Russland

Nawalny als Instagram-Häftling und seine Frau Julia: Eine neue Seifenoper für deutsche Medien?

Die deutschen Medien zeichnen den russischen oppositionellen Aktivisten Alexei Nawalny gerne als humorvoll und redegewandt und seine Frau als Shooting-Star der Lifestyle-Branche. Andere Seiten des inhaftierten Bloggers werden dabei fast völlig ausgeblendet.
Nawalny als Instagram-Häftling und seine Frau Julia: Eine neue Seifenoper für deutsche Medien?Quelle: Reuters © Tatyana Makeyeva

von Wladislaw Sankin

Wie eine handgeschriebene Notiz eines Häftlings, die er offenbar seinem Anwalt übergab, beinahe zu einem weltbewegenden Ereignis hätte werden können, zeigte die Deutsche Presse Agentur (dpa) in einem Artikel. Am Dienstag titelte sie:

"Nawalny scherzt über Haftbedingungen: Ich lebe wie im Raumschiff"

"In seiner gewohnt humorvollen Art hat der russische Kremlkritiker Alexei Nawalny seine Haft mit der Reise in einem Raumschiff verglichen", schreibt die dpa und zitiert Nawalny auf seinem Instagram-Account: "Es ist ganz und gar wie in einem Kinofilm über den Weltraum: Mit mir kommuniziert die Kommandozentrale eines Raumschiffs." Und weiter: "Eine Stimme aus der Wand sagt: 'Drei-null-zwei, machen Sie sich bereit für die Sanitäranlage.' Und ich antworte: 'Aha, okay, in zehn Minuten. Ich trinke nur noch schnell den Tee aus.' "

"Ja, Weltraumausflüge sind auch gefährlich", heißt es weiter. Der Flug könne sich etwa "wegen eines Navigationsfehlers" in die Länge ziehen, schrieb Nawalny – offenbar eine Anspielung auf weitere Gerichtsverfahren, die dem 44-Jährigen in Russland noch drohen. Er war vor rund zwei Wochen in einem international heftig kritisierten Prozess zu mehreren Jahren Straflager verurteilt worden."

Auch das RedaktionsNetzwerk Deutschland  (RND) hat die Meldung übernommen und Nawalnys Instagram-Text als Ganzes in einen Artikel eingefügt. Nun musste aber die Nachricht über Nawalnys Raumschiff-Vergleich mit einer anderen Nachricht des Tages konkurrieren:

"Julia Nawalnaja lässt sich als 'Heldin' fotografieren."

Auch diese Meldung hatte die dpa am Montag platziert, und so zitierten auch diese Meldung am Dienstag  Die Welt und wiederum das RND. "In den russischen Medien wird von einer 'Sensation' gesprochen: Julia Nawalnaja, Ehefrau des Oppositionspolitikers Alexei Nawalny, hat sich für ein Lifestyle-Magazin als 'Heldin' fotografieren lassen. Die Bilder entstanden während ihres Aufenthalts in Deutschland."

Der dpa-Artikel schließt wieder mit einem Instagram-Zitat ab:

"Nawalnaja wird bisweilen als 'First Lady' der russischen Opposition bezeichnet. Sie hatte sich zuletzt am Valentinstag bei Instagram zu Wort gemeldet, als es in vielen russischen Städten eine Solidaritätsaktion für ihren Mann und viele andere politische Gefangene gab."

Die an den Sankt-Martins-Umzug erinnernde Solidaritätsaktion am Valentinstag mit Taschenlampen und Handy-LEDs war wiederum der Deutschen Welle einen Artikel wert. Zur Liebe zwischen Alexei und Julia schrieb der deutsche Auslandssender:

"Nawalny selbst sendete seiner Frau auf Instagram einen Valentinstagsgruß.'Ich liebe dich', stand dort unter einem Bild, das die beiden gemeinsam zeigt. Julia Nawalnaja reagierte prompt und postete ein Foto, auf dem sie und Alexei mit einigem Abstand voneinander auf einer Bank sitzen und die Hände nacheinander ausstrecken. 'Ich bin nicht traurig, ich weiß, dass alles gut werden wird', schrieb sie dazu."

Was können die deutschen Medien sonst noch von den Instagram-Geschichten des glamourösen russischen Pärchens schöpfen? Sicher nicht das, was in der russischen Gesellschaft derzeit in Bezug auf den Blogger Nawalny viele Menschen wirklich bewegt. Denn ausgerechnet am Valentinstag passierte etwas Wichtiges – die russlandweite Aktion, die eindrucksvolle Bilder von einem Meer aus Handylichtern produzieren sollte, hatte sich als Flop erwiesen. Zumindest stand das Resultat in keinem Verhältnis zur millionenfachen Reichweite der digitalen Medien, die zu dieser zweifellos einfachen und ungefährlichen Art eines Protestes aufgerufen hatten. Auf den verschneiten Plätzen russischer Städte konnten sich im besten Fall nur kleine Gruppen von Personen treffen, oft war aber auch gar niemand da. Im Zentrum Moskaus versammelten sich Gruppen von maximal mehreren Dutzend Menschen. Die Deutsche Welle fand für ihren Artikel ein passendes Foto mit gerade einmal zehn Demonstrierenden in Wladiwostok.

Hätten die deutschen Medien aber auch davon Notiz genommen und nicht nur von den Raumschiff-Vergleichen Alexei Nawalnys, dann müssten sie sich wohl die Frage stellen, warum jetzt so wenige dem Aufruf "Liebe statt Angst" vom Nawalny-Team gefolgt waren. Die Antwort auf diese Frage hätte sie vermutlich weiter in den Saal des Moskauer Babuschkinski-Gerichtes geführt, wo in den letzten Wochen bislang drei Verhandlungen zur Anzeige gegen Nawalny wegen der Verleumdung eines Veteranen des Großen Vaterländischen Krieges stattfanden.

Denn über diese Verhandlungen haben deutsche Medien eher  spärlich berichtet. Auch wurde auf sonst so beliebte Nawalny-Zitate fast völlig verzichtet, außer wenn Nawalny die Richterin angriff. Nur das war dann aus der Sicht beim Spiegel wirklich mutig und deshalb berichtenswert:

"Nawalny liefert sich Wortgefechte mit Richterin – Der Kremlgegner…  nutzt die Gelegenheit für scharfe Attacken auf die russische Justiz."

Am zweiten Verhandlungstag hätte sich Nawalny kampflustig und in seiner gewohnt humorvollen Art gezeigt, schrieb  Der Spiegel fast anerkennend über das recht auffällige Verhalten seines langjährigen Protagonisten im Moskauer Gerichtssaal.

So könnte womöglich auch der Vorschlag Nawalnys, auf dem Tisch der Richterin ein deutsches Maschinengewehr aufzustellen, als eine Art dieses berühmten Nawalny-Humors verstanden werden:

"Das Verhör in einer Nazi-Kommandantur ist dieser Gerichtssitzung sehr ähnlich. Euer Ehren, bitte erlauben Sie mir, Sie nicht mit 'Euer Ehren', sondern mit 'Obersturmbannführerin' anzusprechen. Ich wünschte nur, dass Sie ein deutsches Maschinengewehr bekommen, damit würden Sie toll aussehen."

Oder die immer wiederkehrenden Beschimpfungen gegenüber der Verwandten des Veteranen, die laut Nawalny wie Prostituierte mit ihrem Großvater handelten. Der Veteran, der früher zusammen mit einem weiteren Dutzend Personen des öffentlichen Lebens – mit den Teilnehmern eines RT-Videos für die Abstimmung über Verfassungsänderungen – von Nawalny bereits als Verräter, Lakai und Schande für das Land verunglimpft wurde, sei eine "Marionette" in den Händen gieriger Verwandter und "käuflicher" RT-Reporter.

RT-Producerin Olga Bataman, die das Video mit dem damals 94-jährigen Kriegsteilnehmer  Ignat Artjomenko organisierte, sagte vor dem Ermittlungskomitee als Zeugin aus. In einer Live-Sendung erzählte sie unter Tränen im Gesicht über ihre Begegnung mit Artjomenko und seine Familie als ein für sie "erhellendes Erlebnis".

"Ein Satz des Enkels ist bei mir in Erinnerung geblieben: 'Der Opa ist bei uns beliebt.' Der ganze Dreh war aus Produktionssicht so sauber und transparent, unsere Begegnung mit dem Veteranen und seiner Familie so schön und beflügelnd, dass der ganze Dreck, der während des Prozesses ausgeschüttet wird, dadurch noch abscheulicher und niederträchtiger wird."

Spätestens nach diesem Prozess könnte vielen Menschen in Russland klar werden, wie wenig Nawalnys Verhalten mit Liebe gemein hat. Vielleicht hat der Flop mit den Lichter-Protesten am Valentinstag auch mit dieser Ernüchterung zu tun. Das könnte zumindest eine mögliche Erklärung dafür sein.

Vermutlich nur nicht für deutsche Medien. Würde Nawalny von ihnen nicht zum "gefährlichsten Kritiker" des Kremls auserkoren sein, müssten vermutlich auch sie sein Verhalten jüngst im Gerichtssaal gegenüber der Justiz, dem Kriegsveteranen und dessen Verwandten in Anwesenheit von Zeugen und Journalisten mit Sicherheit pöbelhaft nennen. Aber weil er offenbar noch für lange Zeit als "russischer Oppositionsführer" geadelt bleibt, für dessen Freilassung "ganz Europa" und die USA entschieden eintreten, dürfte auch sein Instagram-Kanal wohl noch lange als Hauptnachrichtenquelle gelten. Zumindest für die dpa und ausschließlich daraus schöpfende Medien.

RT DE bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

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