Russland

Erstes sowjetisches Atom-U-Boot geht auf seine letzte Fahrt

Das allererste atomgetriebene U-Boot der Sowjetunion soll Teil des Marinemuseums von Kronstadt werden. Die K-3 war mit ihrer Indienststellung 1958 der Prototyp für Projekt 627 und blieb bis 1991 Teil der sowjetischen Marine. In einer Werft bei Murmansk wird das U-Boot für den Transport vorbereitet.
Erstes sowjetisches Atom-U-Boot geht auf seine letzte FahrtQuelle: Reuters © Yuri Maltsev

Das erste sowjetische Atom-U-Boot, das den Ehrennamen "Leninskij Komsomol" erhielt, befindet sich in der Vorbereitung für seine letzte Fahrt. In Kronstadt, vor Sankt Petersburg, soll die legendäre K-3 Exponat des Marinemuseums werden. Lange Zeit blieb das Schicksal der K-3 ungewiss. Seit dem Jahr 2005 befand sich das U-Boot in der Seewerft "Nerpa" (Robbe) auf der Halbinsel Kola im Nordwesten Russlands im Gebiet Murmansk. Gerade wird es für den Transport vorbereitet.

Nach Abschluss der Arbeiten soll die "Leninskij Komsomol" in ein Schwimmdock gebracht werden, in dem es durch den Weißmeer-Ostsee-Kanal nach Sankt Petersburg geschleppt wird. Nach der Restaurierung sollen wichtige Bereiche im Inneren des Schiffes wiederhergestellt und soll der freie Zugang für alle Personengruppen, einschließlich Personen mit eingeschränkter Mobilität, gewährleistet werden. Das Boot soll auf Metallstützen gestellt und von einer Glaskuppel überdacht werden.

Vor mehr als 60 Jahren, im Jahr 1958, wurde die K-3 Teil der sowjetischen Kriegsmarine. Im Jahr 1991 schied das U-Boot aus der Nordflotte der Sowjetunion aus. Im Original war das U-Boot 107,4 Meter lang, knapp 8 Meter breit und hatte einen Tiefgang von 5,6 Meter. Für den Antrieb sorgten zwei wassergekühlte Reaktoren mit 35.000 PS Wellenleistung. Nach dem Ausbau der Reaktoren ist das U-Boot etwas kürzer.

Rüstungswettstreit mit den USA

Zur Entwicklung des U-Boots kam es im Rahmen des Kalten Krieges, in dem sich die Sowjetunion und die USA befanden. Im Jahr 1945 hatten die Amerikaner durch ihren erfolgreich verlaufenen "Test", den Abwurf von zwei Atombomben auf Japan, der Welt demonstriert, wie zerstörerisch ihre neue Waffe war.

Der Einsatz in Flugzeugen war zu riskant. Es wurde die Idee von Unterseebooten entwickelt, die unbemerkt und ohne aufzutauchen ihre nukleare Ladung in die Nähe der gegnerischen Küste transportieren und von dort abfeuern könnten. Atombetriebene U-Boote waren die Lösung, da sie den Vorteil sehr langer Tauchzeiten hatten.

Mit 121 Tagen ununterbrochenen Tauchens hat im Jahr 1984 übrigens ein sowjetisches Atom-U-Boot den aktuellen Rekord aufgestellt. Zunächst waren aber die Amerikaner die treibende Kraft in der Konstruktion von Atom-U-Booten. Unter strenger Geheimhaltung bauten die USA im Jahr 1952 das erste Atom-U-Boot der Welt, die USS Nautilus. Die Sowjetunion musste aufholen.

Innovative Architektur der "K-3"

Im selben Jahr unterzeichnete Josef Stalin einen Erlass zum Bau sowjetischer Atom-U-Boote. Die Konstruktion des sowjetischen Atom-U-Boots unterschied sich aber stark von der amerikanischen Version. Die Nautilus entsprach fast exakt den äußeren Konturen eines konventionellen dieselgetriebenen U-Boots. Der Hauptunterschied bestand nur im nuklearen Antriebssystem.

Die Arbeit an der K-3 wurde praktisch von Grund auf neu durchgeführt. Der Schwerpunkt der Arbeiten lag auf der Qualität der Unterwasserfortbewegung des U-Boots. Aus diesem Grund war die K-3 schneller als die Nautilus. Bei Tauchtests erreichte das sowjetische U-Boot eine Geschwindigkeit von 28 Knoten, ohne dass die Reaktoren ihre volle Leistung erreichen mussten.

In der Bewaffnung lag der Schwerpunkt weiterhin auf der Verwendung traditioneller Torpedobewaffnung, aber mit der Möglichkeit, auch Torpedos mit Nuklearsprengköpfen einzusetzen. Spezielle vibrationsdämpfende Beschichtungen des Bootsrumpfs und geräuscharme Propeller sorgten für eine akustische Tarnung. Fuhr die K-3 mit mittlerer Geschwindigkeit auf Periskoptiefe, erzeugte das Boot weniger Lärm als die dieselelektrischen U-Boote.

Ganz ungewöhnlich soll das Innere des Atom-U-Boots gewesen sein. Zeitzeugen berichteten, dass jeder Raum in einer anderen Farbe gestrichen war. Verwendet wurden leuchtende, für das menschliche Auge angenehme Farbtöne. Eine Wand soll sogar mit einem Bild einer Sommerwiese mit Birken bemalt gewesen sein. Die Möbel waren spezielle Fertigungen aus Edelholz und multifunktional gestaltet.

Wie Champagner einen holprigen Start verursachte

Das Schiff wurde im Oktober 1957 zu Wasser gelassen, keine drei Jahre nach Kiellegung. 350 Betriebe aus der gesamten Sowjetunion hatten an dem Projekt mitgearbeitet. Die Reaktoren des "Leninskij Komsomol" wurden im September 1957 erstmals in Betrieb genommen und das Schiff lief am 9. Oktober 1957 vom Stapel. Den Namen "Leninskij Komsomol" erhielt das Boot übrigens von einem gleichnamigen Diesel-U-Boot der Nordflotte, das 1943 auf einer Kampffahrt gesunken war.

Am 1. Juli 1958 wurde das Schiff in die Flotte aufgenommen. Im Zusammenhang mit dem Start soll es zu einem kuriosen Zwischenfall gekommen sein. Die abergläubischen Matrosen wollten unbedingt eine Flasche Champagner an der Bordseite zerschellen lassen. Der zigarrenförmige Rumpf des U-Boots war aber mit einer Gummischicht überzogen, die Flasche wäre dort einfach abgeprallt.

Nur an einer Stelle, am horizontalen Ruder, befand sich keine Beschichtung. Erst soll sich niemand getraut haben, die Verantwortung auf sich zu nehmen und auf die kleine Stelle zu zielen. Dann erinnerte man sich daran, dass Frauen am besten den Schaumwein öffnen (russische Redewendung). Daher fand man eine junge Mitarbeiterin aus dem nahe gelegenen Konstruktionsbüro, der es in der Tat gelang, gleich beim ersten Mal die Champagnerflasche am ersten sowjetischen Atom-U-Boot zu zerschmettern.

Einsätze im Atlantik und am Nordpol

Im Jahr 1961 ging die K-3 auf seinen ersten Kampfeinsatz im Atlantischen Ozean. Im Juli 1962 führte das U-Boot eine lange Fahrt unter dem Eis des Arktischen Ozeans durch, auf der es zweimal den Nordpol passierte – ein Rekord in der Geschichte der sowjetischen Marine. Am 17. Juli 1962 tauchte die K-3 als erstes sowjetisches U-Boot der Flotte in der Nähe des Nordpols auf. Damit hatte man die Leistung der Amerikaner wiederholt, die vier Jahre zuvor mit dem Atom-U-Boot Nautilus zum Nordpol gefahren waren.

Insgesamt hat das erste einheimische Atom-U-Boot in seinen Dienstjahren 14 Langstreckenfahrten unternommen, darunter die erste Fahrt unter dem Eis in Grönland und der Kara-See. Am 15. Juni 1991 wurde die K-3 aus der Nordflotte abgezogen.

Konstruktionsfehler des "Prototyps"

Der Erfolg der K-3 schien aber nicht von Anfang an klar. Das Atom-U-Boot verließ sein Werk quasi im "Rohzustand", da es noch viele Mängel aufwies. Man könnte auch sagen, dass es ein Prototyp war. Darin unterschied sich die K-3 aber nicht wesentlich von seiner amerikanischen Konkurrentin, der Nautilus.

Das U-Boot wurde schließlich in großer Eile und von Grund auf neu entworfen und gebaut. Fast ständig waren Reparaturen, Änderungen und Umbauten erforderlich. Eine erfahrene Besatzung war nötig, um auf der Fahrt zum Nordpol die Instandhaltung des U-Boots zu gewährleisten und komplexe Reparaturen durchzuführen.

Ein Schwachpunkt des Schiffes waren die schlecht konstruierten und gefertigten Dampferzeuger, in denen es immer wieder zu mikroskopisch kleinen, schwer erkennbaren Rissen und Wasserlecks im (radioaktiven) Primär-Kreislauf kam. Zahlreiche Änderungen, Überarbeitungen und neue Schweißnähte wirkten sich ebenfalls aus. Dadurch war die Besatzung der K-3 radioaktiver Bestrahlung ausgesetzt, was man aber für ein derartig revolutionäres U-Boot in Kauf nahm. Um die Strahlendosis gleichmäßig zu verteilen, behalf man sich mit dem "Lüften" zwischen den mehr und den weniger kontaminierten Abteilen des U-Boots.

In der Geschichte des Schiffes gab es auch einen tragischen Moment. Während das U-Boot im Jahr 1967 in der Norwegischen See Wache hielt, brach ein Feuer aus. Der Besatzung der K-3 gelang es, das Feuer mit eigenen Mitteln zu bekämpfen, und das U-Boot kehrte aus eigener Kraft nach Hause zurück. Dennoch kamen dabei insgesamt 39 Matrosen ums Leben.

Museum in Murmansk oder Sankt Petersburg

Im Jahr 2003 kam die erstmals die Idee auf, das U-Boot als Museum der russischen U-Boot-Streitkräfte zu restaurieren und es anschließend nach Sankt Petersburg zu schleppen. Auch war die Frage, ob man das U-Boot nicht lieber in Murmansk lassen sollte, da die Stadt kaum Sehenswürdigkeiten besaß. Lange fehlte es aber sowieso am Geld.

Die unabhängige, gemeinnützige Organisation Ostrow Fortow (Insel der Festungen) kam für die Kosten auf, und bald wird es die K-3 in seinem Marinemuseum in Kronstadt empfangen. Doch auch diesmal waren die Amerikaner wohl etwas schneller: Das amerikanische Atom-U-Boot Nautilus wurde Besuchern bereits im Jahr 1986 als Museum zugänglich gemacht.

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