Russland

Ehemalige US-Gefangene Maria Butina besucht Nawalnys Strafkolonie – seine Anhänger in Rage

Die Einrichtung, in der Alexei Nawalny untergebracht ist und die von einem ehemaligen Häftling als "unmenschlich" und "wahre Hölle" beschrieben wurde, gleicht eher einem "Pfadfinderlager" als einem Gefängnis. Das sagt Maria Butina, selbst eine ehemalige Inhaftierte.
Ehemalige US-Gefangene Maria Butina besucht Nawalnys Strafkolonie – seine Anhänger in Rage© RT

Die 32-jährige Russin Maria Butina, die am Donnerstag Nawalnys Strafkolonie in der Nähe von Moskau besuchte, war 2018 in den USA für schuldig befunden worden, als nicht registrierte ausländische Agentin in den USA tätig gewesen zu sein. Nach fast einem Jahr in Untersuchungshaft hatte sie fünf Monate in einer Bundesvollzugsanstalt in Tallahassee, einem Mindestsicherheitsgefängnis in Florida, verbracht, bevor sie nach Moskau abgeschoben wurde.

"Ich habe ihm (Nawalny) sogar eine Frage gestellt: Versteht er den Unterschied zwischen einem Gefängnis und einem Sanatorium?", schrieb Butina auf ihrem Telegram-Kanal. "Ich habe mir die Strafkolonie genau angeschaut. Sie war fast vorbildlich, und im Vergleich zu dem, was ich (in den USA) gesehen hatte, war sie eher wie ein Pfadfinderlager."

Die ehemalige Gefangene bezweifelte Nawalnys Behauptung, dass er unter Schmerzen leide und sich kaum bewegen könne. Sie vermutete, dass der Oppositionelle über den vermeintlichen Schlafentzug gelogen hat. Nawalnys Anwälte behaupteten letzte Woche, er werde von Gefängniswärtern gefoltert, die ihn einmal pro Stunde in der Nacht aufweckten.

"Nawalny geht es ganz normal", schrieb sie nach dem Besuch beim Oppositionellen, "er sieht nicht aus wie eine Person, die 'nicht schlafen darf'." Der Bettnachbar Nawalnys sagte, dass ein Wächter nachts alle zwei Stunden den Schlafraum betritt, um sich der Anwesenheit Nawalnys an seinem Platz zu vergewissern, weil er als "zu einer Flucht geneigt" eingestuft ist. Er bestätigt das verbal und mit einer Videokamera, die Leute werden dabei nicht geweckt. Außerdem sei Nawalny der Einzige, der mit Ohrenstöpseln und einer Nachtmaske schläft. Der Innenraum ähnelt einer Kaserne, wobei die meisten Schlafplätze unbelegt sind – die Strafkolonie ist stark "unterbelegt".

Laut Butina sind die Unterbringungsbedingungen in den USA mit denen in Russland nicht zu vergleichen. In ihrem veröffentlichten Buch über ihre Zeit im US-Gefängnis schilderte Butina, dass sie selbst darunter litt, keine vollständige Nachtruhe zu bekommen.

"Tag und Nacht, alle 15 Minuten wurde ich durch das Einschalten des Lichts geweckt. Sobald ich wieder einschlief, ging die Wache durch den Metalldetektor, und es gab einen Piepton", schrieb sie.

Ihr Besuch bei Nawalny wurde von dessen Anhängern scharf kritisiert, wobei der Oppositionelle selbst sie im Gespräch mit Butina als "Propagandistin" und "Parasiten" bezeichnete. Besser wäre es gewesen, einen Arzt statt Butina zu Nawalny zu lassen, schrieben die Anhänger Nawalnys in den sozialen Medien. Sie glauben nach wie vor, dass Nawalny ein Arztbesuch verweigert wird. Eine seiner engsten Vertrauten, die in London ansässige Maria Pewtschich, sagte, es sei Butina, die statt Nawalnys im Gefängnis sein sollte.

Nawalny befindet sich derzeit in der Strafkolonie für Ersttäter Nr. 2 (IK-2) in Pokrow, einer Stadt in der Region Wladimir, nicht weit von Moskau. In den letzten Jahren waren dort der politische Aktivist Konstantin Kotow, der kürzlich nach etwas mehr als einem Jahr hinter Gittern entlassen wurde, und Dmitri Demuschkin untergebracht, ein wegen Extremismus verurteilter russischer Nationalist.

Butinas Einschätzung der Strafkolonie unterscheidet sich deutlich von den zuvor veröffentlichten Beschreibungen der Vollzuganstalt. In einem RT-Interview vom März 2019 beschrieb Demuschkin sie als eines der härtesten Gefängnisse des Landes. "Du stehst entweder sechs oder acht Stunden am Tag, oder du sitzt mit geradem Rücken, die Beine zusammen, die Hände auf den Knien, und du kannst nichts tun", sagte er.

"Du rennst von morgens bis abends, befolgst alle Befehle im Sprint, mit dem Kopf nach unten, immer mit den Händen auf dem Rücken, auch in der Kaserne. Wir hatten die wahre Hölle in Pokrow. Unmenschliche Bedingungen."

Der Besuch vor Ort und Gespräche mit anderen Insassen zeichnen jedoch ein anderes Bild. Der Tag ist zwar streng geregelt – Morgenappell, medizinische Begutachtung, Arbeit wie etwa das Nähen der Bekleidung, die Erfüllung der Dienstpflichten, der Besuch einer Schule. "Dies ist kein Sanatorium, sondern eine Justizvollzugsanstalt", sagte Nawalnys Nachbar, mit dem RT sprach. Aber jedem Häftling stehen täglich zwei Stunden Freizeit zur Verfügung und am Wochenende fast der ganze Tag. In der RT-Reportage, die am nächsten Tag nach Butinas Besuch ausgestrahlt wurde, werden helle, großzügige Räume der Insassen gezeigt. In der Ecke steht eine Tischtennisplatte, es gibt einen Aufenthaltsraum mit Fernseher, einen Sportplatz, eine Bücherei, einen Lebensmittelladen und ein Besucherzentrum mit Apartments, in denen die Häftlinge mit ihren Familien bis zu drei Tage am Stück verbringen können.

Im Februar wurde Nawalny zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und acht Monaten verurteilt, nachdem er für schuldig befunden worden war, gegen die Bewährungsauflagen verstoßen zu haben. Diese war Nawalny 2014 auferlegt worden, als er für die Veruntreuung von 30 Millionen Rubel (beim Kurs zur Tatzeit ca. 750.000 Euro) von zwei Unternehmen, darunter die französische Kosmetikmarke Yves Rocher, verurteilt worden war. Die Staatsanwaltschaft behauptete, er habe es systematisch versäumt, sich wie vorgeschrieben bei den Behörden zu melden.

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