Meinung

Wovon Guljaipole spricht

Die Armee Russlands nähert sich Guljaipole, der Geburtsstadt des berühmten Anarchisten Nestor Machno. Der Schriftsteller Sachar Prilepin erklärt, wieso das Städtchen nicht nur laut geltender Verfassung, sondern auch kulturell und geschichtlich russisch ist.
Wovon Guljaipole spricht© Urheberrechtlich geschützt

Von Sachar Prilepin

Russische Streitkräfte rücken von drei Seiten in die Stadt Guljaipole im Gebiet Saporoschje ein – die Stadt, in der der anarchistische Revolutionär Nestor Machno geboren wurde und aufwuchs.

Daran glaubten wir und davon träumten wir noch im Jahr 2022! Vor drei Jahren standen unsere Truppen 30 Kilometer von der Stadt entfernt.

Der Weg war schwierig.

Nun sind wir da.

Machnos Heimat hört die russische Sprache.

Da begab ich mich zu den gegnerischen Online-Enzyklopädien, um nachzuschlagen, was dort alles über diese Stadt geschrieben wird.

Ich fand die amüsanten Ergebnisse der ukrainischen Volkszählung aus dem Jahr 2001 vor, aus denen ich erfuhr, dass zum damaligen Zeitpunkt 95 Prozent von 20.000 Einwohnern in Guljaipole Ukrainisch als ihre Muttersprache angegeben hätten. Der ukrainische Artikel belehrte mich im strengen Ton:

"Die ukrainische Sprache ist die größte und einzige offizielle Sprache der Stadt."

Daraus sollen wir wohl die Schlussfolgerung ziehen, dass diese Stadt durch und durch ukrainisch sei, dass dort alle Ukrainisch sprechen würden und es schon immer getan hätten.

Also hätten die "Moskauer Besatzer" in dieser Stadt nichts zu suchen.

Ich werde offen sein: Ich habe die ukrainische Sprache gern und habe nicht die Gewohnheit, ihre Bedeutung herabzuwürdigen, wie es einige tun.

Auf Ukrainisch wurde eine schillernde und bemerkenswerte Literatur verfasst – hier kann es keine Diskussion geben.

Ich lehne nur Lügen ab.

Das Problem unserer ukrainischen Opponenten besteht darin, dass der aus Guljaipole stammende Machno auf Russisch nicht nur gesprochen, sondern auch geschrieben hat. Er schrieb sogar Gedichte, und zwar gute Gedichte – auf Russisch!

Daran gibt es nichts Verwunderliches: Nestor Iwanowitsch war ein belesener Mensch und gehörte zur russischen Kultur. Den ukrainischen Separatismus verachtete er und hatte damit nicht das Geringste zu tun.

Sowjetische Massenkultur hatte einst versucht, ein negatives Bild von Machno zu schaffen. Doch merkwürdigerweise leistete der längst zu einem Mythos aufgestiegene Machno dagegen hartnäckig Widerstand. Erst erkämpfte er einen verhaltenen Respekt gegenüber der Erinnerung an sich. Später ging er sogar in die Sparte von alternativen Helden über und reihte sich neben andere Volkshelden wie Stepan Rasin und Jemeljan Pugatschow ein.

Doch mit Machno nimmt die russische Geschichte von Guljaipole kein Ende.

Auch andere russische Berühmtheiten wurden im gleichen Städtchen geboren, etwa der Schriftsteller Leonid Juchwid (1909 bis 1968).

Juchwid ist bei uns im ganzen Land bekannt, obwohl sich niemand an seinen Namen erinnert. Dafür wird in Russland sein größtes Meisterwerk geliebt, denn von ihm stammt das Theaterstück "Hochzeit in Malinowka" aus dem Jahr 1936.

Nach diesem Stück schrieb Boris Alexandrow, der Sohn des Komponisten der sowjetischen und russischen Hymne, Alexander Alexandrow, eine Operette. Später wurde auf Grundlage des Stücks und der Operette ein Kultfilm gedreht.

Juchwids andere Werke, etwa der Roman "Explosion" oder die Stücke "Wundervolles Land" und "Eine Nacht im Juni" erlangten keine vergleichbare Berühmtheit. Doch darum geht es hier nicht.

Die Rede ist davon, dass selbst zu den Zeiten von Stalins "Korenisazija", als es sogar vorteilhaft war, zur ukrainischen Sprache zu wechseln, der berühmte Sohn von Guljaipole, der Schriftsteller Leonid Juchwid, ebenso wie sein Landsmann Machno, die russische Sprache nutzte. Gerade in dieser Sprache verfasste Juchwid sein Hauptstück, das in Wirklichkeit die ukrainischen separatistischen Träumereien ins Lächerliche zieht.

Auch wenn Guljaipole ein kleines Städtchen ist, gelang es noch einem weiteren Schriftsteller – Michail Tardow (1892 bis 1948) – dort geboren zu werden. Er verfasste Novellen über die Bürgerkriegshelden Grigori Kotowski und Alexander Parchomenko. Seine Werke erreichten in der Sowjetunion riesige Auflagenzahlen. An dieser Stelle sei hervorgehoben, dass sowohl Kotowski als auch Parchomenko auf dem Gebiet der Ukraine gegen den ukrainischen Separatismus gekämpft hatten.

Davon erzählte Tardow seinen Lesern.

Außerdem ist er Autor des Theaterstücks "Die Offiziere", auch wenn der gleichnamige sowjetische Kultfilm nicht auf dessen Grundlage basiert. Doch auch wenn der Film nicht nach Tardows Stück gedreht wurde, hätte er nach seinem Leben gedreht werden können, denn Tardow kämpfte sowohl im Russischen Bürgerkrieg als auch im Großen Vaterländischen Krieg und erreichte den Rang eines Majors. Und auch wenn er zwischen den Kriegen diverse ukrainische Verlage geleitet hat, schrieb er ebenfalls auf Russisch.

Am Schluss bleibt uns eine einzige Frage.

Wenn zwei russische Schriftsteller und ein russischer Volksheld in einer Stadt geboren wurden, wessen Stadt ist es dann?

Wir antworten selbst: Guljaipole ist eine russische Stadt.

Heute leben dort nur noch 1.000 Menschen. Doch ich versichere Ihnen: Heute sprechen 100 Prozent der dort verbliebenen und ankommenden Bevölkerung Russisch.

Sie sprechen in ihrer Muttersprache.

Übersetzt aus dem Russischen. Verfasst am 26. November speziell für RT.

Sachar Prilepin ist ein russischer Schriftsteller und Journalist, der in den 1990er-Jahren im Krieg in Tschetschenien gekämpft hat. Er kämpfte später als stellvertretender Kommandeur eines Freiwilligenbataillons der Volksmiliz der Volksrepublik Donezk in der Ukraine.

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