Meinung

Die Suspendierung eines Busfahrers als Hochfest der Doppelmoral

In Dresden wird ein Busfahrer suspendiert, weil er mit einem Schild in Frakturschrift darauf hingewiesen hatte, dass ein deutscher Fahrer in seinem Bus sitze. Der Fall zeigt beispielhaft, wie die herrschende Doppelmoral notwendige Debatten verhindert.
Die Suspendierung eines Busfahrers als Hochfest der DoppelmoralQuelle: www.globallookpress.com © Tino Plunert/dpa - imago stock&people

von Andreas Richter

Am Dienstag dieser Woche ging die Nachricht durch die Medien, dass in Dresden ein Busfahrer suspendiert wurde, nachdem er – als Angestellter eines Subunternehmens der Dresdner Verkehrsbetriebe (DVB) – mit einem selbstgemachten Schild unterwegs war, auf dem in Frakturschrift und nicht fehlerfreier Rechtschreibung stand: "Diesen Bus steuert ein Deutscher Fahrer". 

Der Vorfall und die Debatte um ihn werfen ein grelles Licht auf das Deutschland des Jahres 2019, wenn es um die Themen Migration und Rechtsextremismus geht. Zunächst einmal ist zu sagen, dass der Busfahrer sich keinen Gefallen damit tat, seine Nachricht in dieser Schriftform zu überbringen. Selbst wenn das NS-Regime die Frakturschrift als "Schwabacher Judenlettern" ablehnte und durch die noch heute gängige Antiqua ersetzte, erleichterte dieser Umstand seinen Kritikern, ihn in die Nazi-Ecke zu stellen.

Es ist ebenfalls klar, dass die DVB jedes Recht dazu hatten, das Schild zu entfernen und den Fahrer für das Anbringen des Schildes zu sanktionieren und es ihm zu verbieten. Aber, und da geht es los, zu sagen, er werde nie wieder auf DVB-Linien fahren, ist vollkommen unangemessen. Es ist unklar, ob der Fahrer ein Rechtsextremer ist. Selbst wenn er es wäre, sollte er nur deshalb nicht mehr als Busfahrer unterwegs sein dürfen, solange er seine Ansichten und seine Arbeit trennt? Was käme als Nächstes?

Der Vorgang erinnert von Ferne an die frühen neunziger Jahre, als die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) reihenweise ehemalige Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit entließen, die zuvor, gemäß dem Motto "Stasi in die Produktion!" zu Straßenbahnfahrern umgeschult worden waren. Die BVG meinten seinerzeit, solche Fahrer ihren Kunden "nicht zumuten" zu können.

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Wie seinerzeit die BVG zeigen heute die Dresdner Verkehrsbetriebe, die sich als "weltoffen und tolerant" und "politisch neutral" bezeichnen, mit ihrer Reaktion sehr schön die herrschende Doppelmoral. Man stelle sich vor, der Fahrer wäre türkischen Ursprungs und hätte mit einem derartigen Schild auf seine Herkunft aufmerksam gemacht. Oder er hätte eine Regenbogenfahne aufgehängt oder ein Schild mit der Aufschrift "Refugees welcome". Er wäre mit Sicherheit nicht dauerhaft aus dem Fahrdienst verbannt worden, eher hätte es für seine "Zivilcourage" Einladungen in Talkshows gegeben.

Dabei ist der Hintergrund des Vorfalls wahrscheinlich ein ganz anderer. Die DVB versuchen derzeit, Busfahrer aus Serbien anzuwerben, weil Busfahrer auf dem deutschen Arbeitsmarkt nicht mehr zu finden seien. Es ist diese Form der Arbeitsmigration, die dafür sorgt, dass der Lohndruck in den betroffenen Branchen hoch bleibt und die Löhne niedrig. Für die Beschäftigten hierzulande ist es deshalb nur rational, diese Form der Zuwanderung abzulehnen. Und es ist wahrscheinlich, dass der Fahrer mit seiner unbeholfenen und für ihn schädlichen Aktion diese Ablehnung zum Ausdruck bringen wollte.

Aber im Deutschland dieser Tage wird nicht über unterschiedliche Interessen geredet, sondern über Moral. Verheerender Weise wird derzeit nur noch nach dieser Manier Politik begründet. Und so wird in diesem Fall wieder einmal die Nazikeule ausgepackt, statt, kurz vor dem Inkrafttreten des neuen Fachkräftezuwanderungsgesetzes der Bundesregierung, einmal offen und ehrlich über Vor- und Nachteile von Migration und Arbeitsmigration zu diskutieren. 

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