Meinung

Verschwörungstheorien zu Venezuela? Wie sich die Springer-Blätter Bild und Welt widersprechen

Stehen die USA hinter dem Umsturzversuch in Venezuela? Verschwörungstheorie, meint die Welt. Dumm nur, dass das Schwesterblatt Bild genau solche "Verschwörungstheorien" verbreitet. Ein Beispiel für guten Journalismus ist der Bild-Artikel trotzdem nicht
Verschwörungstheorien zu Venezuela? Wie sich die Springer-Blätter Bild und Welt widersprechen© Screenshot Twitter / Bild.de

von Andreas Richter

Es scheint im Axel-Springer-Verlag keine einheitliche Linie in der Bewertung der Ereignisse in Venezuela zu geben. Natürlich ist man eindeutig in der Parteinahme: Präsident Nicolás Maduro ist für alle Springer-Medien der Bösewicht, bei Bild etwa lässt sich sein Name kaum noch ohne die Bezeichnung "Diktator" finden. Der selbsternannte Übergangspräsident Juan Guaidó wird hingegen gern als Hoffnungsträger präsentiert.

Weniger einig ist sich die Springer-Presse in der Bewertung der Rolle der USA in Venezuela. Im Finanzteil der Welt erschien am Dienstag ein Artikel mit der Überschrift "Tobt in Venezuela ein Kampf der Weltmächte ums Öl?". Hier der Teaser dieses Artikels:

Laut Verschwörungstheorien stecken die USA hinter dem Machtkampf in Venezuela. Der Grund: Sie wollen an die Ölquellen des Landes. Doch eine Analyse der wirtschaftlichen Verhältnisse zeigt: Zwei andere Länder haben dort größere Interessen.

Zusammengefasst: Wer die USA hinter den Unruhen in Venezuela wähnt, ist ein Verschwörungstheoretiker, denn andere Länder (gemeint sind China und Russland) sind dort wirtschaftlich stärker engagiert. Das ist eine interessante Logik. Immerhin räumt der Artikel noch ein, dass die "verstörend schnelle" Anerkennung Guaidós durch die USA den "Anschein" erweckte, dass diese in die Planungen einbezogen gewesen seien.

Nach den Maßstäben dieses Welt-Artikels hatte Bild am Montag Verschwörungstheorien verbreitet. In einem für Bild-Verhältnisse sehr langen und analytischen Artikel mit der Überschrift "Darum will Trump Diktator Maduro stürzen" wird die entscheidende Rolle der USA recht genau beschrieben. Unter anderem erfährt der Leser, dass Guaidó sich erst zum Präsidenten ausrief, nachdem ihn US-Vizepräsident Mike Pence in der Nacht zuvor telefonisch dazu ermutigt hatte.

Der Artikel bezieht sich wiederholt auf einen Artikel des Wall Street Journal, über den auch RT Deutsch berichtete. Demnach ist der begonnene Umsturz in Venezuela nur der Beginn einer umfassenden Neugestaltung Lateinamerikas, in deren Verlauf auch Kuba und Nicaragua an die Reihe kommen sollen.

Der Artikel der US-Zeitung ist betont nüchtern und sachlich geschrieben. Für den Bild-Artikel gilt das Gegenteil. Diesen Satz etwa muss man sich auf der Zunge zergehen lassen:

Seit dem Anschlag vom 11. September 2001 hatten die USA ihren Nachbarkontinent im Süden weitgehend vernachlässigt.

Daraus darf man schließen, dass sich die USA vorher für Bild um Lateinamerika "gekümmert" hätten. Eine interessante Umschreibung für die blutigen Umstürze und Bürgerkriege, die die Vereinigten Staaten etwa 1973 in Chile und in den 80er Jahren in Mittelamerika zu verantworten hatten, und die Unterstützung von Diktaturen, gegen die sich das heutige Venezuela wie ein demokratisches Musterland ausnimmt.

Auch sonst geht Bild in die Vollen: Venezuela, Nicaragua und Kuba werden als "Diktaturen" gebrandmarkt, Russland, China und Iran als "totalitäre Systeme" bezeichnet. Differenzierung ist nicht gefragt, nationales und internationales Recht interessiert ohnehin nicht. Die Botschaft ist klar: Die Schurken sind derartige Schurken, dass jede Form der Intervention durch die USA gerechtfertigt erscheint.

Damit lässt sich festhalten: Bild ist in diesem Fall vor dem Vorwurf in Schutz zu nehmen, Verschwörungstheorien zu verbreiten. Das Blatt verbreitet nur wieder einmal Un- und Halbwahrheiten sowie die übliche Hetze.

Mehr zum Thema - Putsch in Venezuela, Gelbwesten, EU-Vertrag: Ein Wochenrückblick auf den medialen Abgrund

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