Nordamerika

E-Zigarette: Was steckt hinter den Todesfällen in den USA?

Vor zwei Tagen gab der US-Einzelhandelsriese Walmart bekannt, keine E-Zigaretten mehr verkaufen zu wollen. Hintergrund ist eine Welle mysteriöser Erkrankungen und Todesfälle. Noch ist unbekannt, was der Auslöser ist. Doch eine Theorie scheint sich zu erhärten.
E-Zigarette: Was steckt hinter den Todesfällen in den USA?Quelle: AFP © Mark Ralston

In den USA sind inzwischen mehr als 900 Fälle von Lungenverletzungen nach dem Gebrauch von E-Zigaretten erfasst. Die Ursache sei weiter nicht bekannt, es werde zusammen mit anderen Behörden über mehrere Bundesstaaten hinweg ermittelt, teilte die US-Gesundheitsbehörde CDC am Donnerstag mit. Acht Todesfälle wurden bislang gemeldet, die offenbar auf die Nutzung von E-Zigaretten zurückgehen. Die US-Behörden warnten erneut alle Nutzer vor dem Gebrauch.

In Deutschland und auch europaweit ist bislang kein ähnlicher Anstieg solcher Fälle bekannt. Die Beschwerden scheinen sich auf Benutzer in den Vereinigten Staaten zu beschränken. Die Betroffenen dort rauchten in den meisten Fällen THC zusammen mit Nikotin. THC steht für Tetrahydrocannabinol. Die Substanz steckt in Cannabis und ist hauptsächlich für die berauschende Wirkung der Droge verantwortlich.

Hinzu kommt, dass im Fall der erkrankten und verstorbenen Nutzer das THC auf der Straße erworben worden sein und es sich dabei um illegal gestreckte THC-Öle gehandelt haben könnte. Es ist schon länger bekannt, dass in den USA zum Beispiel Vitamin-E-Acetat genutzt wird, um durch die dadurch entstehende höhere Zähflüssigkeit eine höhere Qualität vorzutäuschen. Wird das "fettige Öl" inhaliert, kommt es zu schwerwiegenden Lungenschädigungen. Über 373 Verletzte liegen genauere Daten vor, wie CDC-Chef Robert Redfield sagte. Rund 67 Prozent von ihnen seien zwischen 18 und 34 Jahre alt, 16 Prozent seien jünger als 18. Etwa drei von vier sind demnach männlich.

In den USA stehen die Geräte inzwischen auch wegen einer kürzlich veröffentlichten Studie unter Druck: In E-Zigaretten und Kautabak hatten Wissenschaftler einen möglicherweise krebserregenden Geschmacksstoff "in besorgniserregend hoher Konzentration" entdeckt. Der Stoff namens Pulegon sei in Produkten mit Minz- und Mentholgeschmack enthalten, berichteten Wissenschaftler im Fachjournal Jama Internal Medicine. Ausgefallene Geschmacksrichtungen für E-Zigaretten sollen nach dem Willen der US-Regierung in den Vereinigten Staaten verboten werden. Präsident Donald Trump hatte in der vergangenen Woche "sehr strenge" Vorschriften für Hersteller angekündigt und die Nutzung von E-Zigaretten als "großes Problem" bezeichnet.

Einer aktuell im Fachjournal Scientific Reports veröffentlichten Studie zufolge können E-Zigaretten möglicherweise auch Krankheiten wie Asthma verschlimmern. "Die Mehrheit der E-Zigaretten-Raucher benutzt Flüssigkeiten mit Geschmack, aber es gibt Hinweise, dass aromatisierende Zusatzstoffe beim Einatmen giftig wirken können", erklärte Studienautor David Chapman von der Technischen Universität Sydney. Inwieweit die Ergebnisse auch für den deutschen Markt gelten, ist unklar. Allerdings sind E-Zigaretten in den USA deutlich weniger reglementiert als in Deutschland.

Einige Bereiche sind kaum reguliert, andere von Bundesstaat zu Bundesstaat verschieden. Zum Beispiel gibt es keine einheitliche Obergrenze beim Nikotingehalt. In den USA kann man Produkte mit doppelt bis dreimal so viel Nikotin wie in Deutschland kaufen. THC in den Geräten ist in Deutschland verboten, die Substanz fällt unter das Betäubungsmittelgesetz.

Aber auch in der Bundesrepublik kann das Rauchen von E-Zigaretten unter Umständen krebserregend sein, wie das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) schreibt. "Im Vergleich zu Tabakzigaretten sind E-Zigaretten zwar sehr wahrscheinlich deutlich weniger schädlich, dennoch sind sie keine harmlosen Life-Style-Produkte", hält das DKFZ in einem Faktenpapier fest. Gleichzeitig erklärte die Leiterin der Stabsstelle des DKFZ, Ute Mons:

Nach aktueller Studienlage sind E-Zigaretten deutlich weniger schädlich als herkömmliche Zigaretten.

Studien zu den kurzfristigen Auswirkungen hätten beispielsweise gezeigt, dass sich der Zustand von Patienten mit der Lungenkrankheit COPD besserte, nachdem sie auf E-Zigaretten umgestiegen waren. Außerdem sei belegt, dass E-Zigaretten bei der Rauchentwöhnung helfen können. Zwar brächten E-Zigaretten nicht alle weg vom Rauchen, so die Medizinerin.

Doch für langjährige Raucher, die nicht von ihrer Sucht loskommen, könnten sie eine Alternative sein. "Ideal ist natürlich, ganz aufzuhören und gar nicht erst anzufangen." Allerdings sei noch nicht klar, wie sich E-Zigaretten langfristig auswirken, da sie noch nicht so lange auf dem Markt sind.

In Deutschland gibt es einen regelrechten E-Zigaretten-Boom. Der Umsatz bei E-Zigarette und Co. liege in diesem Jahr bei schätzungsweise 600 bis 650 Millionen Euro, sagte Michal Dobrajc, Verbandschef des E-Zigarettenhandels. Das seien bis zu 25 Prozent mehr als noch ein Jahr zuvor. Die Zahlen beziehen sich auf Firmenumfragen und Hochrechnungen, in den vergangenen Jahren war das Plus ähnlich hoch. Zumindest bislang ist der Umsatz mit klassischen Tabakwaren aber etwa noch 40-mal so hoch.

Rigoros handelte gerade erst die indische Regierung: Sie verbot Verkauf, Produktion, Import und Bewerbung von E-Zigaretten. E-Zigaretten stellten besonders für junge Menschen zunehmend ein Gesundheitsrisiko dar, erklärte die indische Finanzministerin Nirmala Sitharaman. Mehrere Bauernvereinigungen in Indien hatten ein Verbot von E-Zigaretten gefordert. Indien ist eines der größten Produktionsländer von Tabak.

Mehr zum ThemaIndien verbietet Verkauf von E-Zigaretten

(rt deutsch/dpa)