Nordamerika

"Systemischer Rassismus" in den USA: Luftverschmutzung trifft Schwarze deutlich stärker als Weiße

Eine aktuelle Studie zeigt: Wie stark ein US-Bürger von Luftverschmutzung betroffen ist, hängt von seiner Hautfarbe ab. Besonders schwarze, aber auch asiatischstämmige und hispanische US-Amerikaner leiden unter erhöhter Feinstaubbelastung. Die Forscher sprechen von einem "systemischen Rassismus".
"Systemischer Rassismus" in den USA: Luftverschmutzung trifft Schwarze deutlich stärker als WeißeQuelle: www.globallookpress.com

Schwarze US-Bürger sind in deutlich größerem Maß von gesundheitsschädigender Luftverschmutzung betroffen als weiße. Zu diesem Ergebnis kam eine landesweite Studie der Universität von Illinois in Zusammenarbeit mit Umweltforschern weiterer US-amerikanischer Universitäten, die jüngst in dem Wissenschaftsmagazin Science Advances veröffentlicht wurde. Die Wissenschaftler untersuchten die Luftverschmutzung in den USA – insbesondere Feinstaubemissionen bis Partikelgröße PM2,5 – hinsichtlich des Zusammenhanges mit ethnischer Ungleichheit.

Der Teamleiter Christopher Tessum, Professor für Umwelttechnik an der Universität von Illinois, äußerte sich verblüfft, wie deutlich die Resultate ausfielen: Die nichtweiße Bevölkerung der USA ist über das ganze Land hinweg und verschiedene Einkommensschichten übergreifend einer höheren Luftverschmutzung ausgesetzt als die weiße. Am stärksten betroffen sind schwarze US-Bürger, gefolgt von asiatischstämmigen und hispanischen Amerikanern.

Laut einem Co-Autor der Studie, dem Professor für Umwelttechnologie an der Universität von Kalifornien Joshua Apte, war das gesamte Wissenschaftsteam "überrascht", dass sich das Bild für die gesamten USA anwenden lasse – nicht nur für einzelne Brennpunkte. Apte konstatierte:

"Das Problem existiert in städtischen und ländlichen Gegenden, in verschiedenen Regionen der USA, für Menschen, die in nahezu allen US-Städten leben."

Die Wissenschaftler ermittelten für das Jahr 2014 eine durchschnittliche Feinstaubbelastung der gesamten US-Bevölkerung von 6,5 Mikrogramm pro Kubikmeter (μg/m³). Bei der nichtweißen Bevölkerung lag diese deutlich darüber: Bei schwarzen US-Amerikanern betrug die Feinstaubbelastung 7,9 μg/m³, bei asiatischstämmigen US-Bürgern 7,7 μg/m³ und bei hispanischen Amerikanern 7,2 μg/m³. Die weißen US-Bürger waren im Durchschnitt nur einer Belastung von 5,9 μg/m³ ausgesetzt.

Laut der Studie können in den USA jährlich zwischen 85.000 und 200.000 Todesfälle mit Luftverschmutzung in Zusammenhang gebracht werden. Tessum machte deutlich, dass die Luftverschmutzung durch zahlreiche Faktoren ausgelöst wird: industrielle Fabriken, Pkws, dieselbetriebene schwere Lkws, Bau- und Landwirtschaft. Zwar sei das Niveau der Feinstaubbelastung insgesamt landesweit gesenkt worden, dennoch verteile sich die Belastung signifikant entlang der ethnischen Aufteilung in den USA.

Ein weiterer Co-Autor der Studie, der Professor für Umwelttechnologie an der Universität von Washington Julian Marshall, machte deutlich, dass bei fast allen Quellen der Feinstaubbelastung – insbesondere den Industrie- und Straßenabgasen – die nichtweiße Bevölkerung höher belastet wird als die weiße. Er betont:

"Die Ungleichheiten, über die wir berichten, sind ein Resultat eines systemischen Rassismus: Über die Zeit hinweg wurden die nichtweiße Bevölkerung und die Luftverschmutzung zusammengedrängt – nicht bloß in einigen Fällen, sondern bei nahezu allen Emissionsquellen."

Joshua Apte von der Universität von Kalifornien nennt die Untersuchungsergebnisse einen "Weckruf", der aufzeige, wie die tief die Ungleichverteilung in der US-Gesellschaft ausgeprägt sind. Für Julian Marshall von der Universität von Washington zeige die "systemische Natur" der Probleme, dass diese in einer "nationalen, fachübergreifenden Untersuchung" weiteranalysiert werden müssen.

Für die in den USA weithin bekannte kalifornische Aktivistin in Sachen Umweltgerechtigkeit Margaret Gordon sind die Ergebnisse der Studie keineswegs überraschend. Das britische Nachrichtenportal The Guardian berichtet von ihrem über 30-jährigen Engagement gegen Luftverschmutzung in ihrer Nachbarschaft in West Oakland (Kalifornien). In den 1990er Jahren stellte sie fest, dass die Bewohner der "schwarzen Stadtteile" auffallend häufiger an Asthma, Herzproblemen und anderen Folgeerscheinungen von Luftverschmutzung litten. Sie berichtet, dass insbesondere die Wohnungen für die arme schwarze Bevölkerung direkt an den Autobahnen liegen – mit den Fenstern zur Straße.

Gordon betonte, dass gegen das Coronavirus innerhalb weniger Monate ein Impfstoff erfunden und produziert wurde, wogegen sich das Sterben der Schwarzen an der Luftverschmutzung jedoch seit Jahrzehnten nicht verändert habe.

"Diese Menschen sterben seit 50 Jahren an den gleichen Dingen und in 50 Jahren haben wir dafür keine Lösung gefunden. Das ist ein Schlag ins Gesicht für die gesamte Menschheit."

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