffen.

Die deutschen Unternehmen zeigen sich jedoch mit ihrer eigenen Geschäftslage in Russland überwiegend zufrieden. Das zeigte die große Geschäftsklimaumfrage des OA vom Dezember. Damals bewerteten 37 Prozent der Unternehmen ihre Lage in Russland als gut bis sehr gut. Mehr als die Hälfte (52 Prozent) bezeichneten ihre Situation als befriedigend. Dennoch bewerteten ganze elf Prozent der Unternehmen ihre wirtschaftliche Situation in Russland als schlecht oder sogar sehr schlecht.

70 Prozent der befragten 109 deutschen Firmen schätzen, dass die politischen Beziehungen zwischen Moskau und Berlin sich im letzten Jahr verschlechterten. Dennoch sprach sich ein Löwenanteil (89 Prozent) für den Abbau der Sanktionen gegen Russland aus. In einem Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland betonte der SPD-Politiker Matthias Platzeck, der als Chef des an Dialog orientierten Deutsch-Russischen Forums agiert, dass es an der Zeit sei, kritisch zu hinterfragen, was die Sanktionen eigentlich gebracht haben und wem sie nützen.

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