Nordamerika

"Dies ist doch kein Dritte-Welt-Land" – Menschen und Tiere leiden weiter im Süden der USA

Während der Wintersturm in den USA nachlässt, haben viele Anwohner weiter keinen Strom und vielerorts kein Wasser. Infrastruktur wie Straßen und auch Kliniken sind beeinträchtigt. Auch Tiere sterben, Landwirte sehen starke Einbußen auf sich zurollen.
"Dies ist doch kein Dritte-Welt-Land" – Menschen und Tiere leiden weiter im Süden der USAQuelle: Reuters © REUTERS/Adrees Latif

Die eisigen Temperaturen im Süden der USA bleiben auch nach dem Wintersturm, Millionen Anwohner kämpfen weiter mit den Folgen, während weder die volle Versorgung mit Strom noch mit Wasser bisher wiederhergestellt werden konnte.

Die Fähigkeit der Krankenhäuser, Patienten zu behandeln bleibt weiterhin eingeschränkt, einige wurden bereits verlegt. Gemeinden mit überfrorenen Straßen, die in Teilen des Staates immer noch unpassierbar sind, blieben isoliert, wie Reuters am Mittwoch berichtet.

Bewohner in mehr als 100 Bezirken in Texas wurden aufgefordert, ihr Trinkwasser abzukochen, da die Aufbereitungsanlagen weiterhin unter den Stromausfällen leiden, so die Behörden. Mehr als 12 Millionen Menschen in diesem Bundesstaat – mit einer Bevölkerung von etwa 29 Millionen der zweitgrößte des Landes – haben derzeit entweder gar kein Trinkwasser in ihren Häusern oder es ist nur sporadisch verfügbar.

"Dies ist in vielerlei Hinsicht eine Katastrophe innerhalb der Katastrophe", sagte Richterin Lina Hidalgo, die oberste gewählte Amtsträgerin in Harris County, wozu auch Houston zählt, mit Blick auf die Folgen des Unwetters. Da bis zum Wochenende weiterhin eisige Temperaturen erwartet werden, wird es ein langsamer Prozess sein, die Stromversorgung wiederherzustellen. Denn Texas hat 40 Prozent seiner Stromerzeugungskapazität verloren, nachdem Erdgasquellen und -pipelines sowie Windturbinen eingefroren sind.

Krankenhäuser in Houston, der größten Stadt des Bundesstaates, und anderswo in Texas haben berichtet, dass sie kein Wasser haben. Knapp zwei Dutzend Todesfälle wurden bisher dem Kälteeinbruch zugeschrieben. Beamte gehen laut Reuters davon aus,  dass viele weitere Menschen gestorben sind – nur ihre Leichen wurden noch nicht entdeckt. Dan Petersen, ein Meteorologe beim Nationalen Wetterdienst in College Park, Maryland, sagte, dass der Sturm aus Texas abzieht. "Das Schlimmste ist vorbei und die Dinge werden bis zum Wochenende besser werden", sagte er. Aber die Temperaturen unter dem Gefrierpunkt werden laut Petersen für mehrere Tage anhalten, und die eisige Kälte könnte die Bemühungen erschweren, das Energienetz in Texas wieder auf volle Kapazität zu bringen.

Die Anwohner zeigen sich zunehmend wütend angesichts der Zustände, einige zeigen in den sozialen Medien ihre Hilflosigkeit angesichts teils unglaublicher Ausmaße, wie etwa der zerstörten oder überfluteten Häuser und der Notwendigkeit, für Wasser Schlange stehen zu müssen.

Auch Tiere und Landwirte hart getroffen

Texas ist Heimat von mehr als 13 Millionen Rindern. Viehzüchter müssen jetzt großen Aufwand betreiben, um diese Tiere zu versorgen, wie Eis aufzubrechen, damit die Tiere etwas zu trinken haben. Die eisigen Temperaturen haben oft den Dieselkraftstoff in den Traktoren in ein unbrauchbares Gel verwandelt. Einige Rancher verwenden benzinbetriebene Pickups, um Heu als Futter und Einstreu zu transportieren. Doch sind auch Tiere gestorben, insbesondere Kälber und Lämmer, weil sie den Kälteschock nicht überlebt haben. Auch sind Futterpflanzen eingegangen, Landwirte und Züchter werden weitere Gewinnverluste erleiden, nachdem die Preise für Mais und Sojabohnen auf ein Mehrjahreshoch stiegen.

Im Bundesstaat Texas starben bei eisigen Temperaturen auch mindestens zwölf Tiere auf einem Gnadenhof, wie die gemeinnützige Einrichtung "Primarily Primates" in San Antonio am Mittwoch (Ortszeit) mitteilte. Darunter befänden sich ein Schimpanse, Lemuren und verschiedene andere Affenarten.

Nachdem die Versorgung mit Elektroenergie am frühen Montagmorgen ausgefallen war, versuchten die Mitarbeiter des rund 280 Quadratmeter großen Gnadenhofs zunächst, die Tiere unter Zuhilfenahme von Generatoren, Heizungen und Decken warm zu halten. Als die Temperaturen mit Einbruch der Nacht erneut sanken, begannen die Helfer, einige Tiere von Hunderten andernorts in Sicherheit zu bringen, darunter im Zoo der Millionenstadt.

"Ich habe noch nie vor einer solchen Entscheidung gestanden", sagte Geschäftsführerin Brooke Chavez der Zeitung San Antonio Express-News. Die Auswahl der Tiere sei davon abhängig gewesen, welche Aussicht bestand, sie einzufangen. Als die Mitarbeiter begannen, die Tiere für den Transport vorzubereiten, fanden sie auf dem Gelände einige, die bereits verendet waren. Der Gnadenhof hatte öffentlich um Hilfe gebeten, grundlegende Dinge dafür wie Nahrungsmittel und Decken fehlten. Auch andere Tiere wie Schildkröten mussten zum Überleben umgesiedelt werden.

"Ich hätte nie gedacht, dass sich mein Büro in eine Leichenkammer verwandeln würde, aber das ist nun passiert", so Chavez weiter. Die genaue Zahl der toten Tiere könne vermutlich erst dann ermittelt werden, wenn es wärmer wird und der Schnee schmilzt. Sie sei aber froh, dass sie so viele Tiere hätten retten können. Dankbar sei sie auch den Menschen, die ihnen Vorräte für die Tiere gespendet hätten. Primarily Primates hat nach eigenen Angaben Hunderte von Tieren – darunter viele Primaten – aufgenommen, die zu Forschungs- oder Unterhaltungszwecken benutzt und ausgebeutet worden waren.

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(rt de/ dpa)