Russland

Russland: Verkehrspolizist erschießt versehentlich einen 19-Jährigen

Im Gebiet Nowosibirsk hat ein Inspektor der Verkehrspolizei bei einer Festnahme versehentlich einen 19-jährigen Mann erschossen. Der Streifenwagen versuchte, ein Auto mit stark getönten Scheiben zu stoppen. Der Fahrer ergriff daraufhin die Flucht.
Russland: Verkehrspolizist erschießt versehentlich einen 19-JährigenQuelle: RT

Ein tödliches Drama hat in Russland eine neue Debatte über Polizeigewalt ausgelöst. Bei der Festnahme eines mutmaßlichen Rechtsbrechers wurde dessen 19-jähriger Freund von einem Verkehrspolizisten erschossen – offenbar völlig unbeabsichtigt. Da das Opfer der aserbaidschanischen Gemeinde angehörte, sorgte sein Tod für zusätzlichen Zündstoff in der Region und in den sozialen Medien.

Der Vorfall ereignete sich bereits am 28. Mai auf einer Bundesstraße zwischen den westsibirischen Großstädten Tomsk und Nowosibirsk. Eine Gruppe bestehend aus drei jungen Aserbaidschanern fuhr mit einem weißen Toyota in Richtung Nowosibirsk. Ein Streifenwagen der Verkehrspolizei gab dem Fahrer das Zeichen, anzuhalten. Wie sich später herausstellte, waren die zu stark getönten Fensterscheiben des Autos der Grund hierfür. Nach Angaben der Polizei ergriff der weiße Toyota daraufhin die Flucht. Es folgte eine kurze Verfolgungsjagd.

Der Toyota kam schließlich auf einem Rastplatz zum Stehen, und der Fahrer stieg aus. Zwei weitere Personen ergriffen die Flucht. Innerhalb nur weniger Sekunden erreichte auch der Streifenwagen den Rastplatz. Nach einem kurzen Wortgefecht zerrten die beiden Beamten den jungen Mann in den Polizeiwagen. In diesem Moment kamen auch seine Begleiter zurück. Einer begann damit, das Geschehen mit seiner Handykamera festzuhalten, während der andere versuchte, einen der Polizisten aufzuhalten – dabei handelte es sich um das spätere Opfer Wagil Abdullajew.

Das verärgerte den Polizisten offenbar so, dass er den jungen Mann beschimpfte, ihm ins Gesicht schlug und seine Dienstpistole zog. Danach versuchte er, Abdullajew mit der Pistole in der Hand zu überwältigen und ihn festzunehmen. Das Geschehen wurde aus nächster Nähe gefilmt. Doch für einen kurzen Moment unterbricht der Filmende – der Schwager des Opfers – seine Videoaufnahme. Nach einer kurzen Zeit startete er sie erneut. In diesem Moment ist der Schuss schon gefallen. Der junge Mann sackt zusammen, Blut strömt aus seiner Schläfe. Der Polizist betrachtet darauf ratlos seine Pistole.

"Im Video ist zu sehen und zu hören, wie die Waffe entsichert und die Patrone in den Lauf zugeführt wird – nach Durchziehen des Schlittens ist der Hahn gespannt. Anschließend hätte der Polizist den Hahn entspannen und die Sicherung aktivieren müssen. Möglicherweise hat er nach Durchziehen des Schlittens und Zuführen der Patrone begonnen, die Sicherung zu aktivieren, ohne den Hahn vorher zu entspannen. Und da brach der Schuss", kommentierte ein Abonnent des Nowosibirsker Abschleppdienstes "ACT-54", der über eine populäre Internetcommunity verfügt.

Er zeigte in einer ACT-54-Reportage anhand der als Dienstwaffe weit verbreiteten Makarow-Pistole, wie der tödliche Schuss abgefeuert werden konnte. Die abschließende Antwort auf die Frage, wie es zum Schuss gekommen ist, wird die Untersuchung geben. Der Verkehrspolizist Alexander Gusew wurde festgenommen. Gegen ihn wird wegen übermäßiger Gewaltanwendung und fahrlässiger Tötung ermittelt.

Abdullajew wurde in äußerst kritischem Zustand ins nächstliegende Krankenhaus in der Kleinstadt Moschkowo eingeliefert und dort einer Notoperation unterzogen. Während seiner Behandlung kamen Dutzende Aserbaidschaner in den Ort, um ihre Unterstützung zu zeigen. Allein in der Stadt Nowosibirsk leben bis zu 70.000 ethnische Aserbaidschaner. Die meisten von ihnen haben sich noch zu Sowjetzeiten in der Region angesiedelt. 

Über das Verhalten der aserbaidschanischen Männer im Ort gibt es widersprüchliche Angaben. Laut mehreren Dorfbewohner hätten die Besucher das Krankenhaus belagert und Druck auf das Medizinpersonal ausgeübt, dem Polizisten Gusew und seiner Familie, die im selben Ort wohnt, gedroht.

Eine Einheit der Spezialpolizei OMON wurde angesichts der angespannten Lage nach Moschkowo beordert und sperrte das Territorium um das Einfamilienhaus des Verkehrspolizisten ab. Medien zufolge habe seine Familie den Ort verlassen. Es gelang, Zusammenstöße zu vermeiden. Der Leiter der Vereins "National-kulturelle Autonomie der Aserbaidschaner in Nowosibirsk", Rasim Sahib Ogly Babayew, konnte beruhigend auf seine Landsleute einwirken und sie überzeugen, die offiziellen Ergebnisse der Untersuchung abzuwarten.

Als Abdullajew zwei Tage später verstarb, verließen die Aserbaidschaner Moschkowo. Im Zentrum von Nowosibirsk hatten mehr als ein Dutzend von ihnen einen Autokorso zum Gedenken an Abdullajew veranstaltet. "Wir wollen Gerechtigkeit, der Mörder soll seine Strafe bekommen", sagten sie in einer Videoansprache. 

Der tragische Vorfall und die Reaktion darauf vonseiten der in Russland lebenden Aserbaidschaner rief in den Medien und im Internet heftige Diskussionen hervor. Sowohl der Polizist als auch die Bekannten des Opfers wurden heftig kritisiert.

"Einer der Insassen (des weißen Toyota) leistete bei der Festnahme aktiven physischen Widerstand", betonte die Sprecherin der Nowosibirsker Polizei in ihrer Stellungnahme. Mit dem Ziel, die "unrechtmäßige Handlung zu unterbinden", habe der Polizist seine Waffe gezogen. Ungeachtet dessen habe der Mann "seine gesetzwidrigen Handlungen" fortgesetzt.

"Während des Kampfes kam es zu einem unfreiwilligen Schuss", so die Sprecherin.

In seinem Telefongespräch mit ACT zeigt sich der Onkel des Opfers empört. "Warum hat er (der Polizist) eine tödliche Waffe nahe des Kopfes gehalten? Sie hielten nichts in der Hand, sie haben niemanden bedroht. Geben getönte Autoscheiben ihnen (den Polizisten) das Recht, sich so zu verhalten?" Hinter der Geschichte stecke viel mehr, als man denkt. "Warum befand sich nur eine Patrone im Magazin?", fragt er. Nach in Russland geltenden Regeln müssen die Polizisten zwei volle Magazine bei sich führen. Diese müssen jedoch getrennt von der Waffe gehalten werden. Wie Medien später berichteten, hatte der Polizist nur eine Patrone im Magazin. 

Nach Ansicht des Juristen Alexei Arzhannikow hat sich der Polizist gesetzeskonform verhalten und hatte das Recht, die Waffe zu ziehen. Danach habe er jedoch inkompetent gehandelt.

"Er hatte kein Recht, mit der Waffe in seiner Hand zu ringen", so der Experte.

Am Ende der Reportage ergreift ein ACT-Ausbilder das Wort: "Es tut mir leid um den Kerl." Als Hauptproblem in der Geschichte sieht er aber den fehlenden Respekt vor Polizisten. Bei vielen herrsche eine falsche Mentalität. Wenn junge Fahrer gegen die Regeln verstoßen, könne ihnen nichts passieren, sagt er mit Blick darauf, dass Abdullajew einer bekannten Familie angehörte und sein Vater ein Unternehmer war. "Aber der Fehler des Polizeibeamten ist offensichtlich."

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