
Stagflation, Rezession, Sanktionen? Experten über den Zustand der russischen Wirtschaft (Teil 2)

(Teil 1 können Sie hier nachlesen)
Eine Analyse von Dora Werner
Der Wirtschaftsblock – Freund oder Feind?
Viele Experten sind der Ansicht, dass Vertreter des sogenannten "Wirtschaftsblocks" – des Finanzministeriums, der Zentralbank und weiterer Institutionen – in den letzten Jahren eine Reihe fataler Fehler im Krisenmanagement begangen haben. Dieses Thema taucht immer wieder in den Sitzungen der Staatsduma auf und ist wohl aus den Medien nicht mehr wegzudenken. Hier kommen die Wirtschaftswissenschaftler zu Wort. Dmitri Beloussow, Leiter des Bereichs Analyse und Prognose makroökonomischer Prozesse am Institut für volkswirtschaftliche Prognosen der Russischen Akademie der Wissenschaften, erklärt in einem Interview mit dem Portal BusinessOnline die aktuelle Situation in Bezug auf den Haushalt, Investitionen und Fehleinschätzungen des Finanzblocks wie folgt:
"Die Lage ist insgesamt unter Kontrolle. Der Export hat sich trotz der Sanktionen stabilisiert. Unsere Unternehmen schaffen es, schnell neue Absatzmärkte und neue Wege zu finden. Was schlecht ist: Der sich schon lange abzeichnende Übergang zur Stagnation hat eingesetzt […] Wir haben eine sehr schwierige Situation bei den Investitionen. Wir haben davor gewarnt, dass das Investitionswachstum gefährdet ist, da die Kombination aus hohen Zinssätzen, einem starken Rubel, der die Einnahmen der Exporteure schmälert, und niedrigen Rohstoffpreisen insgesamt die Investitionen sowohl durch Fremd- als auch durch Eigenmittel ersticken könnte […] Im Grunde genommen ist die Lage nicht gut. Wir befinden uns in einer ziemlich schwierigen Entwicklung, die wir nun umkehren müssen. Das ist das gravierendste Problem, denn bei dem Versuch, die Inflation einzudämmen, haben wir die Wirtschaftstätigkeit gebremst […] Den stärksten Schlag haben wir dem Investitionsbereich versetzt. Und innerhalb dieses Bereichs nicht dem Bauwesen, sondern der Produktion von Maschinen und Anlagen sowie den Investitionen in Betriebsvermögen. Wir haben eine schwierige Situation in der Lkw-Produktion, und auch alles andere in diesem Bereich befindet sich in einem schlechten Zustand, abgesehen vom Verteidigungssektor […] Bei uns nehmen die negativen Trends zu. Im nächsten Jahr müssen diese Trends umgekehrt werden. Seien wir ehrlich: Man hätte es nicht so weit kommen lassen müssen. Wir haben uns selbst über den Zinskanal unter Druck gesetzt. Das heißt, wir haben mithilfe der Zentralbank diese Zinserhöhungswelle ab 2024 inszeniert, und zwar eine äußerst unsinnige Welle, da die Zinsen aktiv in die Preise einflossen. All dies endete im Zuge der letzten Hotline des Präsidenten. Ich erinnere mich nicht mehr an den genauen Wortlaut, aber im Grunde hat er dort kategorisch gefordert, dass die Zentralbank eine vernünftigere Haltung einnehmen solle. Und dort hat man, muss man sagen, darauf gehört […] Die größten Schocks kommen derzeit also aus dem Inneren der Wirtschaft."

Der Ökonom Oleg Komolow, leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für internationale Makroökonomie und Außenwirtschaftsbeziehungen des Wirtschaftsinstituts der Russischen Akademie der Wissenschaften, stellt fest, dass es trotz der allgemeinen Krise auch Nutznießer gibt. Diese werden von der Zentralbank und bestimmten Kräften in der Regierung mit allen Mitteln unterstützt – obwohl dies der Wirtschaft insgesamt schadet:
"Es gibt Akteure der russischen Wirtschaft, die sich derzeit in einer privilegierten Lage befinden. Das sind die Banken. Der Gesamtgewinn der russischen Banken erreichte im Jahr 2024 mit 3,8 Billionen Rubel – fast 2 Prozent des BIP – einen absoluten Rekordwert in der gesamten postsowjetischen Geschichte. Im Jahr 2025 liegt das Ergebnis etwas darunter, aber die Größenordnung ist dieselbe. Man könnte meinen, 2 Prozent seien nicht viel. Vergleicht man dies jedoch mit den Vereinigten Staaten, dem eigentlichen Finanzzentrum der Weltwirtschaft, wo sich alle großen Banken der Welt konzentrieren, so beträgt der dortige Anteil der Bankgewinne lediglich 1 Prozent des BIP, und in den letzten Jahren ist ein Trend zur Verringerung dieses Wertes zu beobachten.
Die Banken selbst schaffen ja keinen Mehrwert, sondern verteilen ihn nur um. Sie sind ein riesiger Blutsauger, der sich an das Wirtschaftssystem geheftet hat. Dabei haben sowohl Elwira Nabiullina als auch Anton Siluanow wiederholt betont, dass keine zusätzlichen Steuern auf Bankgewinne eingeführt werden sollten. Der Staat lässt die Seinen, wie man so sagt, nicht im Stich.
Vor dem Hintergrund der Privilegien für das Großkapital und das Bankensystem gerät die Kleinunternehmerschaft zunehmend unter Druck […] Wenn es um die Gewinnverteilung geht, dominieren die Interessen des Privatkapitals. Das ist eine typische Vergesellschaftung der Verluste und Privatisierung der Gewinne. Der Staat verfolgt derzeit eine Wirtschaftspolitik, die nicht im Interesse der arbeitenden Mehrheit liegt – er betrachtet das Volk ausschließlich als Quelle für Ressourcen."
Das Zentrum für makroökonomische Analyse und kurzfristige Prognosen berichtete kürzlich: Die russische Wirtschaft steht kurz vor einer Stagflation. Der Finanzanalyst und Doktor der Wirtschaftswissenschaften Michail Beljajew kommentierte in einer Sendung des Radiosenders Komsomolskaja Prawda die Aussage der Experten des Zentrums und betonte, dass von Anfang an alles schiefgelaufen sei, da die Inflation in Russland keineswegs durch monetäre Faktoren verursacht werde, wie die Zentralbank zu versichern versuche. Beljajew erklärt:
"Die heutige Inflation und der Preisanstieg sind ganz und gar den Händlern zuzuschreiben. Und das wurde nicht erst im Jahr 1980 des vergangenen Jahrhunderts erkannt, sondern bereits in den 20er und 30er Jahren desselben Jahrhunderts. Es gab einen amerikanischen Wissenschaftler namens Gardiner Means, der dies als sogenannte 'administrierte Preise' bezeichnete und all dies den Monopolen zuschrieb, die auf dem Markt ihr Unwesen treiben und die Preise ungehemmt in die Höhe schrauben. Genau das ist bei uns passiert. Aus irgendeinem Grund gefällt diese Theorie der Zentralbank nicht. Sie ist der Ansicht, dass Inflation zwangsläufig ein monetäres Phänomen ist und mithilfe eines hohen Leitzinses bekämpft werden muss. Nun, die Zentralbank hat begonnen, die Inflation mithilfe eines hohen Leitzinses einzudämmen. Es ist ihr zwar gelungen, die Inflation ein wenig zu senken, aber vor allem hat sie damit die Wirtschaft erstickt. Hätte man unsere Wirtschaft nicht eingeengt und sie nicht mit diesem hohen Leitzins erstickt, hätte das Geld für alles gereicht – für die spezielle Militäroperation, für den Haushalt und für alles zusammen."
Der Ökonom Walentin Katassonow stellt im Gespräch mit dem Portal BusinessOnline ebenfalls fest, dass eine große Anzahl von Branchen der heimischen Wirtschaft im Vergleich zum entsprechenden Zeitraum des Jahres 2024 ein Minus verzeichnet und die Lage insgesamt wenig erfreulich ist. "Ich beobachte die Schwachstellen der russischen Wirtschaft und muss leider feststellen: Wir haben sehr viele solcher Schwachstellen […] Das ist eine Ausprägung der Ideologie des Wirtschaftsliberalismus – immer noch dieselbe, die nach Adam Smith darauf vertraut, dass die unsichtbare Hand des Marktes alles von selbst regeln wird. Nun, wie lange soll das noch so weitergehen?", wirft er ein und fährt fort, indem er so etwas wie eine Verschwörung der Oligarchen aufdeckt:
"Ich kann nicht umhin, auf den Beschluss einzugehen, der am 8. Dezember letzten Jahres in Kraft getreten ist – nämlich die Aufhebung der Beschränkungen für den Abfluss von Devisen aus Russland durch die Zentralbank. Es ist klar, dass diese Türen für Deviseneinlagen auf keinen Fall geöffnet werden durften, denn, wie Sie mir sicherlich zustimmen werden, es herrscht Krieg, und daher ist eine wirtschaftliche Mobilisierung erforderlich. Stattdessen werden jedoch die Türen für Deviseneinlagen geöffnet. Es ist offensichtlich, dass diese Entscheidung durch Lobbyarbeit durchgesetzt wurde. Zuvor gab es lediglich einen 'engen Flaschenhals', der es erlaubte, monatlich nur eine Million Dollar ins Ausland zu transferieren – sofern Interbankkanäle genutzt wurden. 12 Millionen US-Dollar pro Jahr sind für unsere Milliardäre natürlich Peanuts. Deshalb haben sie die Aufhebung der Beschränkungen durchgesetzt. Allerdings gab es viele Lobbyisten hinter dieser Entscheidung, und einer der wichtigsten war meiner Meinung nach Finanzminister Anton Siluanow, der einen schwachen Rubel brauchte."
Der Wirtschaftsprofessor Igor Belski warnt: Sobald die Wirtschaft in eine Phase der Stagnation und Krise eintritt, beginnt auch die Suche nach den Schuldigen. In Russland gehe man davon aus, dass jedes Problem einen Nachnamen, einen Vornamen und einen Vatersnamen habe, wie es Stalins Minister Kaganowitsch formulierte. Der Hauptvorwurf gegen die Zentralbankchefin Nabiullina wird offensichtlich der hohe Leitzins sein. "In diesem Fall leiden die meisten Firmen und Unternehmen des Landes unter dem hohen Zinssatz. Kredite sind teuer. Der Markt und ein Teil der Wirtschaftsbeamten sind der Meinung, dass der Zinssatz schneller hätte gesenkt werden müssen. Die Wirtschaft benötigt Unterstützung durch billiges Geld, außerdem wächst die Staatsverschuldung stark und bislang zu hohen Kosten. Es wäre wünschenswert, diese ebenfalls kostengünstig zu gestalten, durch eine rasche Senkung des Zinssatzes. Daran wird der Vertreter des Finanzzentrums des Landes schuld sein", meint Igor Belski. Dabei betont er, dass das Problem des Wirtschaftswachstums und der Entwicklung in Wirklichkeit tiefer liegt als der Zinssatz und die regulierenden Maßnahmen der Zentralbank zur Eindämmung der Inflation:
"Das Problem hat viel mehr Namen und Ursachen."
Und eine davon ist zweifellos die Korruption.
Bestechliche Amtsträger
Seit Beginn der militärischen Sonderoperation wird die Medienlandschaft regelmäßig von medialen Erdbeben erschüttert – mittlerweile sind Nachrichten über die Verhaftung eines weiteren hochrangigen Beamten, der Staatsgelder veruntreut hat, fast schon an der Tagesordnung. Und die aus dem Staatshaushalt unterschlagenen Summen gehen in die Billionen.
Behörden verzeichnen eine bisher beispiellose Dynamik bei Korruptionsfällen in den russischen Regionen. Allein im Jahr 2025 wurden mindestens 15 amtierende und ehemalige Stellvertreter der Leiter von Föderationssubjekten strafrechtlich verfolgt – dies entspricht in etwa der Gesamtzahl des vorangegangenen Fünfjahreszeitraums, schreibt der Telegram-Kanal Baschni Federazii.
Dabei haben die Sicherheitsbehörden in den letzten zehn Jahren 50 Vizegouverneure aus 23 Regionen ins Visier genommen und damit fast ein Viertel der administrativen Karte des Landes mit Strafverfahren erfasst. Doch gerade seit Anfang des vergangenen Jahres ist die Zahl der Korruptionsfälle in beispiellosem Tempo gestiegen.
Im Jahr 2025 gab es praktisch jede Woche Meldungen über die Festnahme hochrangiger regionaler Beamter. Moskau ging zum ersten Mal in solch großem Umfang gegen die außer Kontrolle geratene regionale Elite vor. Insgesamt haben die föderalen Strafverfolgungsbehörden im vergangenen Jahr über 100 hochrangige Beamte festgenommen. Dabei meldete die Generalstaatsanwaltschaft im vergangenen Jahr 36.000 registrierte Korruptionsdelikte und 24,5 Milliarden Rubel an beschlagnahmten Vermögenswerten, die dem Staat zuflossen, was ebenfalls eine Art Rekord darstellt, so die Medien.
Das Zusammenspiel zwischen dem FSB, dem von Alexander Bastrykin geleiteten Ermittlungskomitee und dem neuen Generalstaatsanwalt Alexander Guzan funktioniert seit Anfang letzten Jahres als einheitlicher Mechanismus zur Wiederherstellung der Ordnung in den Regionen. "Die föderale Führung hat erkannt: Die regionalen Eliten sind so sehr außer Kontrolle geraten, dass sanfte Maßnahmen nicht mehr greifen. Man musste chirurgisch ohne Betäubung vorgehen", berichtet der analytische Telegram-Kanal Baschni Federazii.
Nachfolgend beispielhaft einige der zahlreichen Schlagzeilen zu diesem Thema:
- Bei dem ehemaligen Abgeordneten der Staatsduma Anatoli Woronowski und mit ihm verbundenen Personen wurde Vermögen im Wert von über 20 Milliarden Rubel beschlagnahmt. Dies teilte der gemeinsame Pressedienst der Gerichte der Region Krasnodar am 19. Februar über seinen Telegram-Kanal mit.
- Das Gericht hat die Ermittlungen im Fall gegen den Gründer von Rusagro und ehemaligen Senator der Region Belgorod, Wadim Moschkowitsch, sowie den ehemaligen Generaldirektor Maxim Bassow abgeschlossen, berichtete die Zeitung Wedomosti. In der endgültigen Anklageschrift werden Betrug, vorsätzliche Insolvenz und Geldwäsche angeführt, wobei sich der Schaden auf 86 Milliarden Rubel beläuft.
- Timur Iwanow, der stellvertretende Verteidigungsminister, der für die Bautätigkeit zuständig war, wird beschuldigt, Bestechungsgelder in Höhe von mehr als 1 Milliarde Rubel angenommen zu haben. Gerade sein Ministerium war für den Bau von Kasernen und Truppenübungsplätzen verantwortlich, deren Qualität nun in Frage gestellt wird.
- Juri Jaskin, einer der führenden Beamten des Konzerns Roskosmos, begab sich auf Dienstreise nach Europa und kehrte nicht zurück, da er eine Untersuchung wegen großangelegter Unterschlagungen innerhalb seines Ressorts befürchtete. Dabei hatte er lange vor seiner Abreise Immobilien in Griechenland erworben und dort eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten. Nach vorliegenden Informationen hat sich Jaskin auf der Insel Kreta niedergelassen – in unmittelbarer Nähe des Marinestützpunkts Souda, dem größten Stützpunkt der NATO im östlichen Mittelmeerraum. Jaskin erwarb fünf große Grundstücke, Hotels und eine Villa – buchstäblich im unmittelbaren Umfeld dieses strategischen Objekts des Bündnisses.
Die Sanktionen des Westens spielen also, wie wir sehen, in der aktuellen Lage der russischen Wirtschaft eine völlig nebensächliche Rolle. Abschließend muss man die Worte von Michail Demurin erwähnen, einem ehemaligen hochrangigen Mitarbeiter des Außenministeriums und Publizisten, der der Ansicht ist, dass "im Zuge der Perestroika und der Konterrevolution seit dem Jahr 1991 Menschen an die Macht kamen, die für historisches Schaffen ungeeignet waren und zu ihrem eigenen Vorteil ein sekundäres und schädliches Ungeheuer der Unterwürfigkeit gegenüber dem Westen, des Marktes, der sozialen Segregation und der Abkehr von den eigenen Wurzeln geschaffen haben". Mit Wehmut stellt er fest:
"In all den folgenden Jahren haben sie, an der Macht festhaltend, unser Land ruiniert und ruinieren es weiterhin. Und die sich abzeichnenden Schwankungen in Richtung 'Traditionalismus' und 'Wende' nach Osten und Süden haben, wie wir sehen, unsere Lage nicht grundlegend verändert und zu keiner prinzipiellen Besserung geführt. Warum? Weil beides von denselben Leuten initiiert wurde und wird. Die tiefste Krise, die unser Land derzeit durchlebt, können wir mit den heutigen Eliten nicht überwinden."
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