Russland

V für "Victory": Exklusivinterview mit Chef des Gamaleja-Instituts über Corona-Impfstoff Sputnik V

Das russische Corona-Vakzin Sputnik V des Gamaleja-Instituts für Epidemiologie und Mikrobiologie hat weltweit für Furore gesorgt. Im Gespräch mit RT beantwortete der Leiter des Forschungszentrums, Alexander Ginzburg, wichtige Fragen zu dem bahnbrechenden Impfstoff.
V für "Victory": Exklusivinterview mit Chef des Gamaleja-Instituts über Corona-Impfstoff Sputnik VQuelle: Sputnik © Wladimir Pesnja

Entwicklung in Rekordzeit

Die phänomenale Zügigkeit, mit der Sputnik V entwickelt und für zivilen Gebrauch freigegeben wurde, sorgte in der ganzen Welt für viel Aufsehen. Der gesamte Weg von der Aufnahme des Staatsauftrags und der Erlangung der Finanzierung bis zur Registrierung des Impfstoffes nahm lediglich fünf Monate in Anspruch. Die spektakuläre Errungenschaft ist der wissenschaftlichen Leistung der Mitarbeiter des Gamaleja-Instituts zu verdanken, die der Produktion von Sputnik V vorausging.

Vor rund 25 Jahren hatten die Fachkräfte des Forschungszentrums mit der Entwicklung einer technologischen Plattform begonnen, auf deren Grundlage heute der weltweit erste COVID-19-Impfstoff auf den Weg gebracht wurde, erklärte Ginzburg im Interview mit dem Journalisten Anton Krassowski. Zuvor wurden auf der Plattform bereits zwei andere Vakzine gegen die Viren Ebola und MERS entwickelt, sodass die gesammelte Erfahrung bei der Herstellung von Sputnik V eingesetzt werden konnte. Somit ist der russische Impfstoff gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 im Prinzip keine Novität, sondern vielmehr eine Modifikation seiner Vorgänger, sagte Ginzburg.

Trotz aller begünstigenden Faktoren wurden die Forscher bei der Entwicklung von Sputnik V auch mit gewissen Schwierigkeiten konfrontiert. Neben dem vollkommen unberechenbaren Ausbruch der Corona-Gesundheitskrise bestand eine besondere Herausforderung auch darin, dass ein Impfstoff erstmals mitten in einer grassierenden Pandemie geschaffen werden musste. Zuvor wurde diese Arbeit seit der Entstehung des weltweit ersten Impfstoffes gegen Pocken Ende des 18. Jahrhunderts immer in der Zwischenzeit der Pandemien durchgeführt.

Wirkungsprinzip

Sputnik V wurde auf der Basis des menschlichen Adenovirus geschaffen, aus dem mithilfe von Gentechnik alle Gene entfernt wurden, die für die Vermehrung des Virus zuständig sind. Diese Gene wurden mit den Genen des Coronavirus SARS-CoV-2 ersetzt, die Informationen über die Struktur der Spike-Proteine codieren – auf dieselbe Weise wie auch bei der Entwicklung der Impfstoffe gegen Ebolafieber und das Coronavirus MERS.

Mittlerweile werden alle bisher vorhandenen COVID-19-Impfstoffe, darunter die Präparate von BioNTech und Pfizer, Moderna, AstraZeneca und auch Sputnik V, nach demselben fundamentalen Prinzip hergestellt. Als Vektorvakzine transportieren sie die Gene des Coronavirus mit der darin verschlüsselten Information über die Struktur der Spike-Proteine in die Zellen der Geimpften. Diese dringen in die Zellen ein und rufen daraufhin eine entsprechende Immunantwort hervor. Dazu gehört auch die Bildung virusneutralisierender Antikörper.

Während das Wirkungsprinzip bei den Corona-Impfstoffen aller Pharmakonzerne gleich ist, unterscheiden sie sich nach der Art und Weise, wie das Gen des Erregers in die Zellen geliefert wird. So wird dieses Gen bei den Mitteln von BioNTech/Pfizer und Moderna in Form von RNA zugeführt, wobei die restlichen Vakzine das DNA des Virus gehüllt in Adenovirus-Proteine verwenden.

Dieser Unterschied wirkt sich unter anderem auf die Temperaturbedingungen aus, die bei der Lieferung jeder der beiden Impfstoffarten erfüllt werden müssen, was deren Transportation wesentlich erschwert. Während das Präparat von BioNTech und Pfizer unter minus 70 Grad Celsius aufbewahrt werden muss, reichen für Sputnik V minus 18 Grad Celsius. Laut den neuesten Erhebungen bleibt die Struktur des russischen Impfstoffes sogar schon bei Kühlschranktemperaturen von plus zwei bis plus vier Grad Celsius erhalten, so Ginzburg.

Sputnik V versus AstraZeneca

Laut Ginzburg bestehen zwischen Sputnik V (das V steht dabei für Victory, z.Dt. Sieg) und einem seiner wichtigsten Konkurrenten des britischen Pharmaunternehmens AstraZeneca zwar wenige, jedoch ziemlich wesentliche Unterschiede. Laut dem Direktor des Gamaleja-Zentrums beschritten AstraZeneca zusammen mit der Universität Oxford den klassischen Weg, indem sie ihr Vakzin nach dem Prinzip der Impfstoffe gegen die aerogen übertragenen Erreger wie etwa die Grippe entwickelten. Dieses Mittel wird in einer einmaligen Impfung verabreicht und bietet einen Schutz gegen die Infektion für drei bis vier Monate.

Im Gegensatz zur Grippe ist COVID-19 jedoch keine Saisonkrankheit, unterstrich Ginzburg. Dieser Faktor wurde bei der Produktion von Sputnik V berücksichtigt. Damit die durch die Wirkung des Präparats ausgelöste zellulare Immunantwort möglichst lange anhält, bekommt man zwei Dosen des Impfstoffes, wobei die beiden Injektionen über immunologisch verschiedene Vektorkomponenten verfügen sollen.

Alexander Ginzburg begrüßte die Vereinbarung, die am Montag zwischen dem Russischen Fonds für Direktinvestitionen (RDIF) und AstraZeneca zur gemeinsamen Herstellung des Corona-Impfstoffes erzielt wurde. Im Laufe der gemeinsamen klinischen Studien sollen die Sicherheit, Immunogenität und Protektivität ihrer Neuentwicklung getestet werden. Dabei schloss der Chef des Gamaleja-Instituts nicht aus, dass das Endprodukt dieser Zusammenarbeit auch die Verbraucher aus Westeuropa anlocken könnte.

Die Schwachstellen des BioNTech/Pfizer-Impfstoffes 

Im Laufe der klinischen Studien von Sputnik V wurde die absolute Sicherheit des Vakzins für die menschliche Gesundheit nachgewiesen. Hingegen wiesen die Impfstoffkandidaten anderer Hersteller massive Nachteile auf, die für teils schwere Nebenwirkungen sorgten. So besteht das Hauptproblem bei dem RNA-Impfstoff von BioNTech und Pfizer, dass große RNA-Mengen beim Eindringen in unsere Zellen als ein Gefahrensignal wahrgenommen werden und die Schutzmechanismen des Organismus aktivieren, da die RNA in freier Form in den Zellen nicht vorhanden ist. Deswegen mussten BioNTech und Pfizer große Bemühungen unternehmen, um die RNA in ihrem Präparat zu modifizieren, damit sie von Schutzproteinen der Zellen nicht erkannt wird.

Trotzdem werden manche Empfänger des BioNTech/Pfizer-Mittels großen Gesundheitsrisiken ausgesetzt. Unter anderem wurden bei einem geringen Prozentanteil der Allergiker, was allerdings im Maßstab der groß angelegten Impfkampagne Tausende Menschen betreffen könnte, nach dem Empfang des Impfstoffes allergische Reaktionen bis zum Quincke-Ödem und Fazialislähmung beobachtet. Aus der Sicht des Direktors des Gamaleja-Zentrums könnten die beiden Pharmakonzerne deswegen beim Umsatz ihres Vakzins künftig auf große Schwierigkeiten stoßen.

Produktionsmengen von Sputnik V

Laut Ginzburg wurden in Russland zunächst 350.000 Portionen von je zwei Impfdosen von Sputnik V für den zivilen Umlauf freigegeben. Bis Januar 2021 sollen die Betriebskapazitäten aller fünf russischen Produktionsplattformen auf zusammengerechnet fünf bis sechs Millionen Impfdosen pro Monat erhöht werden. Zudem ist für Ende Januar die Inbetriebnahme einer weiteren Fabrik geplant, die über eine Produktionskapazität von bis zu zehn Millionen Impfdosen monatlich verfügen soll. Dies soll ermöglichen, bis Ende des kommenden Jahres die ganze Bevölkerung Russlands gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 zu impfen und sogar ein gewisses Exportpotenzial des Vakzins zu sichern.

Inzwischen wird Sputnik V im Rahmen der zuvor erzielten Vereinbarungen bereits auch auf mehreren Produktionsstellen außerhalb Russlands hergestellt, darunter in Indien und Südkorea. Gleichzeitig beteiligen sich mittlerweile rund ein Dutzend Staaten weltweit an den klinischen Tests des russischen Impfstoffes unter der Ägide des RDIF. Dazu gehören solche Länder wie Weißrussland, Kasachstan, Usbekistan, Ungarn und Argentinien.

Altersbeschränkungen und Schutzdauer

Bisher wurde Sputnik V für die Menschen im Alter zwischen 18 und 60 Jahren empfohlen. Die Tests des Vakzins an einer älteren Altersgruppe sollen noch bis zum Jahresende andauern, sodass der Impfstoff bereits ab dem kommenden Jahr für alle volljährigen Bürger ohne Altersbegrenzungen zugelassen werden könnte. Die Sicherheit und Wirksamkeit des Präparats konnte Ginzburg aus eigener Erfahrung bestätigen – der 69-Jährige ließ sich selbst bereits im März mit Sputnik V impfen.

Die Dauer der Schutzwirkung von Sputnik V soll mit der Effektivität eines ähnlichen Präparats des Gamaleja-Forschungszentrums gegen das Ebolavirus verglichen werden können, das im Laufe der Beobachtungen eine protektive Immunität für zwei Jahre hervorgerufen hatte.

In den kommenden Tagen sollen die Ergebnisse der Testphase III der klinischen Studie von Sputnik V der breiten Öffentlichkeit präsentiert werden, die noch bestehende Bedenken gegenüber dem bahnbrechenden russischen Impfstoff aus dem Weg räumen sollen, sagte Ginzburg.

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