Meinung

Bischof auf Abwegen: "Nationalismus widerspricht christlichen Werten"

Der Nationalismus sei nicht mit christlichen Werten vereinbar, meint der EKD-Vorsitzende Bedford-Strohm. Damit stellt er sich hinter Politiker, die diese Ideologie vor Monaten als Feindbild entdeckt haben. Hat der Bischof recht? Und was soll das Ganze?
Bischof auf Abwegen: "Nationalismus widerspricht christlichen Werten"Quelle: AFP © John MacDougall

von Andreas Richter

Vor der Wahl zum EU-Parlament hat der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, scharf gegen den Nationalismus Stellung bezogen. Der dpa sagte Bedford-Strohm in Brüssel:

Für mich besteht ein tiefer Widerspruch zwischen nationalistischen Einstellungen und den Grundorientierungen des christlichen Glaubens.

Heimatliebe sei etwas Wunderbares. Doch Nationalismus stelle das eigene Land an erste Stelle und werte andere ab. "Ein Deutscher ist nicht mehr wert als der Mensch aus einer anderen Nation", so der EKD-Ratsvorsitzende weiter.

Bedford-Strohm schlägt mit seinen Äußerungen in dieselbe Kerbe wie eine Reihe prominenter Politiker, unter ihnen Bundeskanzlerin Angela Merkel, Außenminister Heiko Maas, zuletzt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sowie sämtliche Spitzengrüne. Sie alle präsentierten zuletzt den Nationalismus als das Feindbild unserer Tage, als Gegenbild der von ihnen gepriesenen europäischen Integration.

Dem Ganzen liegt eine absichtliche oder auf Unwissenheit beruhende Fehlinterpretation des Nationalismusbegriffs zugrunde. Dabei bezeichnet dieser erst einmal nur die Ideologie, nach der die Angehörigen einer Nation in einem eigenen Staat leben sollten. Diese Ideologie hat Europa in den vergangenen 200 Jahren geprägt.

Niemand kann ihre problematischen Seiten in Abrede stellen, etwa die Probleme eines übersteigerten Nationalismus und Chauvinismus oder einander entgegengesetzte Nationalismen. Deshalb aber den Nationalismus an sich zu verdammen, ist unhistorisch und geradezu albern. Diese Ideologie ist da und wirkmächtig, auch im sich für aufgeklärt haltenden Teil Europas. Sie lässt sich nicht wegpredigen. Es gilt, einen vernünftigen Umgang mit ihr zu finden.

Bertolt Brecht beschrieb in seiner Kinderhymne von 1950, die leider nicht zur deutschen Nationalhymne wurde, wie ein aufgeklärter Nationalismus aussehen kann, der sich sicher auch mit christlichen Werten vereinbaren lässt:

Anmut sparet nicht noch Mühe,
Leidenschaft nicht noch Verstand,
Dass ein gutes Deutschland blühe
Wie ein andres gutes Land.

Dass die Völker nicht erbleichen
Wie vor einer Räuberin,
Sondern ihre Hände reichen
Uns wie andern Völkern hin.

Und nicht über und nicht unter
Andern Völkern woll'n wir sein
Von der See bis zu den Alpen,
Von der Oder bis zum Rhein.

Und weil wir dies Land verbessern,
Lieben und beschirmen wir's.
Und das Liebste mag's uns scheinen
So wie andern Völkern ihr's.

Wenn nun Politiker und Kirchenobere Nationalismus als Feindbild entdecken und ihm den Supranationalismus der Europäischen Union entgegenstellen, zeigt das auch, wie abgehoben und entrückt sie sind. Denn die Nation ist immer noch untrennbar mit der Demokratie verbunden; beim "Kleinen Mann" verstärken Äußerungen wie die des Bischofs nicht ohne Grund den Eindruck, dass ihm etwas weggenommen werden soll - das Recht, mit zu entscheiden.

Bischof Bedford-Strohm sollte sich ohnehin fragen, ob es seiner Kirche gut ansteht, sich wieder einmal derart eng an den politischen Zeitgeist anzukuscheln. In der Vergangenheit führte genau diese Nähe dazu, dass auch die Kirche chauvinistische Ideen verbreitete und sich in die Verbrechen des NS-Regimes verstrickte. Sünden der Vergangenheit durch Übersteigerung der politischen Korrektheit wettmachen zu können, ist ein Irrglaube, dem nicht nur die Evangelische Kirche anhängt.

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